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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 10:22 Uhr

Zwischen Stacheldraht und Strandkorb

vom

svz.de von
erstellt am 08.Jul.2011 | 07:27 Uhr

Boltenhagen | Ein Küstenfischer begeht Selbstmord. Ein Radrennsportler will als Jugendlicher die Mauer überwinden und ein Bundesaußenmi nister a. D. greift zum Telefon und gibt ein Exklusivinterview. An Tragik, Sehnsüchten und Spannung mangelt es in dem Buch "Zwischen Stacheldraht und Strandkorb - DDR-Alltag an der Lübecker Bucht" nicht. Am 11. Juli kommt es deutschlandweit in den Buchhandel. Es ist eine bemerkenswerte Reise in die jüngste deutsch-deutsche Geschichte.

Dorian Rätzke heißt der Mann, der sich für dieses Buch in ehemalige Grenz- und Sperrzonen begab. Von der Boltenhagener Seebrücke aus führte ihn sein Weg über Boltenhagen, Barendorf, Pötenitz bis Herrnburg. Wen auch immer der gebürtige Berliner bei seinen Recherchen fragte, abgewiesen worden sei er nicht. Fast schien es, als wenn es Dorfbewohnern und ehemaligen Grenzsoldaten ein Bedürfnis war, über "damals" zu berichten. Jetzt. Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer. "Die Menschen öffneten sogar ihre Fotoalben für mich", sagt der 39-jährige Buchautor.

Zeitzeugen erinnerten zum Beispiel an die Tragödie um den Küstenfischer Heinrich Möller aus Groß Schwansee. In Unterlagen staatlicher Stellen ist so gut wie nichts darüber zu finden. Aber: Als vor fünf Jahrzehnten Grenzanlagen ausgebaut wurden, musste Möllers Katen in Groß Schwansee verschwinden. Dem alten Mann vom Meer wurde zudem ein Fischereiverbot aufgebürdet. Eine Entscheidung mit Folgen. "Tod durch Erhängen" lautet 1962 ein Eintrag im Kalkhorster Kirchenbuch. "Was nicht dort steht: Möller hatte sich im Alter von 83 Jahren nicht irgendwo erhängt, sondern am Grenzzaun. Denn der war sein ganzes Unglück", so Dorian Rätzke. Ein Dorfbewohner sagte über den Fischer: Er sei oft zum Zaun gegangen, um sehnsüchtig auf seine Ostsee zu schauen. Für die Nachwelt erhalten geblieben, ist ein Foto von Möllers Fischerkahn mit der Kennung "SCH M 4" am Strand von Groß Schwansee. Die Besatzung: glückliche Kinder. Sie hätten oft darin spielen dürfen, erinnert sich eine ehemalige Nachbarin in dem Buch.

Ein Kind zu DDR-Zeiten war der heutige Radrennprofi und Tour-de-France-Teilnehmer Jens Voigt (39). Zu sehen ist er in Rätzkes Buch mit Mutter Edith und seinen Geschwistern. Das Foto ist Weihnachten 1982 entstanden, als die Voigts in ihrer Heimatstadt Dassow ein Westpaket auspackten. Vater Egon drückte auf den Auslöser des Fotoappartes, als "Jacobs Krönung" schon auf dem Tisch stand.

Brenzlig sei es in Dassow nur geworden, wenn russische Soldaten geflohen seien. "Die Flüchtlinge waren meist mit Kalaschnikows bewaffnet. Da gab es hier Großalarm und unsere Grenzsoldaten lagen auch mit Kalaschnikows im Straßengraben", schildert Jens Voigt in dem Buch seine Erlebnisse.

Nur wenige Kilometer weiter westlich, hinter der Grenze der ehemaligen DDR, war 1974 der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher. Ein Foto in der heutigen Grenzdokumentations-Stätte Lübeck-Schlutup erinnert an seinen Besuch. Im Zuge der Buchrecherchen stand Genscher dem Autor für ein Telefon-Interview zur Verfügung. Genscher berichtete über einen Zwischenfall auf dem Dassower See, als Fischer von NVA-Booten behindert wurden, obwohl das Gewässer zu Schleswig-Holstein gehörte. Ein BGS-Hubschrauber habe daraufhin bewaffnete NVA-Boote fast zum Kentern gebracht. "Wir haben den Zwischenfall nicht hochgespielt, uns war nur die Sicherheit der Fischer wichtig", so Genscher. Der Außenminister a. D. ist nur einer von etwa 100 Menschen, die Autor Dorian Rätzke für sein Buch befragt hat. Er fand zudem in Archiven, wie dem des Landkreises Nordwestmecklenburg, bislang unveröffentlichte Dokumente, die das Leben bis zum Mauerfall auf berührende Weise in Erinnerung rufen. "Es sind Grenzgeschichten, aufgeschrieben gegen das Vergessen", verdeutlicht Dorian Rätzke, geboren 1971 in Ost-Berlin.

>> Das Buch: „Zwischen Stacheldraht und Strandkorb – DDR-Alltag an der Lübecker Bucht“ ist im Boltenhagen Verlag erschienen. Es umfasst 197 Seiten und ist ab Montag deutschlandweit im Buchhandel erhältlich.
ISBN 978-3-937723-10-5.


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