Nach der Gruppenphase : Dragun, Skibbe und Co.: Gewinner und Verlierer der Nations League

Michael Skibbe wurde Ende Oktober als griechischer Nationaltrainer entlassen. Foto: imago/Newspix24
Michael Skibbe wurde Ende Oktober als griechischer Nationaltrainer entlassen. Foto: imago/Newspix24

Während Deutschland zu den Verlierern der Nations League zählt, freuen sich besonders die kleinen Fußballnationen.

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20. November 2018, 16:36 Uhr

Hamburg | Bis auf einige wenige Spiele, die am Dienstagabend noch ausgetragen werden, ist die Gruppenphase der ersten Ausgabe der Nations League beendet. Der von der UEFA neu eingeführte Wettbewerb stand vor Beginn massiv in der Kritik, alleine der komplizierte und nur schwer zu verinnerlichende Modus schreckte viele Fans ab. Doch nach Ablauf der Vorrunde finden sich mittlerweile auch abseits des europäischen Fußballverbandes Stimmen, die dem kontinentalen Turnier durchaus etwas abgewinnen können. Spektakuläre Spiele, Spannung und eben die Tatsache, dass es um etwas geht, haben manchen genervten Fußballfan dann doch noch etwas versöhnt.

Wer hat bislang am meisten von der Nations League profitiert? Wer hat positiv überrascht? Welche Mannschaften haben enttäuscht? Wir listen an dieser Stelle Gewinner und Verlierer auf:

Gewinner der Nations League:

Die Außenseiter unter den ganz Großen: Die Niederlande, die Schweiz, Portugal und England sind die Finalisten der Nations League, die im kommenden Sommer in Portugal den ersten Sieger des Wettbewerbs ausspielen werden. Vier Nationen, mit denen man im Vorfeld nicht unbedingt als Gruppensieger gerechnet hatte und die Länder wie Deutschland, Spanien, Frankreich, Belgien, Italien oder Kroatien hinter sich gelassen haben. Sieht man von WM-Halbfinalist England ab, sind es Teams "aus der zweiten Reihe", die die Gunst der Stunde nutzten, um sich in einem offiziellen UEFA-Wettbewerb zu profilieren.

Bewegende Szene: Nach dem Abpfiff muss der Schiedsrichter weinen

Während die Engländer ihre starken Leistungen bei der Weltmeisterschaft bestätigten, erleben die Niederlande derzeit nach Jahren der Tristesse das Wiedererstarken einer mit jungen Talenten gespickten Mannschaft. In der Schweiz schlummert bereits seit Jahren großes Potenzial, das nun durch einen Wettbewerb wie die Nations League zum Tragen kommt. Portugal ist zwar aktueller Europameister, emanzipiert sich jedoch gerade von Superstar Cristiano Ronaldo. Der verzichtete im bisherigen Verlauf der Nations League auf Einsätze in der Nationalmannschaft – die neuformierte Mannschaft von Erfolgstrainer Fernando Santos ließ dennoch die Italiener hinter sich.

Echte Freude ironisch kommentiert: Der englische Verteidiger Kyle Walker.

Fußballzwerge: Abseits der großen Fußballnationen kämpfen in den Ligen C und D die europäischen Fußballzwerge nicht nur um Ruhm und Ehre, sondern auch um die Aufstiege in die jeweils höheren Ligen sowie um jeweils ein EM-Ticket pro Liga. Gerade die Gruppe D ermöglicht es den "Kleinen", sich mit ebenbürtigen Gegnern einen echten Wettkampf zu liefern und das ungewohnte Gefühl des Kampfs um Platz 1 zu erleben. Mit Georgien, Weißrussland, dem Kosovo und Mazedonien schafften vier Nationen den Aufstieg in Liga C, die in ihrer bisherigen Historie eher keine Erfolge gewohnt waren.

Gibraltar feierte dank der Nations League seine ersten Siege überhaupt, Luxemburg kämpfte bis zum Schluss um den Aufstieg in die Liga C, Armenien gab in sechs Spielen 133 Torschüsse ab (Bestwert aller Nations-League-Teilnehmer) und Mazedonien hatte mit einem Ballbesitzdurchschnitt von 64 Prozent einen noch höheren Wert als Spanien (63 Prozent).

Neue "Stars" am europäischen Fußballhimmel: Kennen Sie Stanislav Dragun, Alexandru Epureanu oder Elia Benedettini? Der weißrussische Stürmer Dragun ist mit fünf Toren der Toptorschütze der Nations League (neben dem Schweizer Haris Seferovic). Alexander Epureanu hat in der moldawischen Nationalmannschaft in sechs Spielen 444 Pässe gespielt, so viele wie kein anderer Spieler in der Nations League. Und Torhüter Elia Benedettini aus San Marino parierte in sechs Spielen immerhin 41 Torschüsse – Bestwert aller Torhüter. Dass der Keeper trotzdem 16 Tore eingeschenkt bekam und San Marino mit null Punkten und null Toren der erfolgloseste Teilnehmer im Wettbewerb war – geschenkt. Europäischer Fußball ist eben nicht nur Wembley, Tiki-Taka oder "Die Mannschaft", sondern lebt auch von und mit kleinen Heldengeschichten.

Übrigens: Mit vier Treffern ist auch der Georgier Giorgi Chakvetadze in der Torjägerliste ganz vorne mit dabei. An dem Offensivtalent von KAA Gent sollen auch Vereine wie der FC Barcelona oder der FC Bayern interessiert sein. Der 19-Jährige hat die Bühne Nations League schon einmal genutzt, um sich einem breiteren Publikum bekannt zu machen.

Spektakuläre Ballannahme von Giorgi Chakvetadze.

Verlierer der Nations League

Deutschland: Was für ein trauriger Niedergang der deutschen Nationalmannschaft! Erst das blamable Vorrunden-Aus bei der WM in Russland, anschließend die verpatzte Wiedergutmachung in der Nations League. Das Fußballjahr 2018 war für den DFB eines zum vergessen! Immerhin macht die Leistung beim abschließenden 2:2 gegen die Niederlande Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ob das aber auch für zukünftige Abschneiden deutscher Nationalmannschaften bei Nations-League-Turnieren gilt, bleibt abzuwarten. In den vergangenen Jahren war das DFB-Team dafür bekannt, Freundschafts- und Testländerspiele oftmals eher locker anzugehen – mit entsprechenden Resultaten, ganz im Gegensatz zu den Qualifikationen für Welt- oder Europameisterschaften. Der neu eingeführte Wettbewerb der UEFA muss vermutlich erst noch ein wenig Glanz und Prestige gewinnen, ehe man auch hierzulande mit Ambitionen an den Start geht.

So qualifiziert sich die deutsche Nationalmannschaft für die EM 2020

Michael Skibbe: Etwas überraschend taucht hier der Name des früheren Assistenten von Bundestrainer Rudi Völler auf. Skibbe war seit Ende 2015 Nationaltrainer in Griechenland, verpasste allerdings zuletzt die Qualifikation für die WM. Dennoch wurde sein Vertrag anschließend verlängert. Skibbe sei es gelungen, "aus einem wilden Haufen, gegen den jede andere Mannschaft gewinnen konnte, wieder ein Team zu machen", hatte Verbandspräsident Evangelos Grammenos damals gesagt.

Michael Skibbe war drei Jahre lang griechischer Nationaltrainer. Foto: imago/Geisser
imago/Geisser
Michael Skibbe war drei Jahre lang griechischer Nationaltrainer. Foto: imago/Geisser

Der selbe Grammenos war es, der Skibbe nach enttäuschenden Ergebnissen in der Nations League Ende Oktober vor die Tür setzte. Skibbe ist damit der einzige Trainer aller Nations-League-Teilnehmer, der während des Wettbewerbs seinen Job verlor. Gebracht hat es den Hellenen zumindest kurzfristig nichts: Griechenland verlor auch sein letztes Gruppenspiel zu Hause gegen Estland (0:1) und beendet Gruppe 2 in Liga C auf Platz 3.

Island: Huuuuh! Nicht nur durch den weltweit bekannt gewordenen Jubelschrei der isländischen Fans hat sich der kleine Inselstaat aus dem Nordatlantik in den vergangenen Jahren im Weltfußball etabliert. Nach dem Höhepunkt bei der EM mit dem Erreichen des Viertelfinals 2016 in Frankreich folgte zwei Jahre später die erstmalige Qualifikation für eine Weltmeisterschaft, dort war aber nach der Vorrunde Schluss. Auf Grund der jüngsten Erfolge schafften es die Insulaner bei der Nations League dennoch in die A Liga – und scheiterten dort grandios. Hinter der Schweiz und Belgien belegte Island in Gruppe 3 mit null Punkten und 1:13 Toren abgeschlagen den letzten Platz.

Islands Birkir Bjarnason ist enttäuscht – die Schweizer jubeln. Für Island gab's in der Nations League nichts zu holen. Foto: imago/DeFodi
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Islands Birkir Bjarnason ist enttäuscht – die Schweizer jubeln. Für Island gab's in der Nations League nichts zu holen. Foto: imago/DeFodi

Bei der nächsten Ausgabe der Nations League tritt Island wie auch Deutschland in der B-Liga an. Ob die Qualifikation für die EM 2020 gelingen wird, ist fraglich: Bei der 0:3-Heimniederlage gegen Belgien hatte das schwächelnde isländische Team einen Altersdurchschnitt von über 30 Jahren – nicht nur der deutsche Fußball hat einen Umbruch also dringend nötig.

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