Pro und Contra : "Endspiel" in Paris: Ist Joachim Löw noch der Richtige für das DFB-Team?

Seit zwölf Jahren trainiert Joachim Löw die Fußball-Nationalmannschaft. So scharf wie aktuell, ist er noch nie kritisiert worden.
Seit zwölf Jahren trainiert Joachim Löw die Fußball-Nationalmannschaft. So scharf wie aktuell, ist er noch nie kritisiert worden.

Nach dem 0:3 gegen die Niederlande steht Bundestrainer Joachim Löw in der Kritik. Zwei Sportredakteure diskutieren.

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15. Oktober 2018, 13:12 Uhr

Hamburg | Nach dem desaströsen Auftritt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland forderten bereits viele Fans und Experten die Ablösung von Bundestrainer Joachim Löw. Doch der DFB schenkte dem Weltmeister-Coach von 2014 noch einmal das Vertrauen. Löw versicherte das blamable WM-Aus konsequent aufzuarbeiten und zu analysieren und einen Umbruch einzuleiten.

Nach drei Länderspielen zeigt sich jedoch, dass das DFB-Team noch immer in "WM-Form" ist. Zwar zeigten Neuer und Co beim 0:0 in München gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich eine ordentliche Leistung, doch das 0:3 am vergangenen Samstag in Amsterdam gegen die Niederlande war ein Abdriften in WM-Zeiten.

Am kommenden Dienstag, 20.45 Uhr, geht es für die Nationalmannschaft in Paris gegen Frankreich nicht nur um den Abstieg aus der Nations League, sondern auch um die Personalie Joachim Löw. Sollte der Bundestrainer auch nach einer Niederlage weitermachen dürfen? Unsere zwei Sportredakteure sind da unterschiedlicher Meinung: Alexander Barklage will an Löw festhalten, für Kim Patrick von Harling ist ein Trainerwechsel zwingend notwendig.

Pro: Löw sollte vorerst bleiben – aus Mangel an Alternativen

Das 0:3 von Amsterdam war fast eine Offenbarung. Gegen eine zwar talentierte, aber allenfalls durchschnittliche "Elftal" verlor das DFB-Team am Ende deutlich. Es ist der vorläufige Tiefpunkt der Ära von Bundestrainer Joachim Löw. Trotzdem sollte der "ewige" Jogi Bundestrainer bleiben, auch wenn Deutschland am Dienstagabend gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich verliert und dann vielleicht sogar in der Nations League in die B-Gruppe absteigt. Mein stärkstes Argument pro Löw ist, dass es einfach keinen geeigneten Nachfolger für ihn geben würde. Von einem Schnellschuss, wie es viele Teams in der Bundesliga praktizieren, halte ich nichts.

Seien wir doch mal ehrlich, wer könnte es denn derzeit besser machen? Haben Sie eine (realistische) Idee? Tatsächlich meinen einige Fans, doch einfach mal Jupp Heynckes zu fragen. Der ehemalige Bayern-Coach wäre sicherlich kompetent, aber er ist schon 73 Jahre alt und wäre allenfalls eine Interimslösung als eine Option für die Zukunft. Ein weiterer Mann im hohen Alter wäre auch frei: Arsene Wenger. Der 68-jährige ehemalige Coach des FC Arsenal hätte Zeit und spricht fließend Deutsch. Für weitaus realistischer halte ich die altbewährte Lösung den U21-Coach hochzuziehen. Stefan Kuntz gehört sicherlich die Zukunft und der Europameister von 1996 hat bereits nachgewiesen, dass er Titel holen kann. Mit der U21 holte Kuntz den EM-Pokal 2017 in Polen.

Bleiben wir aber in der Gegenwart, vielleicht gibt es am Dienstagabend im Pariser Stade de France auch die Wiedergeburt der deutschen Nationalmannschaft nach einem überzeugenden Sieg beim Weltmeister, das würde alle Löw-Kritiker (vorerst) verstummen lassen.

Nach dem 0:3 gegen die Niederlande in Amsterdam am Samstagabend wirkte Bundestrainer Joachim Löw und sein Co-Trainer Marcus Sorg schon etwas ratlos.
imago/ActionPictures
Nach dem 0:3 gegen die Niederlande in Amsterdam am Samstagabend wirkte Bundestrainer Joachim Löw und sein Co-Trainer Marcus Sorg schon etwas ratlos.

Contra: Der Neuanfang muss eingeleitet werden – jetzt

Ja, Joachim Löw wurde in 2014 Weltmeister mit dem DFB-Team. Reicht der Kredit weiter aus? Nein, das ihm entgegengebrachte Vertrauen kann Löw nicht mehr zurückzahlen. Der "Neuanfang" nach dem peinlichen WM-Vorrundenaus 2018 ist keiner. Sami Khedira war das Bauernopfer, Mesut Özil ist nach einer Schlammschlacht mit dem DFB freiwillig zurückgetreten. Und dann? Seitdem nominiert Löw weiterhin nach Alibi. Die "jungen Wilden" wie Leroy Sané und Julian Brandt dürfen mit zu den Spielen gegen Frankreich (0:0) und zu den Niederlanden (0:3) reisen, in der Startelf stehen weiter die alten Vertrauten des Joachim Löw.

Thomas Müller trifft nicht mehr, Julian Draxler ist mit den Gedanken offensichtlich ganz woanders und Manuel Neuer ist nach seiner schweren Verletzung ein Schatten seiner selbst. Die Weltmeister haben sich verdient gemacht, keine Frage. Und sie sind noch zu jung, um aus der DFB-Elf zu verschwinden. Aber einige Zeit zum Nachdenken – Nicht-Nominierung, ein Bank-Platz – wäre ein starkes Signal von Löw. Und wo bleibt überhaupt Linksverteidiger Philipp Max vom FC Augsburg? Wieso nicht Waldemar Anton von Hannover 96 nominieren (immerhin jüngster Kapitän der Bundesliga) anstelle von Jerome Boateng, der wohl lieber an eine neue Brillenkollektion, als an den Erfolg der Nationalelf denkt? Ein Neuanfang, daran glaube ich fest, fängt damit an, der Mannschaft ein neues Gesicht zu geben. Da Löw dem Team eine neue personelle und taktische Ausrichtung verwehrt, muss er seinen Platz räumen.

Am Dienstagabend werden bis auf Mark Uth, dessen Nominierung und Auftritt in den Niederlanden positiv hervorgehoben werden soll, wieder die "alten Vertrauten des Löw" auf dem Platz stehen – ohne neue Ideen, mit dem alten Trott. Der versprochene Neuanfang hat viel zu lange auf sich warten lassen. Es ist an der Zeit, eine neue Ära mit einem neuen Coach anzugehen.

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