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Bundesliga in Sorge : Entfremdung zwischen Fans und Profifußball

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Die Kritik der Ultras an den Auswüchsen im Profifußball entlädt sich häufig in Gewalt. Die Sorge vor weiteren Krawallen in den Stadien ist groß. Hilferufe aus der Liga blieben bislang ungehört. Nun erfüllt der DFB eine Forderung des Ultras. Doch die Skepsis bleibt.

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erstellt am 16.Aug.2017 | 16:52 Uhr

Skandale und Korruption bei Verbänden, ausufernde Transfersummen, zunehmende Kommerzialisierung: Die Auswüchse des modernen Profifußballs widern einen Großteil der Fans immer mehr an. Vor allem die Ultras begehren auf - bis hin zu Gewaltexzessen in den Stadien.

Die Angst vor immer schlimmeren Krawallen wächst. Kurz vor dem Start in die neue Bundesliga-Saison sind bislang alle Warnungen und alle Hilferufe der Clubs ins Leere gelaufen. Spätestens seit den Ausschreitungen beim Skandalspiel Hansa Rostock gegen Hertha BSC im DFB-Pokal ist klar, dass der Fußball ein großes Problem hat.

Erst jetzt will der DFB das Gespräch mit den über die kommerziellen Auswüchse erbosten Ultras intensivieren. «Wir müssen im Dialog Vertrauen aufbauen, Missverständnisse ausräumen und gemeinsam klare Linien und Grenzen festlegen», sagte DFB-Chef Reinhard Grindel. Voraussetzung dafür: «Der Verzicht auf Gewalt.»

Bislang offenbarte sich das ganze Dilemma der Hilflosigkeit von Vereinen und Verbänden in deren Uneinigkeit. Schon vor dem Wochenende hatten Bundesliga-Vertreter vor einer Gewalt-Eskalation gewarnt. «Ich glaube, dass die gesamte Pokalrunde unter Beobachtung steht», hatte Hannovers Sportchef Horst Heldt gesagt. «Wir stehen insgesamt vor einer gewisser Problematik, die wir in den Griff bekommen müssen.» 

Der FC Bayern München unterstützt die angekündigten Maßnahmen des Deutschen Fußball-Bundes nach den Ausschreitungen beim Pokalspiel in Rostock. «Ich begrüße die Initiative von DFB-Präsident Reinhard Grindel, Kollektivstrafen abzuschaffen. Den Dialog mit den unterschiedlichen Fangruppierungen zu suchen, ist auch aus meiner Sicht der richtige Weg», erklärte Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des deutschen Meisters, auf dpa-Nachfrage. «Es muss das Ziel sein, gemeinsame Lösungen zu finden, damit die Faszination des Fußballs auch in Zukunft für alle erhalten bleibt.»

Auch Borussia Mönchengladbachs Geschäftsführer Stephan Schippers hält die vom DFB-Chef angekündigte Initiative für eine gute Vorgehensweise und begrüßt den angestoßenen Dialog innerhalb der bestehenden Strukturen ausdrücklich. «Der Austausch mit den Fans auch auf Verbandsebene ist nötig und gut. Wir hoffen auf eine konstruktive Zusammenarbeit aller Beteiligten und würden uns freuen, wenn die angesprochene Thematik auf nationaler Ebene bei der vom DFB und DFL initiierten AG Fankulturen aufgearbeitet wird», teilte Schippers mit. Der regelmäßige Dialog bringe gegenseitiges Verständnis auf und sei immer der erste Schritt auf dem Weg zur Lösung von Problemen.

Ebenso sieht Präsident Werner Spinner vom Fußball-Bundesligisten 1. FC Köln die Angelegenheit. «Es war dringend an der Zeit, dass der DFB insbesondere seine Praxis der kollektiven Bestrafung von Fan-Fehlverhalten überdenkt», erklärte Spinner. «Ich hoffe, dass es unter anderem auf Grundlage der Erklärung nun möglich ist, auf allen Seiten - DFB, Liga, Vereine und Fans - eine neue Vertrauensbasis aufzubauen, die zum Schaden des deutschen Fußballs in den letzten Jahren leider verloren gegangen ist.»

Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke warnte, «dass die Ultra-Szene stärker zusammenrückt». Sein Kollege Jörg Schmadtke vom 1. FC Köln wies darauf hin, «dass sich die Ultra-Gruppierungen bundesweit formieren. Da werden wir Antworten finden müssen.» Alle eint dabei die Forderung, dies gemeinsam mit dem DFB und der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Angriff nehmen zu müssen.

Die Fan-Organisation «ProFans» ist über die Gesprächsinitiative erfreut. «Vielleicht ist das das Zeichen, auf das wir lange gewartet haben», sagte «ProFans»-Sprecher Sig Zelt der Deutschen Presse-Agentur. «Es gibt bei uns immer noch Skepsis. Aber wenn es so ein Signal gibt, wollen wir Herrn Grindel gern beim Wort nehmen.»

Die Clubs stoßen an ihre Grenzen, vor allem im Umgang mit den gewaltbereiten Fans. Das machten die Ausschreitungen in Rostock deutlich. «Wenn man sieht, dass hier 1700 Polizisten und über 300 Ordner unterwegs waren, dass Spürhunde und HD-Kameras im Einsatz sind. Da wird im Bereich der Kontrolle alles getan, was getan werden kann. So etwas kann man sicher nur gesamtgesellschaftlich lösen, nicht allein als Drittligist», sagte Hansa-Chef Robert Marie nach der Randale beider Fangruppen aus Rostock und Berlin.

Die DFL-Reaktion auf die Hilferufe der Liga war bislang wenig erfreulich für die Vereine. «Da müssen zunächst die Clubs vor Ort genau hinschauen und ihre Möglichkeiten konsequent einsetzen», sagte DFL-Chef Christian Seifert der «Bild am Sonntag». Doch eine harte Gangart gegen Problemfans durch die Clubs führte bisher eher zur Eskalation vor Ort.

In Hannover war das Problem besonders groß. Dort versucht der Club nun, den gewaltbereiten Teil der Ultras aus dem Stadion zu drängen. Die Proteste gegen die Clubführung um Martin Kind waren zuletzt völlig aus dem Ruder gelaufen und in Ausschreitungen bei einem Testspiel in England gegipfelt.

Der Dauerzwist mit den Fans zerstörte jegliche Euphorie beim Aufsteiger. Aus Protest gegen Kinds Pläne, die Anteilsmehrheit an der Profigesellschaft zu übernehmen, riefen die Fans zu einem Stimmungsboykott aus. Keine Gesänge und keine Anfeuerung von einem Großteil der Anhänger im Stadion eines Aufsteigers dürfte einmalig im deutschen Fußball sein, ist im Vergleich zur Gewalt aber harmlos.

Zumindest beim DFB gibt es nun ein Umdenken. Auf sogenannte Kollektivstrafen für Fans nach Krawallen soll vorerst verzichtet werden. «Bis auf Weiteres» wolle man «keine Sanktionen wie die Verhängung von Blocksperren, Teilausschlüssen oder Geisterspielen mehr», sagte DFB-Chef Grindel.

Kurz vor der Bundestagswahl im September dürfte dies populistische Reaktionen provozieren, die darin ein Einknicken vor den Ultras sehen. Dabei könnte dies tatsächlich der Einstieg in einen ernsthaften Dialog sein. Denn die sogenannten Kollektivstrafen für die gesamte Fanschar eines Clubs bei Verfehlungen weniger haben schon viele kritisiert.

Doch dies ist vielleicht das geringste Problem. Die Ursachen für die Wut der Ultras gehen tiefer und dürften auch nicht gemeinsam von DFL, DFB und den Clubs zu lösen sein. «Wir müssen die Entfremdung dieser Fans von den Vereinen verhindern», sagte HSV-Chef Heribert Bruchhagen.

Dabei ist die Entfremdung durch die ausufernde Kommerzialisierung kaum noch umkehrbar. Doch die Kritik scheint mit dem Wunsch nach sportlichem Erfolg der Clubs kaum vereinbar zu sein. «Wenn man 2017 Profifußball will, sind erhebliche finanzielle Mittel nötig», sagte DFL-Chef Seifert. «Man sollte den Menschen keinen Sand in die Augen streuen. Denn die Lücke zwischen der Kreisliga und einem 100-Mio-Transfer wird nie mehr geschlossen - weder durch die Clubs noch durch DFB oder DFL.»

Und Hoffnung auf eine endgültige Lösung des Gewalt-Problems gibt es auch nicht wirklich. «Die kleine Gruppe, die randalieren will, wird weiter randalieren», prophezeite Kind.

DFB-Mitteilung

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