Frauen-Fußball-WM : Die deutsche Stürmerin Svenja Huth und die Sehnsucht nach dem Pizzastück

Stütze im deutschen Team und Vize-Kapitänin: Svenja Huth (l).
Stütze im deutschen Team und Vize-Kapitänin: Svenja Huth (l).

Die deutsche Vizekapitänin Svenja Huth ist bei dieser WM vor dem Tor noch nicht wie erhofft in Erscheinung getreten.

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21. Juni 2019, 13:10 Uhr

Grenoble | Es ist nicht zu behaupten, dass deutsche Fußballerinnen ihre medialen Pflichten mit Unwillen erledigen. Meistens verhalten sich die Spielerinnen wie wohlerzogene Schwiegertöchter, die auf alle Fragen ausführlich antworten – selbst wenn sich diese bei einer einen Monat währenden Frauen-WM naturgemäß irgendwann wiederholen. Zwei Tage vor dem WM-Achtelfinale in Grenoble (Samstag 17.30 Uhr/ ZDF) erschien nun Svenja Huth zum Verhör in einem Anbau direkt am Trainingsplatz am Paul-Bourgeat-Komplex in den Ausläufern von Grenoble. Ein kleiner Raum mit schlechter Luft.

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Bayrische Frohnatur aus Alzenau

Aber für die Frohnatur aus dem bayrischen Alzenau, die beim Turnier noch als Spielerin von Turbine Potsdam geführt wird, aber ab 1. Juli beim VfL Wolfsburg unter Vertrag steht, kein Grund, schlechte Laune zu verbreiten. Oder sich über das lange Warten auf den Achtelfinalgegner zu beschweren. "Wir wollen uns ohnehin mehr auf unser Spiel fokussieren", versicherte die 28-Jährige. "Ich finde, dass wir uns von Spiel zu Spiel gesteigert haben." Sie steht schon typbedingt für eine Sichtweise, ein Glas eher als halbvoll denn als halbleer zu betrachten.

Der deutschen Nummer neun wäre beispielsweise vorzuhalten, dass sie noch an keinem der fünf deutschen Tore als Vollstreckerin oder Vorlagengeberin beteiligt war, obwohl sie dreimal in der Startelf stand. Immerhin: Sie schlug gegen Spanien die Flanke, woraufhin Alexandra Popp köpfte und Sara Däbritz abstaubte. Mehr war noch nicht, was sie aber nicht weiter stört, wie sie sagte: "Ich gehe gut damit um. Weil es nicht nur darauf ankommt, Tore zu schießen." Die 47-fache-Nationalspielerin (sieben Tore) bringt Einsatz, Kampfgeist und Laufbereitschaft ein. Die typischen Wesenswerkmale einer DFB-Auswahl, die fußballerische Akzente nur sehr selten setzte.

Huth wechselt zur neuen Saison zum VfL Wolfsburg

Ohne Huth wäre Deutschland vielleicht nur über Umwege nach Frankreich gekommen: Erst ihr Doppelpack im wegweisenden Qualifikationsspiel auf Island sicherte das direkte WM-Ticket. Dass damals über dem Nationalstadion von Reykjavik ein Regenbogen erschien, passte zur persönlichen Entwicklung der Offensivallrounderin. Sie hatte für die neue Saison auch Anfragen vom FC Bayern und aus dem Ausland vorliegen, entschied sich aber "bewusst" für den Wechsel zum Doublesieger Wolfsburg.

Mit der Ernennung zur Vizekapitänin steht Huth inzwischen auch in der Hierarchie beim DFB-Team weit oben. Sie weiß beispielsweise genau, wie Ersatzspielerinnen angefasst werden müssen, weil sie diese Rolle vor ihrem Wechsel nach Potsdam viele Jahre beim 1. FFC Frankfurt, aber auch bei der Nationalmannschaft erlebte. "Es ist für die Spielerinnen, die nicht zum Einsatz, immer schwierig. Ich kenne das ja selbst noch. Man muss einfach sensibel auf die anderen zugehen."

Zimmerpartnerin von Dzsenifer Marozsan

Als mentale Stütze fungiert sie derzeit für ihre Zimmerpartnerin Dzsenifer Marozsan, die nach ihrer gebrochenen Mittelzehe des linken Fußes jeden Tag ein Stück näher ans Team rückt. Zuletzt trainierte die Spielmacherin in Turnschuhen ohne Ball. Während Marozsan öffentlich nicht reden mag, sprach Huth über sie. "Ihr geht es gut, sie ist kämpferisch. Dzseni ist positiv und wir sind positiv." Im Achtelfinale wird es ohne Marozsan gehen müssen. Huth wird sich also wieder die Lunge aus dem Leib rennen. Erstmals werden die Laufdaten bei einer Frauen-WM veröffentlicht, aber Huth ist von Werten wie den 112 Kilometern im Gruppenspiel gegen Spanien nicht überrascht. Auch in Potsdam würde man ja mit dem GPS-Tracker arbeiten.

Vor jeder Einheit bringen die Nationalspielerinnen sich die Geräte gegenseitig am Trainingsshirt an. Huth hatte noch eine Empfehlung, wie es in der K.o.-Phase noch besser laufen könnte: "Wir haben bisher eine unglaubliche Willensleistung gezeigt. Nur dürfen wir die Bälle, die wir uns erobern, nicht so leicht wieder hergeben. Wir haben noch Luft nach oben." Auf Dauer darf es aber auch bei ihr noch ein bisschen mehr sein. Gerade in Sachen Torabschluss. Huth verriet am Donnerstag nämlich: "Wenn ich treffe oder vorbereite sind das die schönsten Glücksgefühle. Ich sage immer: wie ein leckeres Stückchen Pizza." War da in den französischen Alpen sogar Heißhunger herauszuhören?

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