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Fußball-WM

19. Oktober 2017 | 10:53 Uhr

Flessenow : Prost Holland, Prost

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

5:1 gegen Spanien: Ehepaar Arends stößt auf den Sieg an und Pfarrer Bakker kann es gar nicht glauben

svz.de von
erstellt am 16.Jun.2014 | 08:37 Uhr

Marc Elshout legt sich fest. „Holland gewinnt 1:0.“ Da traut der Niederländer seinen Landsleuten ja einiges zu. Immerhin geht es gegen den Weltmeister Spanien, gegen das Team, das den Holländern vor vier Jahren bei der WM in Südafrika den Titel vor der Nase weggeschnappt hat und jetzt in Brasilien wieder zu den heißen Weltmeisterschaftsfavoriten zählt. Egal, der Betreiber der Campinganlage in Flessenow bleibt dabei. „1:0, das ist machbar“, sagt Elshout und schaltet das Fernsehgerät ein.

Früher, da war in dem Gebäude mal eine Gaststätte. Das ist schon lange her, weit mehr als 20 Jahre, sagen die Camper, die schon zu DDR-Zeiten in Flessenow ihre Zelte aufgeschlagen haben. Ein paar Tische, ein paar Stühle – zum Fußballschauen reicht der Raum aus. Gleich steigen die Niederländer ins Turnier ein. Das erste Gruppenspiel. Hup Holland, Hup singen die Fans im Stadion. Auf geht’s Holland, auf geht’s. Die Niederländer sind gespannt. Auch die, die in Flessenow am Schweriner See ihren Urlaub verbringen. Und das sind viele. „Im Moment kommen rund 70 Prozent meiner Gäste aus den Niederlanden“, sagt Marc Elshout. Johann Bakker aus Menaldum in Friesland ist einer dieser Gäste, der jetzt mit anderen Campern zusammen Fußball schauen will – und zwei Stunden später fast vom Glauben abfallen wird. Nicht gut für einen Pfarrer, auch wenn Herr Bakker seit drei Monaten seinen Ruhestand genießt.

Anpfiff. Die rund zwei Dutzend Niederländer haben es sich bequem gemacht. Die Männer gönnen sich ein Bier, die Frauen ein Glas Wein. Alles in Maßen. Das Publikum ist fast ausnahmslos Ü60. Warme Fleecejacke statt luftigem Oranje-Trikot, verhaltener Optimismus statt lautstarker Anfeuerung und leises Gemurre statt blankem Entsetzen, als Sneijder die holländische Führung vergibt und wenig später Alonso einen Elfmeter verwandelt, der nicht zwingend hätte gegeben werden müssen. 1:0 für Spanien.

Holland spielt nicht schlecht, aber die Spanier scheinen cleverer. Und sich ihrer Sache sicher. Das 2:0 vergeben sie leichtsinnig. Die ersten WM-Zuschauer in Flessenow wollen kurz vor der Pause zum WC, da macht van Persie den Ausgleich. Überraschung statt ausgelassenem Jubel. Die routinierten Holland-Fans trauen dem Braten nicht – und dem eigenen Team auch noch nicht so richtig. Halbzeit.

Henk Arends schnappt frische Luft. Wie viele andere auf dem Campingplatz hat er die erste Hälfte in seinem Wohnwagen geschaut. Sieben Wochen lang ist er schon mit seiner Frau Jose im Osten der Bundesrepublik unterwegs und jetzt seit ein paar Tagen in Mecklenburg. Ein kleines TV-Gerät läuft, der Fußball-Kommentator spricht niederländisch. „Kanal Nederland 1, hervorragender Empfang hier“, sagt der Rentner aus Dieren bei Arnheim. Ein paar Kilometer entfernt von ihm, erzählt er, da wohne Klaas Jan Huntelaar. „Aber er kommt nicht zum Zug. Van Persie ist bei Trainer van Gaal gesetzt“, weiß er. Warum, das hat van Persie gerade bewiesen. Und Robben? „Guter Mann“, sagt Henk Arends. Guter Mann, das sagen wenig später alle Niederländer. Der Bayern-Star trifft zum 2:1 und leitet damit ein Fußballfest für Oranje ein, das niemand erwartet hat.

3:1, de Vrij. Der Jubel in der alten Gaststätte wird lauter, Henk Arends schüttet sich in seinem Wohnwagen einen Whisky ein und die Spanier taumeln über das Spielfeld. 4:1, van Persie: Marc Elshouts 1:0-Tipp ist jetzt völlig hinüber, aber sein breites Grinsen verrät, dass ihm das mehr als recht ist. 5:1, Robben. Pfarrer Bakker reckt die Faust in die Höhe und sagt: „Das hätte ich nie geglaubt.“ Die Mimik der spanischen Kicker lässt vermuten, dass sie seine Meinung teilen. Abpfiff.

Der Zuschauerraum ist leerer geworden, die Lust der Niederländer auf eine erfolgreiche WM größer. Henk Arends stößt mit seiner Frau an. Prost Holland, Prost. So kann es weitergehen.

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