Prozess : Für Hoeneß schlägt heute die Stunde der Wahrheit

Angespannt: Uli Hoeneß
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Angespannt: Uli Hoeneß

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12. März 2014, 22:51 Uhr

Für Uli Hoeneß liegt die Frage über Haft oder Freiheit in den Händen der Richter. Das Münchner Landgericht fällt wohl doch schon heute das Urteil über den prominenten Steuersünder. Im schlimmsten Fall droht dem Bayern-Boss eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren. Die Kammer geht von einer Steuerschuld von 27,2 Millionen Euro aus – und nicht von den 3,5 Millionen, die dem Bayern-Boss in der Anklage vorgeworfen wurden. Das sagte Richter Rupert Heindl gestern.

Auch Hoeneß' Verteidigung erkennt die Summe widerspruchslos an. „Die Zahlen hält die Verteidigung für sachgerecht, da zweifeln wir nicht dran“, sagte Hoeneß' Anwalt Hanns W. Feigen. Die Zahlen seien keine Überraschung. „Wir sind ja nicht dämlich“, erklärte Feigen: „In der Selbstanzeige, die Herr Hoeneß am 17. Januar 2013 eingereicht hat, sind sämtliche Zahlen bereits enthalten.“

Am Montag zum Prozessauftakt hatte die Verteidigung von 18,5 Millionen gesprochen. Die 27,2 Millionen wurden erst nach der Aussage einer Steuerfahnderin bekannt. Die Differenz erklärte Feigen damit, dass die 18,5 Millionen Schätzungen gewesen seien.

 

Die Staatsanwaltschaft fühlt sich in der Annahme bestätigt, dass Hoeneß' Selbstanzeige überaus fehlerhaft ist. Stimmt die Kammer heute nach den Plädoyers dieser Ansicht zu, kommt Hoeneß nach Ansicht vieler Experten um eine Gefängnisstrafe wohl nicht mehr herum.

Mit Spannung erwartet worden war gestern die Aussage eines EDV-Experten im Finanzamt Rosenheim. Ein Dokument mit den Schweizer Bankdaten von Hoeneß wurde bereits vor über einem Jahr erstellt, aber danach noch mehrfach verändert, berichtete der Zeuge. Ein „Grunddokument“ sei zwar schon am 18. Januar 2013 um 16:21 Uhr erstellt worden, einen Tag nach der Selbstanzeige von Hoeneß.

„Das bedeutet, dass zumindest ein Element in dieser Datei erstellt wurde. Es bedeutet aber nicht, dass sie abgeschlossen wurde“, erläuterte der Mann. Mehrere Teile seien in den Monaten danach noch hinzugefügt worden. Die Hoeneß-Anwälte hatten die komplette Datei erst wenige Tage vor Prozessbeginn an die Steuerfahndung übergeben.

Wie ist der Stand im Prozess?

Das Münchner Landgericht geht inzwischen von 27,2 Millionen Euro Steuerschuld aus, die Verteidigung von Hoeneß erkennt die Summe an. Zu Prozessbeginn hatte die Anklage Hoeneß zunächst vorgeworfen, 3,5 Millionen Euro hinterzogen zu haben. Die Anklage forderte in ihrem Plädoyer eine Haftstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten für den Präsidenten des FC Bayern München. Es handele sich um einen besonders schweren Fall von Steuerhinterziehung, sagte Staatsanwalt Achim von Engel am Donnerstag vor dem Landgericht München. Die Verteidigung fordert eine Bewährungsstrafe und die Aussetzung des Haftbefehls. Ab 14 Uhr könnte das Urteil folgen.

Welche Strafe droht Hoeneß im schlimmsten Fall?

Bei einer Steuerhinterziehung von mehr als einer Million Euro ist laut Bundesgerichtshof eine Gefängnisstrafe vorgesehen. Nur bei „gewichtigen Milderungsgründen“ sei eine Bewährungsstrafe denkbar. Dazu könnten neben dem Geständnis und der Selbstanzeige die Lebensleistung Hoeneß' oder eine sofortige Wiedergutmachung des Schadens zählen. Ein Fall von einfacher Steuerhinterziehung würde mit Geldstrafe oder bis zu fünf Jahren Haft bestraft. Inzwischen dürfte sich angesichts der gestiegenen Summen um einen besonders schweren Fall handeln - dafür sind laut Gesetz sechs Monate bis zu zehn Jahren Gefängnis vorgesehen.

Müsste Hoeneß bei einer Verurteilung sofort ins Gefängnis?

Vermutlich nicht. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der gegen Kaution ausgesetzte Haftbefehl im Falle einer Verurteilung wieder in Kraft gesetzt werden würde. Eine mögliche Revision würde sofort zum Bundesgerichtshof gehen.

Wie könnte das Urteil im besten Fall für Hoeneß ausfallen?

Die Verteidigung geht weiter davon aus, dass die Selbstanzeige von Hoeneß gültig ist. Sämtliche Zahlen seien darin bereits enthalten gewesen, sagte Anwalt Hanns W. Feigen. Damit könnte das Verfahren noch eingestellt werden und Hoeneß straffrei bleiben. Experten schätzen diesen Fall jedoch inzwischen als eher unwahrscheinlich ein.

Wie kam es zu der hohen Steuerschuld?

Hoeneß jonglierte bei Devisen-Spekulationen ab Anfang des Jahrtausends für einige Jahre mit fast unvorstellbaren Summen. An einem einzigen Tag soll er einmal 18 Millionen Euro verzockt haben. 155 Millionen Euro hatte er als Höchstsumme auf seinem Schweizer Konto. Den Grundstock dafür bildeten 20 Millionen D-Mark, die er vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus bekommen hatte. Die Gewinne von mehr als 130 Millionen Euro hätte Hoeneß versteuern müssen, auch wenn er später nur noch Verluste machte. Das hat er aber nicht getan.

Seit wann hat das Landgericht Zugriff auf die Unterlagen über Hoeneß Geschäfte?

Die umfangreichen, wenn auch noch immer lückenhaften Unterlagen über seine Geschäfte in der Schweiz liegen dem Landgericht München II erst seit Anfang des Monats vor. Nach der Auswertung der Dokumente stieg die Steuerschuld von den 3,5 Millionen Euro in der Anklage auf nun 27,2 Millionen.

Wie verkraftet Hoeneß den Prozess finanziell?

Mit seiner Selbstanzeige überwies Hoeneß bereits zehn Millionen Euro an den Fiskus. Aufgrund der inzwischen als höher eingestuften Steuerschuld dürfte die endgültige Zahlung inklusive Säumniszuschlägen, Zinsen und möglicherweise einer Geldstrafe deutlich höher liegen. Jedes Jahr, in dem Steuern hinterzogen wurden, gilt als einzelne Tat. Daraus wird die Gesamtstrafe gebildet. Sein zu versteuerndes Jahreseinkommen ermittelten die Steuerfahnder im Jahr 2008 mit 10,8 Millionen Euro.

Woher stammt das Vermögen von Hoeneß?

Sein Vermögen verdankt Hoeneß neben seiner Tätigkeit beim FC Bayern München auch der florierenden Wurstfabrik HoWe in Nürnberg, die er 1985 mit dem Metzgermeister Werner Weiß gründete. HoWe wird inzwischen von Hoeneß-Sohn Florian geleitet. Angaben zum Umsatz macht das Unternehmen nicht.

Wie gehen Sponsoren und Aufsichtsratsmitglieder beim FC Bayern mit dem Thema um?

Zumindest öffentlich gibt es noch keine Absetzbewegungen von Hoeneß oder dem Club. Der Bayern-Aufsichtsrat hatte seinem Vorsitzenden Anfang November 2013 das Vertrauen ausgesprochen. In dem Kontrollgremium sitzen die Konzernchefs von Adidas, Telekom, VW und Audi. Die Sponsoren wollen sich die lukrative Geschäftsbeziehung mit dem Fußball-Branchenführer derzeit nicht vermiesen lassen. Er gehe „keine Nanosekunde davon aus“, dass sich das Verhältnis zu dem Verein wegen der „Causa Hoeneß“ verändern werde, sagte Hypovereinsbank-Chef Theodor Weimer am Mittwoch. Allerdings ist nach Einschätzung der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger den vertretenen Unternehmen bereits ein erheblicher Schaden entstanden.

Wie geht die Mannschaft des FC Bayern mit dem Thema um?

Auch das Bayern-Team spricht über den Steuerfall Hoeneß. „Na klar ist das innerhalb der Mannschaft auch Thema“, erklärte Kapitän Philipp Lahm nach dem 1:1 gegen den FC Arsenal und dem Viertelfinaleinzug in der Champions League. Auch die Mannschaft solle „immer daran denken, was Uli für uns geleistet hat“, betonte Sportvorstand Matthias Sammer beim Pay-TV-Sender Sky. Das sei dann auch „Verantwortung“.

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