Interview mit Ex-Nationalspieler : Kevin Kuranyi: Ich würde Gomez und Wagner mitnehmen

<p>Ex-Nationalspieler Kevin Kuranyi (36) verstärkt bei der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft vom 14. Juni bis 15. Juli 2018 das ARD-WM-Team - im Interview spricht er unter anderem über seine aktive Zeit in Russland. Foto: SWR/Nicole Schielberg/spirit Kommunikation</p>

Ex-Nationalspieler Kevin Kuranyi (36) verstärkt bei der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft vom 14. Juni bis 15. Juli 2018 das ARD-WM-Team - im Interview spricht er unter anderem über seine aktive Zeit in Russland. Foto: SWR/Nicole Schielberg/spirit Kommunikation

Kevin Kuranyi spricht über seine Zeit in Russland, WM-Debütant Panama und die Stürmer-Frage im DFB-Kader.

svz.de von
14. Mai 2018, 18:37 Uhr

Kevin Kuranyi ist bei der Weltmeisterschaft als Experte für die ARD unterwegs. Im Interview spricht der Ex-Nationalspieler, der fünf Jahre lang in Russland für Dynamo Moskau auf Torejagd ging, über das Leben und den Fußball im WM-Gastgeberland, ein mögliches Engagement als Teammanager beim WM-Debütanten Panama sowie die Stürmer-Frage im DFB-Team.

Herr Kuranyi, was haben Sie eigentlich im vergangenen Jahr seit Ihrem offiziellen Karriereende gemacht?

Kevin Kurnayi: Ich habe mir nach meinem Karriereende natürlich viele Gedanken gemacht und lange überlegt: Was möchte ich jetzt angehen? Was passt auch zu mir? Es hat mir schon immer sehr viel Spaß gemacht, mit jüngeren Spielern zu arbeiten, sie zu betreuen und in ihrer sportlichen Laufbahn, aber auch neben dem Platz, zu entwickeln. So ist letztlich meine Entscheidung gereift, als Spielerberater zu arbeiten.

Sie haben nach ihrem Wechsel 2010 aus Schalke nach Moskau mehrere Jahre in der russischen Premier Liga gespielt, kennen sich im Land bestens aus. Es gibt nicht zuletzt aufgrund der politischen Lage viele Skeptiker und Kritiker – was können Sie aus eigener Erfahrung über das Land und auch die Menschen in Russland erzählen?

Natürlich schreckt die politische Situation einige ab, das ist auch verständlich. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich heute nur sagen, dass meine Zweifel im Vorfeld des Wechsels nach Moskau unbegründet waren. Dieses Land hat so viel zu bieten, die Menschen sind offen, herzlich und hilfsbereit. Daher kann ich jedem nur raten, die Weltmeisterschaft zu besuchen und sich seinen eigenen Eindruck zu machen.

Sie haben eigene Zweifel angesprochen – wie leicht ist ihnen der Wechsel nach Russland damals gefallen? Gab es auch im eigenen Umfeld Skeptiker?

Auch ich hatte damals gewisse Vorbehalte, als die Gespräche über einen möglichen Transfer zu Dynamo starteten – ich kannte weder Land noch Leute gut und wusste nicht, was mich erwarten würde. Und natürlich haben mich auch einige meiner Freunde gefragt, ob ich mir das gut überlegt habe. Aber ich bin ein offener und internationaler Mensch – man sollte sich nicht von Vorurteilen leiten lassen, sondern sich erst eine Meinung bilden, nachdem man seine eigenen Erfahrungen gemacht hat. Das habe ich gemacht und darüber bin ich sehr glücklich. Ich habe fünf Jahre in Russland gelebt und heute eine sehr hohe Meinung von den Menschen dort.

Welche Unterschiede haben Sie als Profi dort im Vergleich zur Bundesliga festmachen können?

Rein sportlich betrachtet ließ sich die Liga weder damals noch heute mit der Bundesliga vergleichen. Natürlich gibt es mittlerweile einige Vereine, die von der Struktur und dem Umfeld her auf einem ähnlichem Level angelangt sind und die auch in Deutschland sportlich bestehen könnten. Aber allein in Sachen Atmosphäre und Stimmung ist im internationalen Vergleich mit den europäischen Top-Ligen noch viel Luft nach oben.

Gab es während Ihrer Zeit bei Dynamo Momente auf oder abseits des Platzes, an die Sie sich immer erinnern werden?

Oh ja, es gab einige kuriose Momente. (lacht) Gleich im Rahmen meiner ersten Trainingseinheit wurde ich beispielsweise zum Schießtraining gebeten – aber nicht mit dem Ball, sondern mit einer Waffe. Der Verein hat eine militärisch geprägte Vergangenheit. Darauf war und ist man dort sehr stolz, das gehörte also ein Stück weit zur Tradition, um neuen Spielern die Geschichte des Klubs näher zu bringen.

Russland ist leider auch bekannt für seine Hooligan-Szene, die bei vergangenen Turnieren immer wieder negativ aufgefallen ist. Haben Sie während Ihrer aktiven Zeit bei Dynamo Erfahrungen mit dieser gemacht?

Leider gibt es diese Gruppierungen rund um den Fußball immer und überall, man sollte das keinesfalls als rein russisches Problem abtun. Aber natürlich wird man mit solchen Dingen auch als Spieler immer mal wieder konfrontiert. In einem Spiel gegen Zenit St. Petersburg haben diese sogenannten „Fans“ den Platz gestürmt, zum Glück gab es damals keine Verletzten. Auch, dass farbige Mitspieler von der Tribüne beleidigt oder mit Affenlauten bedacht wurden, ist vorgekommen. Das sind Leute, die den Fußball kaputt machen.

Muss man sich als WM-Reisender dahingehend sorgen?

Ich gehe davon aus, dass die Sicherheitsvorkehrungen entsprechend getroffen wurden, damit es solche Situationen während der WM nicht geben wird, sich jeder Fan sicher fühlen und eine schöne WM haben kann.

Zurück zum Sportlichen: Die russische Nationalmannschaft trifft in Gruppe A auf Ägypten, Uruguay und Saudi Arabien – wie stark schätzen Sie den Gastgeber ein?

Ich denke, dass die Mannschaft stark genug ist, um die Gruppenphase zu überstehen und in die K.O.-Runde einzuziehen. Danach wird es allerdings schwierig. Die letzten Tests gegen internationale Top-Mannschaften waren wenig überzeugend. Man muss sich also steigern und die Vorbereitung intensiv angehen, um auch in einem möglichen Achtelfinale gegen einen stärkeren Gegner bestehen zu können.

Mit dem Ex-Schalker Christian Neustädter sowie Konstantin Rausch hat die Sbornaja zwei bekannte Gesichter aus der Bundesliga in ihren Reihen. Gibt es darüber hinaus Spieler, die man während der WM noch auf dem Zettel haben sollte?

Mit drei davon habe ich selbst noch bei Dynamo zusammengespielt – das waren schon damals junge, hochtalentierte Spieler, bei denen das Potenzial erkennbar war: Zenits Alexander Kokorin hat sich leider in der Europa League gegen RB Leipzig das Kreuzband gerissen und wird das Turnier verpassen. Krasnodars Fjodor Smolow hat in den vergangenen Jahren eine enorme Entwicklung genommen. Er war zwei Mal Torschützenkönig in der Premier Liga und ist sehr begehrt. In Russland ist er bereits ein Superstar und er besitzt zweifelsfrei das Potenzial, bei der WM den nächsten Schritt zu machen und sich für einen der Top-Klubs in Europa zu empfehlen. Wen man zudem auf dem Zettel haben muss, ist Mittelfeldspieler Roman Zobnin. Er hat sich nach langer Verletzung gerade zurückgekämpft, hat einen starken Charakter und kann in meinen Augen ein ganz Großer werden.

Die Strecken, die die Teams zwischen den Spielen zurücklegen müssen sind teilweise sehr lang – Sie kennen das aus ihrer Zeit in der Liga. Wie strapaziös kann das für die Spieler werden und wie kann man damit umgehen?

Bei uns gab es teilweise Flüge zu einem Auswärtsspiel, die bis zu fünf Stunden gedauert haben. Natürlich muss man sich daran erstmal gewöhnen. Aber solche Entfernungen werden die Mannschaften während des Turniers nicht zurücklegen müssen. Ich denke mit Blick auf die Stadien muss keiner mehr als zwei Stunden Flug über sich ergehen lassen und darauf werden die Teams entsprechend vorbereitet sein.

Deutschland spielt während der Gruppenphase (Südkorea, Mexiko, Schweden) in Moskau, Sotschi und Kasan…

Ja, das passt - die Stadien sind schön und die Wege sind auch nicht zu weit. (lacht)

Haben Sie ein paar Reisetipps für die deutschen Anhänger parat? Was sollte man neben dem Stadion unbedingt besuchen?

In Moskau führt natürlich kein Weg am Roten Platz vorbei. Ein Ort, wie im Märchen, der zu einem meiner Lieblingsorte in Russland geworden ist. Da sollte ein Besuch Pflicht sein.

Erstmals bei einer WM dabei ist das Geburtsland ihrer Mutter, Panama – der 11. Oktober, der Tag der WM-Quali, wurde dort zum Nationalfeiertag erklärt. Wie würden Sie die Stimmung und die Euphorie im Land beschreiben?

Die Qualifikation war ein Wunder und es ist für alle Beteiligten dort ein Traum wahr geworden. Ich kenne mehr als die Hälfte der aktuellen Mannschaft sehr gut und weiß, wie sehr diese Jungs jahrelang für dieses Ziel gekämpft haben. Die sind jetzt am Ende ihrer Karriere und haben zum Abschluss nochmal ein echtes Highlight vor sich. Sie sind plötzlich in einem Panini-Heft dabei, neben all den Stars der Fußball-Welt – die Begeisterung ist riesig und kennt keine Grenzen.

Die Spieler, von denen hier in Deutschland vermutlich nur Ex-St-Pauli-Profi Armando Cooper Fußball-Fans ein Begriff sein dürfte, ließen in der WM-Quali immerhin die USA hinter sich - in der Gruppe G bekommt man es allerdings direkt mit den Schwergewichten Belgien und England sowie Tunesien zu tun. Ist Panama dennoch für eine WM-Überraschung gut?

Die Mannschaft ist klarer Außenseiter und die Qualität ist auch nicht da, um im Turnier weit zu kommen. Sollte man gegen Tunesien ein gutes Spiel zeigen, vielleicht ein Tor schießen oder sogar gewinnen, dann wäre das schon traumhaft.

Gibt es einen Spieler, den man auf dem Zettel haben muss?

Ein absolutes Top-Talent ist sicherlich der Angreifer Gabriel Torres. Das Zeug zum WM-Shootingstar in Panamas Team hat in meinen Augen aber eher der Abwehrspieler und Kapitän des Teams, Roman Torres.

Stimmt es, dass es eine Anfrage für Sie gab, die Mannschaft bei der WM als Teammanager oder in ähnlicher Funktion zu begleiten?

Das stimmt, diese Möglichkeit war da. Aber es hat zu diesem Zeitpunkt nicht gepasst und hätte sich auch nicht mit meiner Arbeit für die ARD vereinbaren lassen.

Kommen wir abschließend auf die deutsche Nationalelf zu sprechen. Ihre eigene DFB-Karriere endete im Jahr 2008 abrupt, nachdem Sie sich mit Bundestrainer Joachim Löw überworfen hatten – können Sie sich heute wieder in die Augen schauen, wenn es zum Interview am Spielfeldrand kommen sollte?

Ich habe damals einen Fehler gemacht und mich dafür auch direkt entschuldigt. Die Sache ist bereinigt und wir können uns wieder ganz normal in die Augen schauen. Ich freue mich immer, wenn ich einen meiner Lieblingstrainer treffen und mit ihm über Fußball reden kann. Da steht nichts mehr zwischen uns.

Am Dienstag gibt Löw seinen vorläufigen WM-Kader bekannt – eine der größten Baustellen besteht gefühlt aktuell zwischen den Pfosten, alles drehte sich in den letzten Tagen um ihren ehemaligen Teamkollegen Manuel Neuer… Wie bewerten Sie die Torhüter-Diskussion? Würden Sie Neuer mitnehmen und wenn ja – würden Sie ihn auch als Nummer eins einsetzen?

Manuel Neuer ist der Cristiano Ronaldo der Torhüter und agiert in Sachen Torwartspiel auf einer ganz anderen, eigenen Ebene. Er ist immer einer, an dem sich die Mannschaft orientiert und aufrichtet. Sollte er wirklich nicht spielen können, steht mit Ter Stegen zudem ein absoluter Top-Mann als Ersatz parat. Aber die Entscheidung, wer die Nummer eins ist, liegt meiner Meinung nach einzig bei Manuel – wenn er sagt, dass er spielen kann, dann sollte er auch im Tor stehen und niemand muss sich Sorgen machen.

Eine zweite Baustelle könnte der Angriff werden. Gomez, Wagner, Werner sind die drei Offensivkräfte, die Löw im Zentrum zur Verfügung stehen – was sagt der Mittelstürmer Kuranyi? Wie schätzen Sie die Qualitäten der 3 im Vergleich ein und wen würden Sie mitnehmen?

Timo Werner ist für mich im Sturmzentrum gesetzt – aber ich würde zusätzlich sowohl Mario Gomez als auch Sandro Wagner mit nach Russland nehmen. Es sind unterschiedliche Spielertypen, aber alle drei haben ihre individuellen Qualitäten, mit denen sie der Mannschaft im Turnierverlauf helfen können.

Herr Kuranyi, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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