Tennet setzt auf Energieinseln : Bringen Giga-Windparks in der Nordsee die Energiewende?

Der Offshore-Windpark Alpha Ventus vor der ostfriesischen Insel Borkum in der Nordsee war der erste deutsche Windpark auf See. Foto: Ingo Wagner/dpa
Der Offshore-Windpark Alpha Ventus vor der ostfriesischen Insel Borkum in der Nordsee war der erste deutsche Windpark auf See. Foto: Ingo Wagner/dpa

Ein ehrgeiziger Plan soll die Energiewende in Europa bringen: Gewaltige Windparks in der Nordsee sollen 180 Gigawatt erneuerbare Energie liefern. Technisch ist das machbar, sagt der Netzbetreiber Tennet.

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09. Juli 2019, 16:48 Uhr

Hannover | Tim Meyerjürgens hat Großes vor: Nicht weniger als die Dekarbonisierung der Energieversorgung Europas bis 2050 sei das Ziel, sagt der Chef des Netzbetreibers Tennet. Und die Lösung liegt nach Meinung des Managers vor der Tür: In der südlichen Nordsee. Geht es nach Meyerjürgens, sollen in drei Jahrzehnten riesige Offshore-Parks mit bis zu 15 000 Windrädern gewaltige Menschen Energie erzeugen, die über ein Netz von etwa zwölf Verteilkreuzen auf See in die Anrainerstaaten weitergeleitet werden.

Dieses internationale Netz künstlicher Inseln und Plattformen sollen bis zu 180 Gigawatt Leistung einsammeln – zum Vergleich: Ein modernes Kernkraftwerk wie das AKW Emsland bei Lingen kommt nicht mal auf ein Hundertstel. Die Pläne mögen ambitioniert sein, Meyerjürgens sieht in ihnen aber die einzige Chance, die Klimaziele von Paris noch zu erreichen. Es gebe eine grundsätzliche Notwendigkeit für den Ausbau. „Es ist gesellschaftlicher Konsens, dass wir Antworten brauchen“, sagt der Manager. Und die einzig sinnvolle Antwort sei derzeit Offshore-Windkraft. Denn an Land gebe es kaum noch Platz für neue Windräder. Und auch in Sachen Solar sind die Optionen im sonnenarmen Norden begrenzt.

Nicht eine, sondern ein Dutzend Inseln

Die Idee ist nicht neu: Schon vor zwei Jahren hatte das Konsortium „North Sea Wind Power Hub“ unter Tennet-Beteiligung erstmal den kühnen Plan für eine künstliche Nordsee-Insel skizziert. Die Idee: Auf der Doggerbank, wo die Nordsee zwischen England und Dänemark teils nur 15 Meter flach ist, könnte man die Insel aufschütten, die als Wartungsstation und Energiesammler für drumherum stehende Windräder dienen könnte. In dem Konsortium sitzen Tennet, Erdgasunternehmen wie die Gasunie und der Hafen von Rotterdam. Der Hafen ist erfahren im Bau künstlicher Inseln.

Zwei Jahre und viele Gespräche später ist der Plan konkreter und größer geworden. Statt einer sollen nun etwa ein Dutzend Inseln dafür sorgen, dass Europa ab 2045 komplett ohne fossile Kraftwerke auskommen kann. Der kühne Plan von 2017 sei „technisch umsetzbar“, heißt es 2019. Und nicht nur das: der Anschluss über die Verteilkreuze koste etwa 30 Prozent weniger als bisher. Allerdings bliebe trotzdem ein dreistelliger Milliardenbetrag, den am Ende wohl die Stromkunden bezahlen müssten. Anfang der 2030er-Jahre soll eine erste Insel in der südlichen Nordsee ihren Betrieb aufnehmen. Wo diese stehen soll, ist noch unklar.

Hoffnungsträger Wasserstoff

Die Hubs sollen nicht nur Strom liefern, sondern auch Wasserstoff. Den kann man mit überschüssigem Windstrom produzieren. Auf Wasserstoff als Baustein der Energiewende liegen in Niedersachsen viele Hoffnungen. Schon jetzt fahren Züge mit Wasserstoffantrieb durchs Land, doch das könnte nur ein Anfang sein. Wasserstoff kann Autos und Schiffe emissionsarm antreiben, Fabriken und Kraftwerke versorgen und ins Gasnetz eingespeist werden. Doch noch gilt die Technik als nicht marktreif – Niedersachsen will mit Millionen Testanlagen fördern und wartet auf Zusagen vom Bundeswirtschaftsministerium. Insgesamt sei Deutschland in Sachen Wasserstoffstrategie „zu zögerlich“, kritisiert Meyerjürgens. „Aus unserer Sicht ist da viel mehr notwendig. Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen“, ergänzt er.

Manager appelliert an die Staaten

Um dorthin zu kommen, brauche es „unbedingt eine international koordinierte Planung“, mahnt der Tennet-Manager. Auch die nationalen Rechtsrahmen müssten an die Bedürfnisse des Projekts angepasst werden. „Wir müssen schneller werden, als wir es heute sind“, sagt Meyerjürgens. Man sei in Gesprächen mit Brüssel und den Regierungen in Deutschland, Dänemark und den Niederlanden. „Wir sind auch daran interessiert, die Diskussion über die Beteiligung anderer Nordseeländer wie Großbritannien und Norwegen zu eröffnen“, sagt Meyerjürgens.

Mit den grün schraffierten Kreisen sind mögliche Standorte für ein erstes Verteilkreuz markiert. Grafik: Tennet
Mit den grün schraffierten Kreisen sind mögliche Standorte für ein erstes Verteilkreuz markiert. Grafik: Tennet


Tatsächlich wäre eine internationale Energiepolitik ein Fortschritt: Zwar versucht die EU immer wieder, die nationalen Politiken zu koordinieren, aber insbesondere Deutschland hat mit seinem nationalen Ausstieg aus Atom- und Kohlestrom für viel Unruhe bei den Nachbarn gesorgt.

Lob für das Konzept kommt aus Niedersachsen: „Wir brauchen endlich einen großen internationalen Ansatz“, sagt Landes-Energieminister Olaf Lies. Der SPD-Politiker aus dem Friesland begrüßte zudem, dass das Konsortium auch die „Verknüpfungen zwischen Staaten und insbesondere die dringend erforderliche Sektorkopplung in Form der Wasserstofferzeugung mitdenkt“.

Offshore-Branche hofft

Auch die deutsche Offshore-Branche reagiert erfreut auf die Pläne von Tennet. „Wir begrüßen die Anstrengungen, den Offshore-Ausbau europäisch voranzutreiben und die Vernetzung und Kooperation in diesem Bereich zu befördern. Wie Tennet sehen wir deutliche Potenziale für den Ausbau der Windenergie auf See“, sagt Sebastian Boie, Sprecher der Stiftung Offshore-Windenergie. Hinter der Stiftung stehen die Küstenländer sowie Wirtschaftszweige, die sich am Ausbau der Offshore-Windkraft beteiligen.

Boie betont, dass die Abstimmung zwischen den beteiligten Staaten für das Projekt zentral sei. „Dafür müssen vor allem Regularien aneinander angepasst werden. Es geht darum, wer in den einzelnen Ländern für den Netzausbau zuständig ist und wie der Strom vergütet wird.“ Vor den deutschen Küsten sei die Offshore-Windenergie in den vergangenen zehn Jahren zügig ausgebaut worden, sagt Boie. „Aktuell stagniert in Deutschland der Ausbau der Windkraft auf See allerdings, während Länder wie Großbritannien und die Niederlande große Schritte machen. Unabhängig von dem Tennet-Projekt benötigen wir einen deutlich stärkeren Ausbau in Deutschland“, fordert Boie.

„Brauchen Antworten“

Dass der Plan für tausende zusätzliche Windturbinen in der Nordsee auf Widerstand stoßen wird, ist Meyerjürgens klar. Nach Veröffentlichung der Doggerbank-Pläne 2017 meldeten sich umgehend Naturschützer zu Wort, die die tiefen Eingriffe in das Ökosystem Nordsee ablehnten. Die Gespräche mit den Naturschutzorganisationen seien „sehr konstruktiv“ gewesen, lobt der Tennet-Manager. Natürlich werde es zu Nutzungskonflikten in der Nordsee kommen. Doch eine Alternative sieht er nicht: „Es ist gesellschaftlicher Konsens, dass wir Antworten brauchen“, sagt Meyerjürgens mit Blick auf die Fridays-for-Future“-Demonstrationen. „Wir sehen einfach eine grundsätzliche Notwendigkeit“, sagt er.

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