zur Navigation springen

Geisterspiel Hansa Rostock : Das ist nichts als lauwarmes Wasser

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

0:0 – das Ergebnis entspricht der „Stimmung“ auf den Rängen. Wie Journalisten das Rostocker Geisterspiel erleben

von
erstellt am 30.Jan.2017 | 08:00 Uhr

Das Rostocker Ostseestadion, Sonnabend, 14.02 Uhr. Schiedsrichter Patrick Schult pfeift Spiel Nummer 200 der 3. Fußball-Liga 2016/17 an. FC Hansa Rostock gegen SSV Jahn Regensburg vor offiziell null Zuschauern. Jene Fans, die, um den Verein nicht im Regen der entgangenen Einnahmen stehen zu lassen, trotzdem „Eintritt“ bezahlt haben, sind auf der Anzeigetafel mit ihren Konterfeis dabei.

Der ältere Kollege auf der Pressetribüne, der nun schon zum zweiten Mal ein Spiel vor fast gänzlich leeren Rängen erleben muss, fragt sich, ob er nicht das Privileg versuchen müsste zu genießen, einer der wenigen zu sein, die dabei sein dürfen. Doch er schüttelt den Kopf vor sich selbst angesichts solcher Gedanken: Wie soll man so etwas Elendigem noch Positives abgewinnen? Das ist doch nichts als lauwarmes Wasser, wo es auch schmackhaft-heiße Suppe hätte geben können.

Die jüngere Kollegin „erlebt“ ihr erstes Geisterspiel. Der Beginn ist wie sonst auch: Zunächst werden Bilder und Videos auf Facebook gepostet. Erst beim Einlaufen der Mannschaften, während die Hansa-Hymne läuft, ist die wahre Trostlosigkeit zu spüren – kein Fan-Gesang, keine bedingungslose Unterstützung. Es ist ungewohnt, an einem Spieltag das Ostseestadion so ruhig zu erleben. Es fühlt sich an wie an jedem anderen Arbeitstag, unter der Woche am Rande des Trainingsplatzes. Die Spieler geben sich dieselben Kommandos und pushen sich gegenseitig.

Erste Halbzeit zur Hälfte um. Das Beste am Spiel ist noch der erstaunlich gute Untergrund. Auf dem Rasen passiert jedoch nicht allzuviel. Der Erfahrene beginnt sich zu langweilen und schweift ab.

Wie es wohl wäre, wenn er jetzt inmitten all der auch akustischen Grautöne spontan aufstünde und anhübe, aus voller Kehle Horst Köbberts Fanhymne „Wie der Wind auch weht“ zu interpretieren? Um endlich mal einen Akzent von außerhalb des Platzes zu setzen?! Bestimmt hätte er augenblicklich die ungeteilte Aufmerksamkeit der Massen (50 Leute auf der West-Tribüne plus ein paar Ordner). Wenn nicht sogar der Spieler!

Seiner Kollegin ergeht es nicht anders. Auch sie ist wenig begeistert von dem, was sich vor ihren Augen abspielt: Die Partie reißt einen nicht vom Hocker.

An normalen Spieltagen dröhnt zu diesem Zeitpunkt schon der Kopf von den Gesängen. Und die tapferen Anhänger würden bei der Darbietung auf dem Platz versuchen, ihre Mannschaft noch ein wenig mehr anzutreiben. Heute ist aber nichts normal. Es herrscht Stille auf den Rängen.

Dann werden die Zwischenergebnisse eingeblendet: Neunmal 0:0 – das passt.

Die junge Frau ist noch immer alles andere als angetan vom Geschehen dort unten, stellt klipp und klar fest: „Nicht nur der Support ist erbärmlich, auch das Spiel. Sie sind einfach zu schlampig.“

Und sie registriert: Inzwischen regt sich Christian Brand merkbar auf. Erstaunlich dabei: Akustisch ist der Hansa-Trainer bis auf die Pressetribüne nicht zu verstehen. Seine Tirade – vielleicht über seine Spieler, eine Aktion, den Schiedsrichter oder den Gegner – prallt von den menschenleeren Rängen ab und hallt durchs Stadion, überschlägt sich geradezu. Es herrscht doch „Stimmung“ abseits des Platzes…

Schult pfeift ab. Der ältere Kollege schreckt hoch. Taucht wieder auf aus einer Welt ganz ohne Geisterspiele, ohne Auswüchse, immerfort friedlich und entspannt. Einen Moment lang sah er sich schon für eine der Lokalausgaben der Rhein-Neckar-Zeitung berichten. Von einem Verein aus der oberen Hälfte der 2. Liga. Aber Sandhausen für Rostock eintauschen? Nein. Bestimmt nicht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen