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Salvador : Beim Kantersieg hautnah dabei

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"Wir machen Weltmeister"-Gewinner erleben 4:0 über Portugal in der ersten Reihe des deutschen Fanblocks

"Hoffentlich spielt Tony Kroos. Den finde ich richtig gut. Obwohl er beim FC Bayern spielt", fiebert Niklas Dietrich dem großen Tag der Brasilien-Reise entgegen. Beim WM-Spiel Deutschland gegen Portugal live dabei zu sein, war bekanntlich der Hauptpreis bei "Wir machen Weltmeister", der gemeinsamen WM-Aktion von Fielmann und unserer Zeitung. Der TSV Goldberg war der Gewinner und schickte den 15-jährigen Fußballer sowie  Fußball-Abteilungsleiter Mario Werner auf die südliche Halbkugel.

Früh um halb zehn, dreieinhalb Stunden vor Spielbeginn, sollte es ursprünglich losgehen, um allen Stauwarnungen zum Trotz die vielleicht sieben, acht Kilometer bis zum Stadion rechtzeitig "durchzustehen". Eine weise Entscheidung. Nur: Der Bus ist nicht da. Der steckt bereits in einer der endlosen Blechlawinen fest, die täglich - und heute ganz besonders - die Straßen der 2,7-Millionen-Metropole  Salvador da Bahia verstopfen. Wann er durchkommt, ist ungewiss. Plan B, den einige aus der Reisegruppe kurz vor zehn aus dem Hut zaubern, wird ihnen ausgeredet. Klar, Taxis stehen immer vorm Hotel und schlängeln sich auch besser durch den Verkehr, insbesondere da abenteuerliche Spurwechsel hier nach Fußball Volkssport Nummer zwei sind. Nur haben Taxis ein entscheidendes Manko: Ihnen fehlt die Durchfahrterlaubnis der FIFA. Vier Kilometer vor dem Stadion ist für sie Schluss. Und vier Kilometer laufen im Winter von Salvador, sprich bei 30 Grad im Schatten (Wo ist hier Schatten?) und äquatornaher Intensivbräunung... Plan B ist Mist.

Außerdem ist der Bus um zehn dann doch da und hat das Schlimmste offenbar schon ohne Fahrgäste überstanden. Bis zum FIFA-Sperrkreis zieht es sich zwar noch einmal eine weitere halbe Stunde, aber dann geht alles schnell. Abgeschirmt von viel Militärpolizei und viel weniger, dafür umso schwerer bewaffnetem Militär, ist der Bus-Parkplatz am Stadion schnell erreicht.

Vor der Arena steppt der Bär. Nicht nur Fans aus Deutschland und Portugal lärmen fröhlich miteinander. Die ganze Fußballwelt und insbesondere natürlich Leute aus den WM-Teilnehmerländern feiern hier. Dass dabei die weitaus größeren Sympathien selbst der Brasilianer bei den Deutschen liegen, tut der Familienfest-Atmosphäre keinen Abbruch. Wenn hier Fans Hand aneinander legen, dann nur, um sich für Erinnerungsfotos in den Armen zu liegen. Fotos werden hier mehr geschossen als bei Heidi Klum und auch die Kostümierung ist in vielen Fällen ebenso abgedreht wie bei den Topmodels. Knallbunte Perücken und Brillen jeglicher Art, schräge Hüte, Mützen, Kappen oder Helme, sogar ein Königskostüm und von stattlichen Herren über die Kleidung gezwängte Strick-Bikinis werden zur Schau getragen.

Im Stadion selbst geht es etwas uniformierter zu, zumindest in der Farbgebung. Niklas und Mario haben ihre Plätze im deutschen Fanblock, in der ersten Reihe, gleich hinter der linken Eckfahne des in der ersten Halbzeit portugiesischen Tores. Gleich neben ihnen thront der schon draußen gesichtete König von Deutschland, dahinter ist die Blue-Man-Group in ihren Ganzkörperkondomen - heute allerdings in Schwarz, Rot und Gold - platziert. Überhaupt herrschen im Block natürlich die deutschen Nationalfarben vor und dazu alles, was der DFB in den vergangenen vier, fünf Jahrzehnten an Nationaltrikots auf den Markt geworfen hat.

Keiner im Block sitzt, alle stehen, singen, hüpfen. Und springen, als Thomas Müller per Elfmeter Deutschland früh in Führung schießt. "Ich hab's gesagt: Deutschland gewinnt 1:0 und das Tor schießt Müller", jubelt auch Niklas. Stimmt, hat er, nachzulesen in unserer Zeitung vom vergangenen Freitag, als wir vom Vorstartfieber unserer Gewinner berichteten. Recht hat er aber nur ein paar Minuten, bis Mats Hummels mit seinem Superkopfball den weiteren Torreigen bis zum schließlichen 4:0-Sieg einleitet. "Ein starkes Spiel der Deutschen", befindet Mario, seit Jahrzehnten auch Trainer im TSV Goldberg, "die bislang beste Vorstellung bei dieser WM. Und ein Traum, da live dabeigewesen zu sein." Dass die Tickets der beiden zu Hause Ehrenplätze bekommen, versteht sich beinahe von selbst.

Der Abmarsch gestaltet sich übrigens wie der Anmarsch. Auch wenn die deutschen Fans Portugals oft theatralischen Superstar Christiano Ronaldo voller Inbrunst als "Scheiß CR-sieben" geschmäht haben, bleiben dessen Landsleute doch weiterhin ihre Freunde. Gewalt? Die ist soweit weg, dass sie nicht von dieser Welt scheint. Auch unter den Deutschen selbst: Da halten es Bayern- Symbole friedlich aus neben welchen vom HSV, Schalke, Dortmund, Bielefeld und - dank Mario - auch vom FC Hansa. Kein Hass, keine Häme. Unwillkürlich fragt man sich: Warum geht das in den Ligen zu Hause nicht? Aber das ist ein weites Feld, wie Fontane sagt. Jetzt ist erst einmal WM. Erfreuen wir uns daran - bei den nächsten Spielen dann auch Niklas und Mario schon wieder von zu Hause aus.

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erstellt am 17.Jun.2014 | 13:54 Uhr

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