Interview im neuen "BOA"-Magazin : Boateng über Rassismus-Erlebnisse: "Irgendwann hab' ich angefangen zu heulen"

Bayern-Star Jerome Boateng bringt am Samstag sein erstes eigenes Lifestyle-Magazin heraus.
Bayern-Star Jerome Boateng bringt am Samstag sein erstes eigenes Lifestyle-Magazin heraus.

Jérôme Boateng spricht in seinem neuen Lifestyle-Magazin über Rassismus und bricht eine Lanze für Mesut Özil.

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09. November 2018, 12:19 Uhr

Hamburg/München | Fußballprofi Jérôme Boateng geht am Samstag mit seinem neugegründeten Lifestyle-Magazin "Boa" in den Handel. "BOA" ist für mich in erster Linie eine Herzensangelegenheit. Ich will darin Geschichten aus meiner Welt erzählen", wird Boateng von seiner Agentur zitiert. Es soll künftig sechs Mal im Jahr erscheinen. Die nächste Ausgabe ist für Februar 2019 geplant. In der ersten Ausgabe spricht Boateng selbst in einem Doppel-Interview zusammen mit Sänger Herbert Grönemeyer über gesellschaftliche Themen und vor allem auch über Rassismus in Deutschland.

Boateng wird immer wieder beschimpft

"Wenn ich mich am Rand des Spielfelds warm mache, höre ich öfter, wie Zuschauer Affenlaute von der Tribüne brüllen, obwohl ich für Deutschland so viele Spiele bestritten habe", berichtet Boateng. Das Thema Migration und die Flüchtlingsthematik beschäftigen den 30-jährigen Nationalspieler sehr. Auch in seinem Freundes- und Bekanntenkreis wird viel über dieses Thema diskutiert. "Immer wieder kommen wir auf das gleiche Thema: Was machen wir mit den vielen Menschen, die zu uns kommen? Und welche Folgen ergeben sich daraus?"

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Boateng sieht die aktuelle Lage in Deutschland kritisch und glaubt, dass viele Menschen in eine Schublade gesteckt werden. "Eine für die Deutschen, eine für die Migranten. Und die Deutschen, deren Eltern vielleicht ausländische Wurzeln haben und die nicht weiß sind, sich aber völlig deutsch fühlen, weil sie hier aufgewachsen sind, werden wieder skeptischer angeschaut."

Der Bayern-Spieler erzählt in dem Interview auch von seiner Kindheit in Berlin. Er selbst habe immer wieder mit Rassismus zu kämpfen gehabt, vor allem auch auf dem Fußballplatz. "Dabei waren manche von uns gerade mal zehn Jahre alt. Ich erinnere mich noch an ein Pokalspiel beim Köpenicker SC. Da ist der Vater eines Gegenspielers auf unsere Seite gekommen, hat mich die ganze Zeit beleidigt. Irgendwann hab ich dann angefangen zu heulen."

Irgendwann hab ich angefangen zu heulen."

Jerome Boateng über Beschimpfungen als Jugendspieler

Die Anfeindungen aus seiner Kindheit hat Boateng mittlerweile aber verkraftet. Sie hängen ihm nicht mehr nach, erklärt er. "Als ich jünger war, war das brutal. Meine Eltern sprachen lange nicht mit mir über meine Hautfarbe. Sie war gar kein Thema. Dann ruft dir plötzlich jemand 'Hey, mein kleiner Nigger' zu. Meine Eltern haben mir da erklärt, dass manche Menschen Probleme mit meiner Hautfarbe haben. Ich konnte das nicht glauben. Für ein Kind ergibt das keinen Sinn."

Boateng feiert mit seinen beiden Töchtern Halloween


Boateng will seine Töchter schützen

Als junger Fußballer wurde Boateng immer wieder gesagt, dass er besser nicht zu sehr anecken und sich nur auf den Sport konzentrieren soll. "Aber wenn rechte Parolen bis in die Mitte der Gesellschaft vordringen, sollte jeder aufstehen und Stellung beziehen. Wir Spieler bekommen viel Aufmerksamkeit. Mir ist in den vergangenen Jahren immer klarer geworden, dass ich für viele Menschen auch ein Botschafter bin. Spätestens seit der Nachbar-Geschichte...", so Boateng in Anspielung auf die Aussage des AfD-Politikers Alexander Gauland, der sagte: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut, aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben."

Seine Zwillingstöchter hätten noch keine Erfahrungen mit Rassismus gemacht. "Sie sind sieben Jahre alt. Bald werde ich mit ihnen über das Thema sprechen müssen."

Özil-Debatte: Boateng vermisst Rückendeckung

Auch zur Debatte um Mesut Özil hat Boateng eine klare Meinung. Ihm sei aufgefallen, dass vor allem bei türkischstämmigen Spielern "viele Fans und Medien viel kritischer als bei anderen Spielern kommentieren". Mesut Özil hatte sich in seiner Erklärung zum Ende seiner Nationalmannschaftskarriere über fehlende Rückendeckung seitens des DFB beklagt.


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