56. Verein der Geschichte im Oberhaus : Union Berlin steigt in die Bundesliga auf – Platzsturm nach Abpfiff

Die Fans von Union Berlin kannten kein Halten mehr nach dem Abpfiff.
Die Fans von Union Berlin kannten kein Halten mehr nach dem Abpfiff.

Union Berlin steigt erstmals in seiner Vereinsgeschichte in die Bundesliga auf, der VfB Stuttgart steigt ab.

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27. Mai 2019, 22:31 Uhr

Berlin | Ergebnis des Abends:
1. FC Union Berlin - VfB Stuttgart 0:0

Hinspiel 2:2, damit steigt Union Berlin in die Bundesliga auf, der VfB steigt ab.

Der 1. FC Union Berlin hat erstmals den Aufstieg in die Bundesliga geschafft und damit den dritten Abstieg des VfB Stuttgart besiegelt. Die Berliner setzten sich am Montag in der Relegation durch ein 0:0 im Rückspiel gegen die Schwaben durch, nachdem sich beide Clubs in Stuttgart 2:2 getrennt hatten.

Trotz langer Überlegenheit in der stimmungsvollen und packenden Partie beim Zweitligadritten wartete der Bundesliga-16. aus Stuttgart vergeblich auf das dringend benötigte Auswärtstor und muss wie schon 2016 und 1975 ins Unterhaus.

Union der 56. Verein in der Bundesliga

Das vermeintlich rettende 1:0 für die Schwaben durch einen Freistoß von Dennis Aogo (9. Minute) hatte Schiedsrichter Christian Dingert nach Studium der Videobilder wegen einer Abseitsstellung aberkannt. Damit steht der VfB vor dem bitteren Neuaufbau in der 2. Liga, Interimscoach Nico Willig soll wieder zur U19 zurückkehren, der Kieler Tim Walter übernimmt für ihn.

Union schaffte es hingegen vor 22.012 Zuschauern als 56. Verein und fünfter Club aus Berlin in die Bundesliga und startete mit Schlusspfiff die Party im ausverkauften Stadion An der Alten Försterei. Die Schwaben waren in der ersten Hälfte fußballerisch die klar bessere Mannschaft, machten aber aus ihrem klaren Chancenplus nichts - auch weil Union-Keeper Rafal Gikiewicz mehrfach stark parierte.

Auch nach dem Wiederanpfiff machte Stuttgart gezwungenermaßen mehr für das Spiel. Ohne Erfolg. Als sie mehr ins Risiko gehen mussten, nutzten die Berliner die sich bietenden Räume: Aber erst verstolperte Grischa Prömel die mögliche Führung (63.), dann traf Suleiman Abdullahi zweimal nur den Pfosten (64. und 66.).

Nach dem Schlusspfiff kannten die Berliner Fans kein Halten mehr und stürmten den Platz. Es blieb jedoch alles friedlich.

Aufstiegstrainer Urs Fischer kassierte nach Spielende eine Bierdusche. Foto: dpa/Jörg Carstensen
dpa/Jörg Carstensen
Aufstiegstrainer Urs Fischer kassierte nach Spielende eine Bierdusche. Foto: dpa/Jörg Carstensen

Dummheit des Abends:

Eigentlich ging der VfB Stuttgart in der 9. Minute mit 1:0 in Führung - eigentlich. Doch wegen einer Dummheit von Stürmer Nicolas Gonzalez wurde der Treffer durch Schiedsrichter Christian Dingert annulliert. Dennis Aogo hatte einen Freistoß aus 18 Metern wunderbar in die von ihm aus linke Ecke geschlenzt und seinen vermeintlich ersten Treffer für den VfB überhaupt erzielt, seit er 2017 vom FC Schalke 04 an den Neckar wechselte. Doch aus unerklärlichem Grund war Gonzalez beim Schuss seines Teamkollegen vor Union-Torhüter Gikiewicz herumgeturnt und hatte dem Keeper dadurch die Sicht verdeckt – so wurde aus passivem ein aktives Abseits. Der Videoassistent informierte Schiri Dingert, der die Szene daraufhin überprüfte und den Treffer zurücknahm. Zum Leidwesen der Stuttgarter, die die Führung bereits ausgiebig gefeiert hatten.

Nicolas Gonzalez (m.) stand bei Aogos Freistoßtreffer deutlich im abseits – und im Blickfeld von Union-Keeper Gikiewicz. Foto: imago images / Eibner
imago images / Eibner
Nicolas Gonzalez (m.) stand bei Aogos Freistoßtreffer deutlich im abseits – und im Blickfeld von Union-Keeper Gikiewicz. Foto: imago images / Eibner


Crash des Abends:

Beim gemeinsamen Versuch, den Berliner Sebastian Andersson in der Luft zu stoppen, prallten die Stuttgarter Innenverteidiger Ozan Kabak und Holger Badstuber in der 21. Minute mit den Köpfen zusammen. Beide zogen sich dabei blutende Kopfwunden zu und mussten längere Zeit behandelt werden. Heroisch oder unvernünftigerweise – je nach Betrachtungsweise – spielten beide jedoch mit Kopfverbänden weiter. So gab die VfB-Innenverteidigung ab Mitte der ersten Hälfte ein ziemlich lädiertes Bild ab:

Von der Relegation gezeichnet: Ozan Kabak (l.) und Holger Badstuber. Foto: imago images / Jan Huebner
imago images / Jan Huebner
Von der Relegation gezeichnet: Ozan Kabak (l.) und Holger Badstuber. Foto: imago images / Jan Huebner

Pfosten des Abends:

Gleich zwei Mal innerhalb von zwei Minuten traf Unions Abdullahi in der zweiten Hälfte den Pfosten: Erst scheiterte der Nigerianer in der 65. Minute mit einem Fernschuss am von ihm aus gesehen rechten Aluminium. Eine Minute später setzte sich der ehemalige Braunschweiger stark gegen Kabak durch, rutschte dann kurz vor VfB-Keeper Zieler und brachte den Ball im Fallen dennoch in Richtung Tor. Langsam kullerte die Kugel erneut an den rechten Pfosten. Doppeltes Pech für Abdullahi und Union.

Berlins Abdullahi (l.) scheiterte zwei Mal am Pfosten. Foto: imago images / Matthias Koch
imago images / Matthias Koch
Berlins Abdullahi (l.) scheiterte zwei Mal am Pfosten. Foto: imago images / Matthias Koch

Empfang des Abends:

Bereits zwei Stunden vor Spielbeginn hießen die Union-Fans ihre Helden auf spektakuläre Weise willkommen: Als der Mannschaftsbus an der Alten Försterei vorfuhr, zündeten zahlreiche Anhänger Pyrotechnik und skandierten laute Fangesänge. Beeindruckende Bilder schon vor dem Spiel:

Zahl des Abends: 5

Der 1. FC Union Berlin ist nach Hertha BSC, Tasmania, Blau-Weiß 90 und Tennis Borussia der fünfte Fußballverein aus der Hauptstadt, der es in die Bundesliga geschafft hat.

Stimmen des Abends:

Michael Parensen (Union) bei Eurosport: "Ich kann niemand mitnehmen in meine Gefühlswelt. Was wir in dieser Saison geleistet und heute reingehauen haben – mehr geht nicht. Es war unglaublich! Natürlich träumt man immer davon. Wir wussten, dass wir eine gute Mannschaft haben. Aber man braucht viel Glück. Ein Traum ist wahr geworden"

Urs Fischer (Trainer Union): "Ich glaube, dass ein ganzer Verein ein Jahr lang alles dafür gemacht hat. Die Arbeit braucht viele Hände, es freut mich für alle. Es ist ein gemeinsamer Erfolg. Ich habe alles zurückbekommen, was ich gegeben habe. Es ist fantastisch. Dem Verein und dem tollen Publikum und jedem einzelnen Mitarbeiter gönne ich es. Ich habe immer daran geglaubt."

Sebastian Andersson (Union): "Es ist so gut. Ich bin so stolz auf das Team, wir haben unglaublich gefightet."

Oliver Ruhnert (Geschäftsführer Union): "Es ist unbeschreiblich. Die Mannschaft hat den härtesten Weg genommen, das kann man nicht beschreiben. Die Leute haben sich so danach gesehnt. Es ist ein geiles Gefühl, Union in der 1. Liga zu sehen."

Dirk Zingler (Präsident Union): "Es ist irreal, ich fasse es gar nicht. Ich gehe seit 40 Jahren zu diesem Verein und habe auf dieses Spiel gewartet. Die Menschen haben es einfach verdient, deshalb bin ich so glücklich."

VfB-Interimstrainer Nico Willig: "Das ist der Tiefpunkt, das ist eine Horrorsaison. Union ist verdient aufgestiegen, sie haben eine überragende Saison gespielt, wir eine katastrophale. Es tut mir leid für die Fans."

Thomas Hitzlsperger (Sportvorstand VfB Stuttgart): "Es war viel Kampf von beiden Mannschaften. Gratulation an Union, sie sind verdient in die 1. Liga aufgestiegen. Das ist brutal enttäuschend. Wir haben es nicht geschafft, weil wir bisschen weniger als der Gegner gemacht haben. Union hat Vollgas gegeben und jeden Zweikampf angenommen. Wir haben uns in dieser Saison nie richtig gefunden. Wir haben viel durchgewechselt und drei Trainer gehabt. Am Ende waren es zwei Unentschieden, aber das kann nicht der Anspruch sein. Wir sind mit anderen Erwartungen in die Saison gestartet. Wir müssen erkennen, dass wir viel falsch gemacht haben. Es wird Veränderungen geben, wir haben zu viel falsch gemacht. So etwas zu erleben ist brutal bitter. Ich muss den Leuten Möglichkeiten aufzeigen, etwas zu verändern. Wir haben nicht viel Zeit. Meine Aufgabe ist es, die Leute aufzurichten und nach vorne zu schauen."

Tweets des Abends:

Ein User kramte dieses alte Video von Holger Badstuber heraus. Der heutige Stuttgarter hatte vor Jahren mit diesem kuriosen Video für Aufsehen gesorgt:

Zum Singen war Badstuber an diesem Abend aber gewiss nicht zumute:


So kann man es auch sehen:


Ach herrje ...

Angesichts von zwei Pfostentreffern in kurzer Zeit eine berechtigte Frage:

Und zum Abschluss noch ein Gruß nach München:



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