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FC Hansa Rostock : Der Reporter kriegt ’ne glatte Eins

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Udo Ramlow war schon oft im Ostseestadion. Sehen kann er die Spiele des FC Hansa zwar nicht, aber hören: dank Blindenradio

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erstellt am 19.Apr.2016 | 08:00 Uhr

Udo Ramlow ist schon oft im Ostseestadion gewesen. Zuletzt am Sonnabend beim 2:0 gegen den VfB Stuttgart II. Und doch hat er noch kein Spiel des FC Hansa gesehen…

Als er es noch gekonnt hätte, war er nie beim Fußball, weil er auch an den Wochenenden stets arbeitete. Fast 25 Jahre auf dem Bau als Maurer, Brigadier, Lehrausbilder – bis er 1992, 1993 erblindete. Da war er noch nicht mal 40…

Inzwischen gehört der Vater einer Tochter und zweifache Opa zum harten Kern des Fanclubs „Blindfische“, hat eine Jahreskarte und ist bei fast jedem Hansa-Heimspiel dabei. Dies funktioniert nur mit Betreuungsperson. Ramlow erzählt: „Als mein früherer Begleiter plötzlich starb, setzte meine Frau Edeltraut eine Anzeige in die Zeitung, auf die sich dann Kerstin Schnegula meldete. Wir haben uns von Anfang an blind verstanden“, lacht der 61-Jährige über die eigene Formulierung und fügt hinzu: „Meine Frau interessiert sich nicht für Fußball. Aber sie war trotzdem schon dreimal mit, so auch 2008 beim legendären 9:0 gegen Koblenz in der 2. Bundesliga.“

Sonnabend, Block 12 auf der Ost-Tribüne. Udo macht es sich mit Kerstin auf den für die Sehgeschädigten reservierten Plätzen bequem, hängt sich den Empfänger für die Audiodeskription (akustische Bildbeschreibung) um, setzt die Kopfhörer auf – und ist kurz darauf auch ohne Augenlicht dank Blindenradio mitten im Geschehen.

Der Lütten Kleiner gesteht, auf Grund der hohen Fluktuation bei den Spielern nicht jeden Namen zu kennen. Er könne sie also auch nicht alle mitrufen, wenn die Aufstellung angesagt wird. Aber bei der Hymne kurz vor dem Anpfiff ist er mit Inbrunst dabei, schmettert aus voller Kehle: „Wir lassen Hansa niemals im Stich, niemals!!!“ Und singt noch immer, als die Partie bereits läuft. Damit auch Udo Ramlow und seine Mitbetroffenen etwas „sehen“, tritt nun Reporter Thomas Weggen in Aktion und schildert, was unten auf dem Rasen geschieht. 90 Minuten Reportage, alles klappt bestens. Was allerdings nicht immer so ist. Udo Ramlow: „Die Kopfhörer sind neu, aber die Geräte schon ziemlich alt. Manchmal hörst du auf einmal nichts mehr, müssen mitten im Spiel die Batterien gewechselt werden, weil die alle sind. Zu unserem zehnjährigen Bestehen in der Saison 2017/18 wünschen wir uns digitale Empfänger, auch wenn die nicht ganz billig sind.“

Der Abpfiff ertönt. 2:0 gewonnen. Ramlows absoluter Lieblingsspieler Maximilian Ahlschwede („Der ackert, ist sehr mannschaftsdienlich, zeigt gute Vorstöße. Wenn der mal fehlt, ist gleich ’ne Lücke) war zwar diesmal „nur“ eines von elf beziehungsweise 14 fleißigen Hansa-Bienchen. Trotzdem tritt der selbstverständlich ganz in Blau-Weiß gehüllte Udo Ramlow am Arm von Betreuerin Kerstin hochzufrieden den Heimweg an – und lobt Thomas Weggen in den höchsten Tönen: „Einwandfrei, besser kann man nicht kommentieren. Toller Reporter. Der kriegt ’ne glatte Eins dafür!“

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