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Deutschlands beste "Stabi" über Trainerwechsel, Tipps und einer Diät : Die Geheimnisse der Überfliegerin

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"Wann können wir Südkorea buchen?", fragte Karin Strutz, die Mutter der neuen deutschen Überfliegerin Martina Strutz. Diese wiegelte ab: "Ruhig, ruhig. Erst einmal muss ich mit der deutschen Meisterschaft durch sein."

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erstellt am 21.Jul.2011 | 07:29 Uhr

Schwerin | "Wann können wir Südkorea buchen?", fragte vor einigen Wochen Karin Strutz, die Mutter der neuen deutschen Überfliegerin Martina Strutz. Doch diese wiegelte ab: "Ruhig, ruhig. Erst einmal muss ich mit der deutschen Meisterschaft durch sein."

Morgen steigt in Kassel ihr wichtigster Wettkampf. Neben der Vize-Europameisterin Silke Spiegelburg (Leverkusen) rechnet "Strutzi" bei der DM noch mit "Kristina Gadschiew, Carolin Hingst und Anna Battke. Bis auf Letztere haben alle die WM-Norm von 4,55." Die Mecklenburgerin muss unter die besten Drei kommen, um ganz sicher bei der WM in Daegu (26. August bis 4. September) dabei zu sein. Und was ist, wenn sie in Kassel Vierte wird, hofft sie wegen ihrer Vorleistungen auf einen Bonus? Wie aus der Pistole geschossen kommt als Antwort: "Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt, weil es nicht passieren wird! Warum soll ausgerechnet Kassel mein schlechtester Wettkampf der Saison werden? Ich glaube nicht dran." Martina Strutz - die total Selbstbewusste, von sich Überzeugte. Auch das eine ganz neue Qualität von ihr.

Am 12. Juli in Karlsruhe war die für den Hagenower SV startende Schwerinerin mit 4,78 Meter neuen deutschen Stabhoch-Rekord gesprungen. Die neuerdings Blondine ("Die lila Strähnchen sind fast raus, jetzt sind die Haare natürlich.") mit ihren wie gehabten Kurzhaarschnitt verbesserte damit nicht nur die neun Jahre alte Bestmarke von Annika Becker (Rotenburg/ Fulda) um einen Zentimeter. Die 29-Jährige katapultierte sich an die Spitze der Jahresweltbestenliste vor Spiegelburg und der Polin Anna Rogowska (je 4,75), ist auf einmal bei den großen Meetings gefragt. So trifft die neue Stabi-Königin am 29. Juli beim Diamond-League-Meeting in Stockholm auf die vor Wochenfrist nach längerer Wettkampfpause wieder in die Szene eingestiegene russische Weltrekordlerin Jelena Issinbajewa (5,06). Danach sind vor der WM noch die Wettkämpfe in Beckum sowie bei der Diamond-League in London geplant.

Für Martina Strutz sind die 4,78 der bisherige Gipfel einer atemberaubenden Konstanz mit gleich sechs Sprüngen von 4,70 und mehr seit dem 18. Juni in Neubrandenburg. Dabei war die Mecklenburgerin mit einer Freiluft-Bestmarke von 4,52 m in die Saison gegangen. Ein Plus von gleich 26 Zentimetern - Wahnsinn!

Was sind die Geheimnisse? Da ist zum einen der Trainerwechsel im September 2009 von Andreas Rändler zu Thomas Schuldt. "Ich war 14, 15 Jahre bei Rändler und auch sehr erfolgreich. So wurde ich EM-Fünfte 2006 in Göteborg. Aber irgendwann ging`s einfach nicht mehr. Anfangs war es danach ein bisschen schwierig, ging man sich weitgehend aus dem Weg. Mittlerweile ist es ein normales Verhältnis, es wird aber immer etwas zwischen uns stehen." Trainerwechsel - im Fußball die Normalität, in der Leichtathletik längst nicht...

Zudem habe sie die vergangenen zwei Jahre nur mit Verletzungen trainiert - Ermüdungsbruch, Achillessehnen-Beschwerden. "Es musste einfach was passieren, es war meine letzte Chance. Im Januar/Februar stand die Frage: Entweder normale Polizeiausbildung oder weiter Sportförderprogramm." Die Antwort: 4,55 m in der Halle - neuer Landesrekord. Beim Einstieg in die Freiluftsaison in Recklinghausen ging es gleich auf 4,58. "Hoffentlich keine Eintagsfliege", schwirrte der 29-Jährigen durch den Kopf. Es wurde - um in Bild zu bleiben - ein ganzer Schwarm.

Mit Thomas Schuldt - der am 24. Juni in der Schweriner Trainingshalle einen Herzinfarkt erlitten hatte, dem es aber inzwischen laut Strutz "wieder sehr gut geht" - hat sie den besten Grundlagentrainer gefunden, den sie sich wünschen kann. Martina sah Potenzial bei sich und der neue Coach glaubte an sie. Das Verrückte daran: Schuldt hat "null Ahnung von Stabhochsprung". Und dennoch funktioniert´s...

Die Feinheiten in der kompliziertesten Leichtathletik-Sportart kamen von woanders. Und auch das ist wieder so eine Geschichte. "Ich habe mit Jochen Wetter, einst Stabhoch-Bundestrainer der Frauen, einen sehr guten Manager. 2010 verbrachte ich ein Wochenende bei ihm in Landau in der Pfalz. Da haben wir drei Tage lang nur Techniktraining gemacht. Da war auch Vladimir Ryzih, der seine Tochter Lisa trainiert. Auf Vladimirs Hinweis bin ich mit zwei, vier und sechs Schritten Anlauf mit gebogenem Stab gesprungen. Da lernt man, wie man ihn richtig bewegt. So was hatte ich früher nie gemacht, sprang mit einem Stahlstab."

Und es kommt noch ein zweiter Russe ins Spiel. Ende März flog Martina Strutz nach Taiwan. "Da war ein russischer Trainer, der jetzt in Thailand tätig ist und etwas gebrochen Englisch und Deutsch konnte. Ich weiß nur, dass er Sergej heißt. Der nahm meine Arme und sagte: ,Wenn du so machen mit der Arme, dann springen 4,70. Ich habe es später im Training ausprobiert, übersprang 4,60 und sagte Oh..." Trainer Schuldt meinte nur: "Merke es dir gut." "Strutzi" erklärt den Russen-Tipp andeutungsweise: "Es ist eine viel aktivere Arbeit mit den Armen beim Aufrollen bis zur Lattenüberquerung."

Das dritte Geheimnis ist schließlich eine Umstellung bei der Ernährung. Die mit "1,60 Meter - genau genommen bin ich 1,59 - kleinste Stabhochspringerin" muss den körperlichen Nachteil durch bessere Athletik sowie Schnelligkeit wettmachen. "Meine beste Freundin ist beim Olympiastützpunkt Hamburg. Im dortigen Freundeskreis war Abnehmen angesagt - mit einer Sache aus Polen. Meine Freundin hat so 15 Kilo runter. Sie sagte zu mir: ,Versuch es. Die vier Wochen werden aber ganz hart. In der Tat. Ich habe vier Wochen lang nur Fleisch gefressen. Angefangen mit Nackensteaks bis hin zu Hähnchen zuletzt. Ich konnte die Steaks nicht mehr sehen, also hat Papa Klopse draus gemacht. Alle vier Stunden 100 Gramm plus - ganz wichtig - eine Möhre. Mutti hat mitgemacht. Sie hat 12 Kilo runter, bei mir sind es acht bis zehn. Ich bin jetzt nah dran an den angepeilten 57 Kilo." Zudem sündige sie nicht mehr wie früher, wo "ich gerne mal ein Bier getrunken habe. Jetzt genehmige ich mir eines, wenn ich gut gesprungen bin." Auf das nächste Bier! In Kassel - wenn die WM-Quali perfekt ist.

Und eigentlich kann gar nichts schief geben. Denn Martinas Eltern Karin und Hans-Peter Strutz haben die Reise nach Daegu bereits gebucht...

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