Handwerk : «Perser von Ostseeküste»: Greifswald zeigt Fischerteppiche

Die 64-Jährige Teppichknüpferinnen Helga Grabow knotet im Heimatmuseum Freest einen typischen Fischerteppich mit dem Motiv des Dreifisch. /Archiv
Die 64-Jährige Teppichknüpferinnen Helga Grabow knotet im Heimatmuseum Freest einen typischen Fischerteppich mit dem Motiv des Dreifisch. /Archiv

Ein Fischfangverbot vor 90 Jahren brachte eine nachhaltige Idee: Statt der Netze sollten die Fischer Teppiche knüpfen. Das Handwerk etablierte sich. Bis heute werden in Vorpommern Teppiche geknüpft.

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22. Januar 2020, 07:05 Uhr

Ostseefischer haben nicht nur Netze, sondern auch Teppiche geknüpft. Eine Auswahl der auch als «Perser von der Ostseeküste» bekannten vorpommerschen Fischerteppiche ist von Mittwoch an in Greifswald im soziokulturellen Zentrum St. Spiritus zu sehen. Die Teppiche stammen aus neun Jahrzehnten, wie Susanne Papenfuß vom Kulturamt der Hansestadt Greifswald sagte, die an der Ausstellung mitarbeitete.

Der Anlass für die Teppichknüpferei vor 90 Jahren klingt sehr aktuell: 1928 wurde in der südlichen Ostsee ein mehrjähriges Fischfangverbot verhängt, die Fischbestände sollten sich erholen. Der Greifswalder Landrat Werner Kogge ließ die Fischer in einer Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme Teppiche knüpfen, um ihnen ein Einkommen zu sichern. Der Wiener Teppichfachmann Rudolf Stundl (1897-1990) brachte den Männern das Knüpfen bei. Fische, Möwen, Stranddisteln, Koggen, Anker und Möwen wurden zu typischen Ornamenten der Teppiche. Zentren der Knüpferei und später auch Weberei wurden Freest, Lubmin und Spandowerhagen.

Die Teppichherstellung etablierte sich als Nebenerwerb, auch als die Fischer wieder fischen durften. 1953 wurde eine Produktionsgenossenschaft des Handwerks gegründet, die bis 1992 fortbestand. Seit deren Auflösung führen Papenfuß zufolge nur noch einzelne Frauen das Handwerk bis heute weiter und ein junger Grafikdesigner habe mit dem Knüpfen begonnen. Künftig könnte sich der Charakter der Fischerteppiche verändern: Die Wolle aus dem DDR-Depot, die bis heute gereicht habe, ginge zu Ende, sagte Papenfuß. Andere Wolle bedeute andere Farben und Qualitäten.

Die Teppiche seien zum Gebrauch auf dem Fußboden oder zum Sitzen hergestellt worden, einige aber auch als Wandschmuck. Dazu gehören sechs Teppiche, die 1936 für den Hamburger Ratssaal angefertigt wurden, sowie ein Teppich von 1929 für den Landrat als Dank für sein Engagement für die Fischer. Darin sind alle Namen der Knüpfer verewigt.

Die Ausstellung «Een Teppich för’t Leben» ist bis zum 20. März zu sehen. Sie zeigt außerdem Entwurfszeichnungen, einen Knüpf- und einen Webstuhl, Schmuckbänder, Stuhlkissen, Fotos und Dokumente zu Rudolf Stundl und seiner Frau Frieda Stundl-Pietschmann. Die ausgestellten Teppiche sind Leihgaben aus der Kustodie der Universität Greifswald, dem Pommerschen Landesmuseum, der Sächsischen Landesbibliothek Dresden und von privaten Sammlern. Am 27. Februar wird in der Ausstellung der mit 800 Euro dotierte Stundl-Preis für die wissenschaftliche Arbeit im Textilbereich vergeben.

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