UEFA-Arzt Dimanski im Interview : Reizthema Doping vor der WM: Eine Medaille mit mehr als zwei Seiten

Seit 2006 ist Dr. Götz Dimanski Mitglied im Anti-Doping-Panel der UEFA. Fotos: dpa und Reha-Zentrum Bremen
Seit 2006 ist Dr. Götz Dimanski Mitglied im Anti-Doping-Panel der UEFA. Fotos: dpa und Reha-Zentrum Bremen

Vor der FIFA-WM erklärt Dr. Götz Dimanski, warum man Doping im Profi-Fußball sehr differenziert betrachten muss.

svz.de von
12. Juni 2018, 17:00 Uhr

Hamburg | Herr Dr. Dimanski, wie haben Sie die jüngsten Recherchen und Veröffentlichungen in Bezug auf das systematische Staatsdoping in Russland wahrgenommen? Hat sie das Ausmaß der Enthüllungen überrascht?

Dr. Götz Dimanski: Eigentlich nicht. Aus verschiedenen Gründen.

Zum Beispiel?

Zunächst handelt sich ja nicht wirklich um eine Enthüllung. Es ist eine Beobachtung von Journalisten, die aber beispielsweise nicht kriminalistisch erforscht ist. Es gibt das Phänomen Doping im Sport, das ist bekannt. Das ist Betrug und entgegen der Regeln. Ein solches Verhalten ist aber kein spezifisches Problem des Sports, sondern zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche. Ob beispielsweise auf staatlichen oder anderen gesellschaftlichen Ebenen, es ist – leider – gang und gäbe. Man muss sich also vorab einmal fragen: Wie sehr ist unser gesamtes gesellschaftliches Leben mit Betrug durchsetzt?

Wenn wir auf der Ebene des Hochleistungssport bleiben: Ist betrügerisches Handeln eine logische Konsequenz der bestehenden Systemzwänge? Das Leistungsprinzip wird immer weiter ausgereizt, Siege und Niederlagen können über Karrieren und Millionen entscheiden.

Natürlich geht es im Leistungssport auch um den Ruhm, um die Ehre und um den Sieg. Es geht unter Umständen auch um sehr viel Geld. Und sobald diese Faktoren ins Spiel kommen, ist der Betrug nicht weit. Aber es ist auch bekannt, dass es gegen Doping ein ausgeklügeltes System der zielgerichteten Kontrolle gibt. Das besteht in den übrigen gesellschaftlichen Bereichen in dieser Form nicht – wenngleich es auch dort auf vielen Gebieten um Geld, Ruhm und Ehre geht. Die öffentliche und mediale Aufmerksamkeit für den Leistungssport ist im Vergleich enorm und auch trotz der scharfen Maßnahmen…

Zwischen 1991 und 2014 war Dr. Götz Dimanski (links) Mannschaftsarzt beim SV Werder. Foto: imago/Ulmer
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Zwischen 1991 und 2014 war Dr. Götz Dimanski (links) Mannschaftsarzt beim SV Werder. Foto: imago/Ulmer

… gibt es immer wieder Sünder und Fälle wie jene in Russland.

Womit wir wieder bei Ihrer Einstiegsfrage und der Tatsache sind, dass die Berichte mich nicht überrascht haben. Zwei Aspekte muss man aber festhalten: Es ist tatsächlich so, dass ein Tatbestand des „Staatsdoping“ in den Regularien gar nicht aufgeführt ist. Von daher ist es erstmal schwierig, ihn zu ahnden und vor allem, darauf schnell und in einer angemessenen, vielleicht den Erwartungen der Öffentlichkeit entsprechenden, Form zu reagieren. Das ist möglicherweise auch bei den Geschehnissen rund um die Olympischen Spiele eine Schwierigkeit für das IOC gewesen.

Und der zweite Aspekt?

Wenn Ihnen oder mir im gesellschaftlichen Leben ein Vorwurf gemacht wird, haben wir nicht zu befürchten, dass wir aufgrund dieses Vorwurfs sofort verurteilt werden. Sondern dann läuft ein rechtsstaatliches Verfahren an, am Anfang steht die Unschuldsvermutung und der Vorwurf einer Tat muss nachgewiesen werden. Das ist beim Doping genau andersherum. Da muss der Betroffene seine Unschuld nachweisen. Und um das deutlich zu machen: Eine positive Dopingprobe kann bedeuteten, dass versucht wurde, bewusst eine Leistungssteigerung durch illegale Mittel oder eine verbotene Substanz herbeizuführen – sie muss es aber nicht bedeuten. Dennoch ist es erstmal so, dass jeder aufgedeckte Verstoß gegen die Dopingregeln der WADA nach dem „Strict-liability“-Prinzip als „Doping“ verurteilt und so in Folge natürlich auch im öffentlichen Bewusstsein verankert wird.

Können Sie das „Strict-liability“-Prinzip kurz konkretisieren?

„Strict liability“ bedeutet nichts anderes als „verschuldensunabhängige Haftung“. Jeder Athlet unterwirft sich diesem Grundsatz der Anti-Doping-Bestimmungen. Hiernach ist es zur Begründung eines Verstoßes nicht notwendig, Vorsatz oder Fahrlässigkeit, also ein Verschulden, seitens des Athleten nachzuweisen. Ein abweichender Befund reicht für eine ernsthafte Bestrafung aus. Völlig unerheblich ist, wie ein solcher Befund zustande gekommen sein mag.

Man sollte die Enthüllungen in Russland also mit Vorsicht genießen?

Die Antwort auf die Fragen ob und bei wie vielen der Fälle, in denen verbotene Substanzen nachgewiesen wurden, tatsächlich bewusst von den betroffenen Sportlern gehandelt wurde, ist höchst spekulativ. Es gibt keine eindeutigen Beweise, außer den Aussagen und Vorwürfen eines ehemaligen Laborleiters. Und die Kontrollen der Proben, der Behälter und der Labore wurden beispielsweise bei den Winterspielen 2014 in Sotschi von der WADA selbst durchgeführt. Dennoch soll in einem solchen Ausmaß dort gedopt worden sein? Ich behaupte nicht, dass es nicht so gewesen sein kann. Aber man sollte mit Be- und Verurteilungen vorsichtig sein und die entsprechenden Recherchen und Berichte ebenso kritisch betrachten.

Viele Fragezeichen, wenig Beweise, lückenhafte Regeln, die zu Tricks und Verstößen einladen könn(t)en. Ist im Profisport allgemein eine Tendenz erkennbar, dass sich die Grenzen in Bezug auf illegales und legales Handeln bei den Handelnden mit steigendem Leistungs- und Erfolgsdruck verschieben?

Man könnte es zumindest annehmen. Ich persönlich habe eine solche Tendenz im Rahmen meiner langjährigen Tätigkeit innerhalb dieses Systems aber nicht festgestellt, das kann ich ganz deutlich und mit reinem Gewissen sagen. Vielmehr ist eine Bereitschaft dazu, die Grenzen der Fairness zu überschreiten – völlig unabhängig von der Leistungsebene – immer sehr individuell geprägt.

Dennoch gibt es viele Menschen, die den Glauben an einen sauberen Leistungssport verloren haben – wie kann man dem aus Verbandssicht entgegenwirken?

Ich bin nicht der Meinung, dass der Sport selbst dadurch an Glaubwürdigkeit verliert, dass Verstöße gegen die Regeln aufgedeckt werden. Letztere werden ja auch aufgedeckt, weil man in den entsprechenden Organen der Realität ins Auge geblickt und ein entsprechendes Kontrollsystem geschaffen hat. Was durch solch vermeintliche Doping-Skandale aber sicherlich schwieriger wird, ist es, den Sport öffentlich als das zu verkaufen, was er zu Teilen heutzutage auch ist – nämlich ein Produkt.

Die FIFA muss sich vor der WM von vielen Seiten den Vorwurf gefallen lassen, kein angemessenes Anti-Doping-Programm zu haben.

Ein internationaler Verband bereitet sich auf ein großes Turnier bis ins kleinste Detail vor. Die Kontrolllabore werden geprüft und auf den modernsten Stand gebracht, Kontrolleure werden ausgiebig geschult und es wird ein Kontrollsystem aufgebaut, das besser nicht sein kann. Verhindern kann man es dennoch nie zu 100 Prozent, dass es Sportler gibt, die dopen. Aber man kann durch Maßnahmen eine Abschreckung schaffen und dieses System funktioniert sehr gut. Natürlich ist es dennoch nie zu Ende entwickelt.

Wird international unter gleichen Standards geprüft?

Es gibt eine deutliche Asymetrie in Bezug auf flächendeckende Kontrollen, was die verschiedenen Länder angeht. Aber Sie können beispielsweise davon ausgehen, dass Russland insbesondere in der jetzigen Situation und sicherlich auch aus politischen Gründen besonders im Fokus steht. Dahingehend wird sich die FIFA nichts vorwerfen lassen wollen.

Der 59-jährige Dimanski gilt als Pionier in der praktischen Umsetzung ambulanter Rehabilitation in Deutschland. Foto: Reha-Zentrum Bremen
Der 59-jährige Dimanski gilt als Pionier in der praktischen Umsetzung ambulanter Rehabilitation in Deutschland. Foto: Reha-Zentrum Bremen

In einem früheren Interview sagten Sie, Sie seien fest davon überzeugt, dass systematischer und flächendeckender Dopingmissbrauch in der Fußball-Bundesliga unmöglich sei. Würden Sie das nach wie vor unterschreiben?

Absolut. Ich bin zunächst mal schon fest davon überzeugt, dass ein solcher Vorgang innerhalb kürzester Zeit ans Licht geraten würde. Spieler, Trainer, Mediziner oder Verantwortliche kommunizieren untereinander so viel, dass es Dir zumindest gerüchteweise schnell „ans Ohr geraten“ würde, sollte bei einem Verein so etwas ablaufen. Und es ist mir nichts dahingehend bekannt.

Dr. Hans Müller-Wohlfahrt bekräftigte unlängst das verbreitete Argument, dass Doping in der Sportart Fußball ohnehin nichts bringen würde. Dem widersprach selbst die NADA.

Was in gewisser Hinsicht auch skurril ist. Denn wenn ein in- und außerhalb der Branche angesehener Mediziner so etwas öffentlich sagt, kann das ja durchaus erstmal eine positive Signalwirkung haben, beispielsweise auf junge Spieler. Die NADA selbst verkündet dann als Reaktion, dass Doping im Fußball durchaus Sinn machen könne, um Genesungen zu beschleunigen und Verletzungszeiten zu verkürzen…

Was können Sie in Sachen Anti-Doping-Kampf aus Ihrer Arbeit im UEFA-Panel berichten?

Was ich von meinem Einblick durch die Mitarbeit dort schildern kann, ist, dass sämtliche internationale Wettbewerbe über alle Altersklassen hinweg anhand der bestehenden Kontrollen ausgewertet werden. Dort weiß man also ohne Zweifel ganz genau, ob und wo möglicherweise Verstöße vorgekommen sind. Wenn im Fußball Doping-Fälle vorkommen, dann handelt es sich dabei allerdings zu einem großen Teil um Meldeverstöße, die wiederum mit der Disziplin eines Einzelnen zusammenhängen.

Können Sie ein Beispiel für einen Meldeverstoß beschreiben?

Spieler müssen ihre Aufenthaltsorte genau angeben, wo sie trainieren und wer noch anwesend ist. Werden Termine nicht eingehalten, ist das ein Doping-Vergehen und kann zu sehr langen Sperren führen. Gleiches gilt für akzidentell auftretende Situationen wie beispielsweise beim peruanischen Nationalspieler Paolo Guerreiro. Auch Partydrogen oder Ähnliches können da eine Rolle spielen.

Wenn man den Fall Guerreiro betrachtet: Wie vorsichtig muss ein Profi heutzutage sein, wenn es beispielsweise um die Ernährung geht?

Sehr vorsichtig. Es gibt Fälle, in denen halbe Mannschaften positiv auf Anabolika-Rückstände getestet wurden, weil sie das falsche Fleisch gegessen hatten. Nimmt ein Spieler den falschen Mohnkuchen zu sich, kann er positiv getestet werden. Deshalb werden die Spieler dahingehend von Beginn an ausgiebig und regelmäßig unterrichtet und mit dem Dopingsystem vertraut gemacht. Dennoch kann es immer passieren, dass man beispielsweise etwas übersieht oder auch mutwillig durch andere Personen geschädigt wird.

Bewusstes Doping im Profi-Fußball ist also eher Sache der Einzelperson?

Es kann immer sein, dass Fälle nachgewiesen werden, bei denen bewusst zu illegalen Mitteln gegriffen wurde. Und meiner Erfahrung nach handelt es sich dabei im Fußball um individuelle Fälle, die nicht vorschnell pauschalisiert werden sollten. Generell ist die Bereitschaft, Regeln zu brechen, immer abhängig von einer gewissen Grundhaltung, der Einstellung und der kriminellen Energie der Einzelperson.

Sie haben den Meldeverstoß bereits angesprochen. Wie stark unterliegt ein Profi den Zwängen des Kontrollsystems darüber hinaus?

Neben den reinen Wettkampfkontrollen kann auf Basis der Meldepflicht jederzeit getestet werden. Ich habe beispielsweise erlebt, wie während des Trainingslagers in der Türkei unangekündigt Spieler zu Proben „abgeholt“ wurden. Zum damaligen Zeitpunkt wurde von drei unterschiedlichen Institutionen getestet, NADA, DFB sowie bei unseren internationalen Spielen mit Werder von der UEFA.

Ist während Ihrer Tätigkeit als Mannschaftsarzt mal ein Spieler, beispielsweise aus einer besonderen Drucksituation wie einer Verletzung oder Ähnlichem heraus mit der Bitte auf Sie zugekommen, illegal nachzuhelfen?

Nein, das ist mir nie passiert. Und falls es passiert wäre, bin ich froh, dass es die Dopingregeln gibt und man sich immer darauf berufen kann.

Eine angeblich neue Trenddroge im Profifußball ist das schwedische Tabakprodukt Snus, dessen Einnahme beispielsweise in England bereits sanktioniert wird. Was wissen Sie über das Tabakprodukt und dessen mögliche Wirkung?

Es gibt dazu meines Wissens bislang keine eindeutigen oder ausreichend untersuchten medizinischen Ergebnisse. Was immer bedenklich sein sollte, ist die Mentalität, die möglicherweise dahinter steckt, wenn ein Spieler bewusst zu diesem Produkt greift. Als Mannschaftsarzt sollte man das in meinen Augen unter keinen Umständen unterstützen.

NADA und UEFA haben spezielle Meldeplattform eingeführt, wollen bewusst Whistleblower ermutigen, Verdachtsfälle zu melden - haben Sie Einblicke, inwiefern dies bislang genutzt und möglicherweise auch zu Erfolgen geführt hat?

Persönlich halte ich so ein „Anschwärz“-System für bedenklich. Ich weiß aber, dass die NADA bereits früh eine rege Beteiligung und den Eingang vieler Hinweise bestätigt hat.

Laut Statistik steigt die Zahl der Dopingfälle im Profi-Fußball jährlich – ein Beleg dafür, dass die Hemmschwelle bei Profis fällt und immer mehr bewusst zum Doping greifen oder eher dafür, dass die Kontrollen immer besser werden?

Es gibt heute Doping-Tatbestände, die es früher nicht gab. Daher muss man mit solchen Zahlen vorsichtig sein. Und aus diesem Grund müssen die Systeme logischerweise auch immer weiter verfeinert werden und sich an die neuen Entwicklungen anpassen. Regularien werden Jahr für Jahr von Juristen, Sportwissenschaftlern, Medizinern, Chemikern und vielen mehr erneuert. Dennoch halte ich fest: Menschen, die betrügen wollen, werden immer einen Weg finden, dies auch zu tun.

Herr Dr. Dimanski, herzlichen Dank für das Gespräch.

Interview: Thomas Deterding

Zur Person

Zwischen 1991 und 2014 war Dr. Götz Dimanski Mannschaftsarzt beim SV Werder. Heute leitet er als ärztlicher Geschäftsführer und Chefarzt für den Bereich Sportmedizin und Physiotherapie das aus dem „SporThep Werder“ hervorgegangene Reha-Zentrum Bremen. Der 59-Jährige gilt als Pionier in der praktischen Umsetzung ambulanter Rehabilitation in Deutschland. Seine Tätigkeitsschwerpunkte liegen im Bereich der nichtoperativen Diagnostik sowie der Therapie von Erkrankungen und Verletzungen des gesamten Bewegungsapparates. In seinem Spezialgebiet - Verletzungen und Funktionsstörungen des Beckens und der Leiste - ist er einer der führenden Sportmediziner Deutschlands. Neben seiner langjährigen Tätigkeit als Mannschaftsarzt beim SV Werder war er zudem zwischen 1999 und 2016 Mitglied der sportmedizinischen Kommission des DFB.

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