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Das Deutschlandbild der Briten ist entspannter geworden

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erstellt am 25.Jun.2010 | 08:50 Uhr

London | Es sei der grausamst mögliche Gute-Nachricht/Schlechte-Nachricht-Witz, befand der Sportkorrespondent der "Times", Simon Barnes: England qualifiziert sich fürs Achtelfinale. Aber jetzt geht es gegen Deutschland. Die Neuauflage des Fußball-Klassikers löst im Königreich gemischte Gefühle aus. Die einen betrauern schon einmal vorab ein unvermeidliches Ausscheiden, die anderen machen in Zweckoptimismus. Aber bemerkenswert ist: Anti-deutsche Ausfälle gleich null.

Und von Nazi-Anspielungen ist weit und breit nichts zu spüren. Früher war das anders. Da hat schon einmal eine britische Boulevardzeitung einen ausrangierten Panzer auffahren lassen, um dem deutschen Gegner zu zeigen, wo es langgeht. "Wann immer England auf Deutschland trifft", befand der britische Historiker Peter Beck, "wird das als ein Nachspiel der Weltkriege aufgebaut." Vor der Euro-96-Partie titelte der "Daily Mirror" martialisch: "Kapitulation! Für euch Krauts ist die Euro 96 vorbei." Dennoch gewann Deutschland, ausgerechnet im Elfmeterschießen.

Diesmal lassen sich die britischen Medien trotz der Sticheleien von Franz Beckenbauer, der die englische Elf als "ausgebrannt" bezeichnete, nicht zu Hau-drauf-Schlagzeilen provozieren. Anspielungen auf den Krieg sind selten, kommen in der Form "unser alter Feind" und wollen dabei vielleicht keine herzliche, so doch eine repektvolle Rivalität ausdrücken. Der britische Boulevard, darf man feststellen, ist, wenn es um Deutschland geht, reifer geworden.

Traditionell teilt sich das Deutschenbild der Briten in drei Kategorien. Die erste und freundlichste ist die der fleißigen, pünktlichen und effizienten Deutschen, die es fertiggebracht haben, ein nach dem Krieg total zerstörtes Land wiederaufzubauen und zu einer der führenden Wirtschaftsmächte zu machen: Hut ab! Das zweite Klischee ist das der unvollständigen Person - Deutsche haben keinen Humor, sind laut und rücksichtslos wie unerzogene Kinder, ihre Manieren lassen zu wünschen übrig und sie wissen nicht, wer sie sind: Über ihre nationale Identität sind so sehr im Zweifel wie ein pubertierender Jüngling über seine Männlichkeit. Das dritte Stereotyp ist zugleich das hässlichste: der Deutsche als Nazi. Er ist gefährlich, von Natur aus roh, kriegslüstern und grausam. Die Deutschen wollen die Welt oder doch zumindest Europa beherrschen, und man muss vor ihnen auf der Hut sein.

Wie sehr aber diese dritte Kategorie mittlerweile aus der Mode gekommen ist, demonstrierte die Affäre um Richard Desmonds anti-deutsche Tiraden. Als im April 2004 der Besitzer des Boulevardblattes "Daily Express" seine Meinung über Deutschland zum Ausdruck bringen wollte, lief er mit dem Finger unter der Nase im Stechschritt durchs Zimmer, brüllte "Deutschland über alles" und entbot den Führergruß. Die Deutschen seien doch "alle Nazis", meinte er hinterher.

So weit, so schlimm. Doch die Reaktionen auf Desmonds Ausfälle waren viel interessanter und zeigten: Die Briten sind der ewigen Nazi-Frotzeleien müde. "Ein schlechter Witz", urteilte die "Financial Times", "beleidigend" fand der "Guardian" Desmonds Entgleisung, und die "Times" verurteilte scharf "das Gift der Vorurteile". Die Zeiten haben sich geändert, anti-deutsche Witze seien "weder lustig noch akzeptabel" und jemand sollte Desmond bitte sagen, dass der Krieg schon lange vorbei ist.

Politischer Streit sorgt für Gesinnungswandel

Dem Gesinnungswandel vorausgegangen - und das Deutschlandbild damit entscheidend verbessert - hatte ausgerechnet ein politischer Streit zwischen London und Berlin über den Irak-Krieg. Als im Frühjahr 2003 in der größten Demonstration der britischen Geschichte mehr als eine Million Menschen auf die Straße gingen, um gegen die Kriegspolitik von Premierminister Tony Blair zu protestieren, traf die Position von Kanzler Schröder den Nerv vieler junger Briten. "Ich wollt, ich wär ein Deutscher", war auf der Abschlusskundgebung im Hyde-Park zu hören. So schnell geht das: Der pazifistische Deutsche als Vorbild.

In der Folge stieg das Interesse am modernen Deutschland. Die Zahl der jungen Briten, die zur Techno-Sause nach Berlin flogen, schnellte nach oben. Deutsche Filme wie "Lola rennt", "Goodbye Lenin!" oder "Der Untergang" spielten vor vollen Häusern. Und als Deutschland 2006 die Fußballweltmeisterschaft ausrichtete, entdeckten Tausende von britischen Schlachtenbummlern das Land von einer neuen Seite. Die Deutschen, notierte damals die "Times" hätten sich als eine "leben sprühende, lässige und lächelnde Nation" offenbart. Dass das Land Flagge zeigte, die Hymne sang und "Deutschland, Deutschland!" brüllte, wurde sogar ausdrücklich begrüßt.

Da ist den Briten endgültig klargeworden, dass das alte Nazi-Klischee im Grunde ihr eigenes Problem und nicht eines der Deutschen ist. Und scheinen sich seitdem um ein entspannteres Verhältnis zu ihrer eigenen Vergangenheit zu bemühen, in der, muss man zugeben, die Deutschen eine wichtige Rolle spielten. Doch was einem besseren anglo-deutschen Verhältnis wirklich dienen könnte, meint der Sporthistoriker Beck, wäre: "Wenn sie uns ab und zu gewinnen lassen würden…" Na ja, um es mit dem Kaiser zu sagen: Schaun mer mal.

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