Deutsche Rechthaberei

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04. Mai 2012, 11:01 Uhr

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ja, Julia Timoschenko ist Opfer einer Rachejustiz. Und ja: Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch arbeitet daran, ein autoritäres Regime zu installieren.

Dennoch sind Vorwürfe aus dem EM-Co-Gastgeberland Polen, die deutsche Wutbürgerschaft ereifere sich über alle Maßen, nicht unberechtigt. In keinem anderen Land Europas kocht die Empörung derart hoch. Das mag man bedauern, weil gemeinschaftlicher europäischer Druck in der Ukraine durchaus etwas bewirken könnte. Man kann sich aber auch fragen, wie das kommt. Da ist vor allem die Person Timoschenko selbst. In Deutschland wird ein Märchen erzählt: Böser brutaler Mann kerkert schöne unschuldige Frau ein. Doch während Janukowitsch tatsächlich eine Art Ober-Oligarch ist, der sein Land ausbeutet, ist Timoschenko alles andere als eine Heilige. Sie hat sich selbst ein hunderte Millionen Dollar schweres Vermögen ergaunert und die Erfolge der demokratischen orangen Revolution aus persönlichem Ehrgeiz zunichte gemacht.

Woher also rührt die deutsche Empörung im Fall Timoschenko, die es - nur z.B. - in der Causa des inhaftierten russischen Oligarchen Chodorkowski nicht gibt? Unverkennbar ist ein deutscher Drang, auf der Seite des Guten und Richtigen zu stehen. Dem Timoschenko-Märchen lauscht man gern. Ob dies ein Wiedergutmachungsdrang als Spätfolge des Nazi-Terrors ist, wie manche Psychologen behaupten, sei dahingestellt. Rechthaberisch ist es in jedem Fall.

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