Zwei Spielunterbrechungen : Beleidigungen gegen Dietmar Hopp: Eklat bei Partie Hoffenheim gegen Bayern

Der FC Bayern und die TSG Hoffenheim setzen ein bisher noch nicht gesehenes Zeichen.

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29. Februar 2020, 17:34 Uhr

Sinsheim | Über eine Stunde glänzte der FC Bayern München sportlich in Sinsheim – dann wurd das überdeutliche 6:0 (4:0) zur Nebensache. Trainer Hansi Flick, die Profis um die wütenden David Alaba und Serge Gnabry sowie Vorstandsmitglied Oliver Kahn standen im strömenden Regen vor der eigenen Fankurve und wirkten auf die Anhänger ein. Was war passiert?

Der Eklat

Ein Spruchband genügte, und Schiedsrichter Christian Dingert unterbrach die Partie zum ersten Mal. Die Fans des FC Bayern hielten Banner gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp in die Höhe, deren Wortlaut zutiefst beleidigend war. Im Grundsatz wollten sie damit gegen die wiedereingeführte DFB-Kollektivstrafe gegen die Fans von Borussia Dortmund protestieren, die aufgrund von Beleidigungen gegen den Hoffenheimer mit einem Auswärtsbann belegt worden waren. Wieder war Hopp das Ziel. Die Bayern eilten zur Kurve, redeten wild gestikulierend auf die Fans eins, das Plakat abzuhängen. Es klappte – aber nur vorübergehend. Zehn Minuten später wurde das nächste Banner enthüllt, und Dingert pfiff wieder.

Erbost über Chaoten im eigenen Fanblock: Bayern-Trainer, Hansi Flic, Sportdirektor Hasan Salihamidzic und Co-Trainer Hermann Gerland. Foto: imago images/Revierfoto
Erbost über Chaoten im eigenen Fanblock: Bayern-Trainer, Hansi Flic, Sportdirektor Hasan Salihamidzic und Co-Trainer Hermann Gerland. Foto: imago images/Revierfoto


Die Konsequenzen

Dieses Mal blieb es nicht bei der Intervention der Bayern. Dingert schickte beide Mannschaften in die Kabine. Vor der Kurve versuchten mehrere Profis sowie Ex-Keeper Kahn erneut und emotional, auf die eigenen Fans einzuwirken. Im Kabinentrakt wurde das weitere Vorgehen beratschlagt, auch Hopp und Bayerns Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge waren inzwischen in den Katakomben angekommen.

Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummeniggewar während der ersten Unterbrechung zu TSG-Mehrheitseigner Hopp auf der Ehrentribüne gegangen. Foto: imago images/MIS
Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummeniggewar während der ersten Unterbrechung zu TSG-Mehrheitseigner Hopp auf der Ehrentribüne gegangen. Foto: imago images/MIS


Das Zeichen

Nach fast 20-minütiger Pause kehrten die Teams auf den Rasen zurück. Doch wirklich Fußball gespielt wurde nicht mehr, stattdessen zeigten die Mannschaften auf ihre Weise, was sie von der Fan-Aktion hielten. Demonstrativ schoben sie sich den Ball hin und her, während Hopp und Rummenigge neben dem Rasen standen und genauso wie die meisten Fans applaudierten. Nach dem Spiel gingen Hoffenheim- und Bayern-Profis gemeinsam mit Hopp in die Kurve der Gastgeber. Die eigenen Fans besuchten Manuel Neuer und Co. an diesem Nachmittag nicht.

Rummenigge und Hopp rechts am Spielfeldrand, links die Trainer Flick und Schreuder nach den Schmähungen in Sinsheim. Foto: imago images/HJS
Rummenigge und Hopp rechts am Spielfeldrand, links die Trainer Flick und Schreuder nach den Schmähungen in Sinsheim. Foto: imago images/HJS


Die Reaktionen

Rummenigge nannte die Vorgänge "einen schwarzen Tag für den Fußball", er forderte "klare Kante" gegen solche Fans. "Wir müssen mutig dagegen vorgehen und uns nicht immer wegducken", mahnte der Vorstandschef der Münchner.

Karl-Heinz Rummenigge nach den Beschimpfungen im Wortlaut

Bayern Münchens Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge sah die erneuten Hasstiraden gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp als "schwarzen Tag für den Fußball". Nach dem 6:0-Sieg äußerte sich Rummenigge in den Katakomben:
Frage: Herr Rummenigge, was ist heute hier passiert?
Rummenigge: Ich muss klar und deutlich sagen: Ich schäme mich für das, was da in der Kurve abgelaufen ist. Ich habe mich bei Dietmar Hopp entschuldigt, aber es gibt eigentlich nichts zu entschuldigen. Das, was hier passiert, ist nicht entschuldbar. Ich kann nur eins sagen: Ich habe größten Respekt davor, wie diese letzten 13 Minuten abgelaufen sind. Das war eine Idee der Spieler von beiden Mannschaften. Es war ein Zeichen, dass es einfach nicht mehr toleriert wird, was da abläuft. Es ist nicht das erste Mal passiert mit der Person Dietmar Hopp. Ich muss klar und deutlich sagen: Es ist ein Zeitpunkt für alle, dass wir Flagge zeigen. Wir alle in der Bundesliga.
Frage: Wie werten Sie dieses Spiel und diesen Tag heute?
Rummenigge: Als einen schwarzen Tag des Fußballs. Wir haben ein großartiges Spiel abgeliefert. Ich habe bei der zweiten Unterbrechung unsere Spieler gesehen. Unsere Spieler waren wütend und schockiert über unsere eigenen Fans. Sie haben ja nach dem Spiel gesehen, dass unsere Spieler in die Hoffenheim-Kurve gegangen sind, Dietmar Hopp Beifall geklatscht haben. In unsere Kurve ist keiner gegangen und das war keine Anweisung von irgendjemand bei Bayern München. Die Spieler haben selbst entschieden: Das ist etwas, was wir nicht tolerieren und dafür stehen wir nicht zur Verfügung.
Frage: Waren solche Hassplakate vorher intern Thema beim FC Bayern?
Rummenigge: Wir haben sie (die Fans) gewarnt. Wir haben ja eine Fanclub-Abteilung, die in gewissem Austausch mit den Gruppierungen ist. Es war eine offensichtlich abgestimmte Kampagne innerhalb der Bundesliga. Es gibt Clubs, die sich leider wie unsere Fans daran beteiligt haben. Das ist eine Kampagne gegen die Kollektivstrafe, wie es geheißen hat.
Frage: Herr Rummenigge, welche Möglichkeiten haben denn der Fußball und die Gesellschaft jetzt?
Rummenigge: Erstmal ist es wichtig, dass wir mit klarer Kante vorgehen. Erstmal ist es wichtig, dass wir uns einig sind. Nicht wegducken ist die Lösung, sondern klare Kante zeigen. Dann muss man gegen diese Leute vorgehen. In einer digitalen Welt ist es schon möglich, dingfest zu machen, wer diese Täter heute gewesen sind. Dann muss es möglich sein, dass die Bundesliga-Clubs in Unterstützung mit DFB und DFL diese Leute aus dem Fußball ausgrenzen.
Frage: Das ist zwei Tage nach dem 120. Geburtstag des FC Bayern passiert. Was sagen sie zu dieser Woche?
Rummenigge: Es wäre eigentlich eine wunderbare Woche gewesen. Wir haben ein tolles Spiel gehabt in London und ein tolles Spiel heute. Mit diesem Akt, wenn ich ihn so bezeichnen darf, haben die Chaoten alles kaputtgemacht.
(Aufgezeichnet von Patrick Reichardt und Ulrike John, dpa)


DFL-Boss Christian Seifert sagte: "Die permanenten Anfeindungen gegen Dietmar Hopp sind schon lange nicht mehr hinnehmbar und auf das Schärfste zu verurteilen. Wir haben diesbezüglich heute einen traurigen Höhepunkt erlebt." Jegliche Art von Hass dürfe keinen Platz haben. Ähnliche Äußerungen waren auch in den anderen Bundesliga-Stadien zu vernehmen. Der Fall wird den deutschen Fußball noch lange beschäftigen.

DFB-Präsident Fritz Keller dankte den Spielern und Beteiligten für ihre solidarische Aktion. "Ich möchte den beiden Mannschaften, dem Schiedsrichter, den beiden Vereinen Hoffenheim und Bayern einfach gratulieren, wie sie gehandelt haben", sagte Keller am Samstagabend im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF. "Sie haben ein Stück weit die Verantwortung vom Schiedsrichter genommen und vor allem den Chaoten nicht gelassen, was sie wollten, nämlich das Spiel zu zerstören und Macht über dieses Spiel zu haben", fügte der DFB-Präsident an. Er richtete einen "herzlichen Dank" an die Akteure, die in die Bayern-Kurve gegangen waren.

Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp und Karl-Heinz Rummenigge standen symbolisch nach dem Spiel mit den versammelten Spielern beisammen. Foto: imago images/Jan Huebner
Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp und Karl-Heinz Rummenigge standen symbolisch nach dem Spiel mit den versammelten Spielern beisammen. Foto: imago images/Jan Huebner


Hopp selbst will nicht vor den Hass-Plakaten und -Tiraden gegnerischer Fans kapitulieren. "Warum soll ich nicht mehr in mein Stadion gehen? Die Personen, die das anrichten, müssen dann halt weg bleiben. Ich warte jetzt gespannt ab, wie das jetzt alles ins Rollen kommt", sagte der Mäzen der TSG 1899 Hoffenheim am Sonntag in einem Sport1-Interview. Warum der Milliardär immer wieder als Zielscheibe in der Fußball-Bundesliga auserkoren wird, ist ihm selbst ein Rätsel. "Wenn ich nur im Entferntesten wüsste, was diese Idioten von mir wollen, dann würde es mir alles leichter fallen, das zu verstehen", sagte der 79-Jährige. "Ich kann mir nicht erklären, warum die mich so anfeinden. Das erinnert an ganz dunkle Zeiten."

Die Fans

Die Verursacher des Eklats zeigten keine Einsicht. In einer online veröffentlichten Stellungnahme hieß es: "Will man zukünftig immer, wenn solche Beleidigungen auf der Zuschauertribüne geäußert werden, Fußballspiele ab- oder unterbrechen, wird man keine Partie mehr über 90 Minuten spielen können. Die Unterbrechung heute war einfach nur überzogen und absurd." Die Aktion machte allerdings wieder einmal deutlich, wie heterogen die deutsche Fanszene ist. In der Vorwoche waren einige Gladbacher Anhänger mit Hopp-Beleidigungen aufgefallen, aus anderen Bereichen des Stadions hatten sie dafür Pfiffe geerntet.

Die Hintergründe

Hopp ist seit Jahren das Ziel harscher Kritik aus verschiedensten Fangruppen. Der 79 Jahre alte Milliardär und Mitbegründer des SAP-Konzerns hat aus dem Hoffenheimer Dorfverein mit seinem Privatvermögen einen Bundesligisten und Europapokal-Teilnehmer gemacht. Für den harten Kern mancher Fangruppierungen gilt er deshalb als Symbol für die Kommerzialisierung wie sonst nur der Red-Bull-Club RB Leipzig. Ohne Hopps Geld würde es den Profiverein TSG Hoffenheim nicht geben. In der Rhein-Neckar-Region gilt Hopp als Förderer, für sein gesellschaftliches Engagement wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Weiterlesen: Keine Fans in Hoffenheim: BVB akzeptiert Dreijahressperre

Die Folgen

Mit den Verfehlungen der Bayern-Fans wird sich das DFB-Sportgericht befassen, auch bei den Spielen in Dortmund und Köln gab es wegen Schmähgesängen und Hass-Plakaten gegen Hopp kurzzeitig Unterbrechungen. Auf die Clubs kommt deshalb eine Strafe zu. Viel spannender dürfte allerdings die Frage sein, wie bestimmte Fangruppierungen, die eine solche Aktion gegen Hopp und die Kollektivstrafen bereits vorab angekündigt hatten, in den kommenden Wochen auf das Novum vom Samstag reagieren werden. Dem Deutschen Fußball-Bund und der Deutschen Fußball Liga steht der nächste, langwierige Konflikt mit einigen Fans ins Haus.

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