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Salvador : Countdown für das große Spiel

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Brasilien-Fahrer bei Schweizer Hymne, Rad-Idylle und Anfahrts-Roulette

Marlene Dietrich war vor Jahrzehnten von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Brasilien ist es auf seine WM - doch manchmal nicht von Kopf bis Fuß, sondern gerade so bis ans Knie. Dann sind halt die Fans gefragt, das Beste daraus zu machen.

So produzierten sich am Sonntag die Schweizer in Salvador da Bahia als Meister der Improvisation. Am Freitag treffen die Eidgenossen hier auf Frankreich, am Sonntag mussten sie in Brasilien gegen Ecuador ran. Was heißt das für den Fan in einem solchen Fälle? Na klar: Public Viewing auf der Fanmeile.

Eine solche gibt es auch in Salvador. Doch leider ist sie noch nicht ganz fertig. Am Eingangsbereich wird noch gearbeitet, die Pavillons der offiziellen FIFA-Sponsoren sind zu und Spiele werden auf der großen Leinwand nur dann gezeigt, wenn die heimische Selecao am Ball ist. So haben denn die Schweizer einige der Bars und Kneipen mit Beschlag belegt. "200 Prozent verschwyzert" behauptet eines ihrer Banner sogar. Angesichts der Menge in der Enge der Kneipe scheint das sogar noch untertrieben. Umso imposanter, als sich dann - wie auch in den Kneipen rechts und links daneben vor der Partie auf einmal diverse Rothemden mit weißem Kreuz auf der Brust erheben und die Schweizer Hymne, nun sagen wir mal laut hörbar mitsingen. "Hat ja offenbar geholfen, das Mitsingen", wird Niklas Dietrich, unser 15 Jahre alter Goldberger Fußballer vom Hauptgewinner-Duo von "Wir machen Weltmeister" später sagen, als dem Schweizer WM-Team in der Nachspielzeit noch der Siegtreffer zum 2:1 gelingt.

Nicht weit von der Schweizer Domäne entfernt treffen Niklas und Betreuer Mario Werner auf einen Landsmann, Hartmut aus Ulm. Der ist mit dem Fahrrad da. Auf seiner gelben Warnweste, die er über die Radklamotten gezogen hat, ist von einer 6500-Kilometer-Tour für den Frieden von Sibirien nach Frankreich zu lesen. "Na, ein bisschen vom Weg abgekommen?" will Mario wissen. Aber die Aufschrift erzählt natürlich von einem ganz anderen Projekt. Jetzt ist auch für Hartmut WM angesagt. "Von Ulm bin ich nach Madrid geradelt, dort in den Flieger gestiegen und heute Morgen angekommen", erzählt er. Nach dem deutschen Spiel gegen Portugal hier in Salvador steht auch noch das gegen die USA nächste Woche in Recife auf dem Programm. Anreise standesgemäß mit dem Radel, versteht sich.

Danach geht es für ihn weiter in den Süden, bis nach Argentinien, dann in 4800 Meter Höhe über die Anden und auf der Westseite Südamerikas über Peru und Bolivien wieder nordwärts. Vier Monate will er unterwegs sein. "Na dann, viel Glück und viel Spaß", wünschen unsere Gewinner. Letzteres wünschen sie sich auch selbst für das langersehnte WM-Spiel gegen Portugal.

Am Sonntagabend am Rande eines Festmahls mit typisch brasilianischen Spezialitäten werden dafür in der Reisegruppe die Tickets ausgeteilt. Eingang Norte 1, Gate K, Block 114, Reihe A, Sitz 18 bzw. 19 steht darauf. Niklas muss sie unbedingt gleich mit dem Handy fotografieren. "Die sende ich gleich meinen Kumpels", sagt er. Zu Hause ist es zwar längst nach Mitternacht, "aber dann finden sie die Fotos gleich, wenn sie morgen zur Schule gehen." Anpfiff ist nach deutscher Zeit heute Abend um 18 Uhr. Salvador hat zeitlich fünf Stunden Rückstand.

Und um den Spielbeginn um 13 Uhr nicht zu verpassen, ging es vom Hotel aus bereits um 9.30 Uhr los - trotz gerade mal fünf Kilometer Luftlinie. "Wir haben das am Freitag zum Spiel Spanien gegen Niederlande schon mal getestet und tatsächlich drei Stunden für die Anreise gebraucht", begründet Wolfgang Vieten, Chef des Sport-Reiseveranstalters Vietentours, der neben unseren beiden Gewinnern noch rund 200 andere deutsche WM-Fahrer in Salvador und einige von ihnen sogar bis zum Finale betreut. "Kann sein, dass wir dann noch Stunden vor dem Stadion auf den Einlass warten", sagt Vieten. "Aber wahrscheinlicher ist sogar, dass wir wegen des Staus irgendwann aussteigen und den Rest zu Fuß laufen, um rechtzeitig da zu sein." Wie sagt doch Franz Beckenbauer immer: Schaun mer mal!

 

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erstellt am 16.Jun.2014 | 13:46 Uhr

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