Umwelt : Klimaforscher: Ruhige Sturmflutsaison, aber keine Entwarnung

Am Strand von Lubmin wird eine neue Sturmflutschutzdüne errichtet. /dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild
Am Strand von Lubmin wird eine neue Sturmflutschutzdüne errichtet. /dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild

Klimaerwärmung, steigender Meeresspiegel - mehr Sturmfluten? Grundsätzlich gibt es diesen Zusammenhang, sagt der Hamburger Klimaforscher Hans von Storch. Aber in dieser Saison sind Nord- und Ostsee noch nicht so richtig gegen die Deiche geschwappt.

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25. Januar 2020, 10:04 Uhr

Die aktuelle Sturmflutsaison an Nord- und Ostsee ist nach Einschätzung des Klimaforschers Hans von Storch bislang ruhig verlaufen. «In diesem Jahr war in der Tat nicht viel los», sagte der frühere Leiter des Instituts für Küstenforschung in Geesthacht bei Hamburg. Seine Kollegen am Institut haben gerade einen neuen Sturmflutmonitor erarbeitet, der die Pegelstände von Husum, Helgoland, Cuxhaven und Norderney (Nordsee) sowie von Travemünde und Warnemünde (Ostsee) tagesaktuell einordnet. «Mit wenigen Klicks wird ersichtlich, ob und inwiefern aktuelle Sturmfluten und der Verlauf der jetzigen Saison als außergewöhnlich zu bewerten sind», sagte die Leiterin des Norddeutschen Küsten- und Klimabüros, Insa Meinke. Der Monitor zeige, dass die Saison bisher normal verlaufe.

Die beiden kleinere Sturmfluten Mitte Dezember und Mitte Januar an der nordfriesischen Küste hätten keine Aufregung erzeugt, sagte von Storch. Er betonte jedoch: «Eine Entwarnung zu geben, wäre vollkommen unpassend.» Bis mindestens Ende März könne noch etwas passieren. «Man darf nicht vergessen, dass es ab und zu eben auch mal rumst an der Nordsee und an der Ostsee, und zwar richtig ordentlich.»

In den vergangenen Jahrzehnten seien Sturmfluten an der Nordsee häufiger aufgetreten, weil der Meeresspiegel gestiegen sei. «Wenn mehr Wasser in der Badewanne ist und das Kind spaddelt rum, geht eher was über Bord, als wenn wenig Wasser in der Wanne ist», erklärte von Storch den Effekt. Der Meeresspiegel steige jährlich um etwa drei Millimeter, in den vergangenen hundert Jahren seien es rund 20 Zentimeter gewesen. Ursache sei der Klimawandel, der zum Abschmelzen des Eises auf Grönland und der Antarktis führe, sowie die Ausdehnung des Wasser durch die Erwärmung. Einen Anstieg habe es schon vor dem menschengemachten Klimawandel gegeben, dieser habe ihn aber beschleunigt.

Für die Ostsee erklärte Meinke: «An den Pegeln Warnemünde und Travemünde wird seit etwa 1950 bis heute keine Veränderung in der Zahl und Höhe von Sturmfluten beobachtet.» Dabei kann eine Sturmflut, die salziges, sauerstoffreiches Wasser aus der Nordsee hereinspült, für das Binnenmeer von Vorteil sein. «Diese Salzwassereinbrüche sind für die Ostsee besonders wichtig, weil damit das Wasser erneuert wird», erklärte von Storch.

Die Ostsee werde vor allem von Flüssen mit Süßwasser gespeist. In den tieferen Bereichen könne es dadurch zu einem Sauerstoffmangel kommen, der die Meerestiere gefährde. In den sogenannten Todeszonen existierten Pflanzen aber weiter. Die Sauerstoffarmut sei ein natürliches Phänomen, unabhängig von den Umweltproblemen wie Nährstoffeinträge, Pipelines, Brückenbauten, Munitionsaltlasten und Schwermetalle.

Für von Storch gehören Sturmfluten zu Norddeutschland dazu. «Damit können wir ja auch umgehen», sagte der aus Nordfriesland stammende Wissenschaftler. In Hamburg und an der Nordsee sei die Sturmflut von 1962 noch gut in Erinnerung. Das sei richtig und angemessen, weil damit die reale Gefahr der Fluten deutlich werde. An der Ostsee sei dieses Bewusstsein nicht ausreichend ausgeprägt. Die schwerste verheerende Sturmflut der vergangenen 150 Jahre ereignete sich schon 1872. «Dummerweise gab es kein Fernsehen damals und auch keine Fotografie», sagte von Storch.

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