Bericht aus Lille : Fußballfest mit 50000 Fans erlebt

Mit der kombinierten Deutschland- und Hansa-Fahne jubeln Robert Jaap, Peter Albrecht, Benjamin Witting, Ulf Blase, Hendrik Jarchow und Ewald Keinert (v.l.) auf dem Balkon des Theaters von Lille.  Fotos: Kowalzik
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Mit der kombinierten Deutschland- und Hansa-Fahne jubeln Robert Jaap, Peter Albrecht, Benjamin Witting, Ulf Blase, Hendrik Jarchow und Ewald Keinert (v.l.) auf dem Balkon des Theaters von Lille. Fotos: Kowalzik

Hooligan-Randale kann Stimmung beim 2:0-Sieg der deutschen Nationalmannschaft in Lille nicht trüben

svz.de von
14. Juni 2016, 07:42 Uhr

Bei meinem Freund Ewald Keinert und mir überwiegt nach dem 2:0 Deutschlands gegen die Ukraine die Freude über ein Fußballfest mit 50  000 Fans in einem fantastischen Stadion Paul Mauroy, Heimstatt des OSC Lille. Das konnten auch nicht die deutschen Hooligans verhindern, die nahe dem Place de Gaulle, einem der zentralen Plätze der Stadt, wüteten und Geschäfte zerstörten. Natürlich bleibt ein Nachgeschmack, aber vor und im Stadion hatten die Chaoten keine Chance.

Der Place de Gaulle oder Grand Place war auch unser Ziel. Von den Randalen bekamen wir live nichts mit. Aber sie machten natürlich per Handy oder per Anruf von zu Hause, weil man sich dort sofort Sorgen machte, die Runde.

Am Grand Place hatten wir uns mit dem Güstrower Ulf Blase verabredet. Der hatte über einen Freund von unserer Tour erfahren, Kontakt mit uns aufgenommen und diesen Treffpunkt vorgeschlagen. Wir fuhren mit der Metro bis Rihour. Schon auf der Rolltreppe nach oben hörten wir die Fan-Gesänge. In einer schmalen Straße mit einer Gaststätte neben der anderen bis zum Grand Place saßen oder standen die Fans. Der Lärm war ohrenbetäubend – aber schön, eben vor einem solchen Spiel passend. Immer wieder und wieder hörten wir „Die Nummer eins, die Nummer eins, die Nummer eins der Welt sind wir!“. Stimmt ja auch immer noch… Später schallte es mehrmals aus Lautsprechern auf dem Platz. Ein Mädchen sprang an die Seite des Sängers, der uns mit Chart-Hits versorgte, stimmte den Vers an und die meisten sangen wieder mit.

Lille war dort und auch am Stadion fest in der Hand der deutschen Fans, super verkleidet, in klasse Stimmung und ohne Bock auf Hooligans.

Ulf Blase fanden wir am Brunnen, der mitten auf dem Platz steht. Er ist mit seinem Freund Hendrik Jarchow aus Schwerin, jetzt Bonn, bei der EM. Beide sind Fußball-Fans. Ulf Blase versäumt möglichst kein Hansa-Spiel. Der deutschen Mannschaft will er u.a. im Frühjahr bei der WM-Qualifikation bis nach Aserbaid-shan folgen. Keine schlechte Idee, denken auch wir…

Mit einem Bier wurde auf das Wiedersehen angestoßen. Schnell fanden wir Kontakt zu anderen Fans. Sie kamen aus Milow und Diebow nahe Ludwigslust: Robert Schulz, Peter Albrecht, Benjamin Witting und Robert Jaap. Alles Mitt-Zwanziger und im Job. Unterwegs sind sie mit einem Wohnmobil. 2400 Euro legten sie dafür hin. Aber das machten sie gern für solch ein Erlebnis.

Robert Schulz packte gleich eine Deutschland-Fahne aus und breitete sie für ein Foto aus. Schnell wussten wir, warum: In der Mitte prangte das Hansa-Logo. Robert ist Hansa-Fan. Daher war diese Fahne für ihn bei der EM ein Muss. Die Fahne machte nach dem ersten Foto die Runde. Andere Fans wollen auch fotografiert werden. Dann die Entscheidung: Wir wollen uns auf dem Balkon des Theaters zeigen und für Deutschland und Hansa Flagge zeigen.

Dass die Fahne über und neben der ukrainischen Nationalfahne im Wind flatterte, stört hier niemanden. Im Gegenteil: Viele deutsche und ukrainische Fans sprachen miteinander, viele umarmten sich. Nur in einem Punkt gab es einen Unterschied: Den Sieg wollten beide.

Dann die Frage: Gehen wir mit dem Fan-Zug, der sich um 17 Uhr ganz in unserer Nähe formierte, mit zum Stadion oder treffen wir uns im „Au Bureau“? Wir entschieden uns für „Au Bureau“. Das Restaurant hatte sich in den sozialen Netzwerken als Treff der deutschen Fans herumgesprochen. Nur wenige hundert Meter vom Stadion entfernt konnte man hier noch etwas trinken, essen und Fußball sehen. Es war auch Unterschlupf vor dem ersten und einzigen kräftigen Schauer an diesem Tag.

Dann aber rief uns das Spiel. Zweieinhalb Stunden vor Spielbeginn wollten wir da sein. Der Grund? Immer wieder hörten wir, dass es bis zu drei Sicherheitskontrollen geben soll. Dazu passte, dass wir rund um das Stadion, aber auch in der Stadt, immer wieder auf schwerbewaffnete Polizisten und Armee trafen. Zudem waren überall Polizistinnen auf Pferden, eine ganze Armada von Polizei-Motorrädern und viele Polizei-Streifen präsent. Frankreich hatte vorgesorgt. Vor und während des Spiels kreiste ein Hubschrauber über dem Stadion. Bei dieser EM ist es eben wegen der Terrorgefahr anders als sonst.

Trotzdem: Wir sehen es, registrieren es, genießen dann aber wieder die einmalige Atmosphäre einer EM. Die Situation bleibt entspannt, friedlich und teilweise ausgelassen.

Überraschend zügig gingen die Kontrollen über die Bühne, um ins Stadion zu kommen. Die erste Kontrolle galt der Karte. Apropos Karten: Für uns doch überraschend wurden sie fast wie sauer Bier für viel weniger Geld vor dem Spiel angeboten. Am zweiten Kontrollpunkt wurden wir abgetastet, größere Rucksäcke mussten abgegeben werden. Ein Polizist stand immer im Hintergrund. Dann waren wir im Stadion. In dem sorgten die Deutschen für die Stimmung. Vier Fünftel der Zuschauer waren in Schwarz-Rot-Gold da, der Rest ist in Blau-Gelb hinter einem Tor, die Ukrainer.

Als wir im Mittelrang auf unseren Plätzen saßen, auf denen wir bei Spielbeginn Teil der schwarz-rot-goldenen Performance der Deutschen waren, begrüßten mich noch zwei Güstrower: Kay Meyer und Martin Haack. Sie wussten von unserer EM-Reise, hatten meinen Auftakt-Beitrag in der Zeitung gelesen. Die Lulu-Fans übrigens ebenfalls. Sowohl sie als auch Ulf Blase und Hendrik Jarchow werden wir in Paris wieder treffen.

Ab heute sind wir in der Metropole an der Seine. Donnerstag wartet Polen auf uns. Wir sind nach unserem getippten 2:0-Erfolg, der zwar nicht überzeugend war, weiter auf Wohnwagen-Siegestour.

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