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Sport

17. Dezember 2017 | 09:20 Uhr

Bestürzung, Trauer und Verständnis

vom

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erstellt am 24.Mai.2010 | 07:09 Uhr

teterow | Selbst die sonst so hartgesottenen Männer konnten - und wollten - ihre Tränen nicht verbergen. Schon als Ringsprecher Horst Kaiser an die Beschallungstechniker die Anweisung gab: "Musik aus", ahnten die meisten, was folgen würde. Dreieinhalb Stunden nach dem schweren Unfall des Engländers Vincent Kinchin, der schon lange Jahre auf dem Bergring fuhr und ihn sogar als seine Lieblingsstrecke bezeichnete, wurde es zur traurigen Gewissheit. Horst Kaiser hatte die schwere Aufgabe, die Todesnachricht zu verbreiten: "Es wird in diesem Jahr keinen Gewinner des Grünen Bandes geben und keinen Gewinner des Bergringpokals. Wir haben soeben die Nachricht erhalten, dass Vincent Kinchin die Folgen seines schweren Sturzes nicht überlebt hat. Die Veranstaltung ist beendet."

Die eben noch tolle Stimmung nach einem tollen Renntag mit herrlichem Wetter und packenden Vergleichen schlug von einem Moment auf den nächsten in lähmendes Entsetzen, Fassungslosigkeit und Trauer um. Es gab keinen, der sitzengeblieben wäre. Die Zuschauer - rund 20 000 mögen es gewesen sein - hielten inne und gedachten des Verstorbenen. "Mein Dank geht an das Publikum, das sich so sensibel gezeigt hat", lobte Teterows Bürgermeister Dr. Reinhard Dettmann hinterher. "Es sind wirklich alle aufgestanden, es gab keinerlei Pfiffe oder sonstige Unmutsbekundungen wegen des Rennabbruchs. Dass man beim Sport noch solche menschlichen Grundzüge erleben kann, ist für mich ein sehr wichtiges Zeichen."

Clubchef: "Die schwersten Minuten meiner Laufbahn"

Clubchef Adolf Schlaak berichtete mit tränenerstickter Stimme von "den schwersten Minuten in meiner Laufbahn. Seit 14 Jahren trage ich hier die Verantwortung, und ich habe nie geglaubt, jemals eine solche Entscheidung treffen zu müssen. Man hat offensichtlich, obwohl die Rettungskräfte unverzüglich zur Stelle waren und alles Menschenmögliche versucht wurde, nichts mehr für ihn tun können. Wir alle müssen dieses Erlebnis erst einmal verarbeiten und dann werden wir sehen, ob und wie es weitergeht. Aber eine andere Entscheidung als der sofortige Rennabbruch kam überhaupt nicht in Frage. Wir als Veranstalter stehen den Fahrern gegenüber moralisch in der Verantwortung. Wir sind dafür verantwortlich, dass sie gesund bleiben. Wenn am Ende eines Rennens alle gesund nach Hause gehen, ist es ein gelungenes Wochenende. Dies ist kein gelungenes Wochenende."

Der Internist Arnulf Preusler aus Teschow bei Teterow war als einer der ersten an der Unfallstelle: "Wir haben sofort gemerkt, dass er sich sehr schlimme Verletzungen zugezogen hat. Wir haben wirklich alles versucht, ihn beatmet, wiederbelebt, versucht ihn zu stabilisieren, es war äußerst schwierig. Letztlich konnten wir ihn nicht mit dem Rettungshubschrauber mitfliegen lassen, dort gibt es keine Möglichkeit, ihn zu reanimieren, wenn es erforderlich ist. Ich bin seit vier Jahren verantwortlicher Rennarzt auf dem Bergring und habe einen so schlimmen Unfall noch nie erlebt. Aber irgendwie gehört das beim Motorsport dazu, das muss einem klar sein."

Hilfe für die Hinterbliebenen von allen Seiten

Enrico Janoschka befand sich zum Zeitpunkt des Abbruchs wie zehn andere Fahrer auch in der Vorbereitung zum Finale um das Grüne Band. Es sollte schon der zweite Versuch werden, der erste war abgebrochen worden, weil der Brite Charlie Saunders einen Fehlstart verursacht hatte. "Wir haben wie die Zuschauer auch über die Lautsprecheranlage vom Abbruch erfahren. Aber es ist auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Zuerst denkt man: ,Sch…, dann wird einem bewusst, dass man es auch selber hätte sein können. Aber so schwere Unfälle sind nicht die Regel. Ich habe noch nie zuvor erlebt, dass jemand beim Rennen ums Leben kommt." Auch den Güs trower, der bei beiden Hauptläufen des Wochenendes als Titelverteidiger und Topfavorit an den Start gegangen wäre, hat das Verhalten des Publikums beeindruckt: "Man hat gemerkt, dass die Zuschauer Ahnung haben und Verständnis." Schon nach dem Unfall hatte Janoschka der Ehefrau des Verunglückten Hilfe angeboten: "Ich habe ihr gesagt, wenn sie möchte, könne sie bei uns bleiben, solange ihr Mann im Krankenhaus ist…"

Noch am Nachmittag wurde im Fahrerlager und unter Fans für die Hinterbliebenen gesammelt. Die Vereinsleitung sagte der Witwe jegliche Unterstützung zu. Nach Vereinsangaben seien zahlreiche weitere Spenden eingegangen.

Staatsanwalt ermittelt

Die Staatsanwaltschaft Neubrandenburg hat inzwischen Ermittlungen aufgenommen. Bei jedem Unfall müsse die Todesursache genau geklärt werden, so ein Polizeisprecher. Im Mittelpunkt stehe die Frage, ob jemand einen Fehler gemacht habe oder ob es einfach ein tragisches Unglück war.

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