Fontanes Sommerreisen : Zwischen Sehnsucht und Flucht

Denkmal Theodor Fontanes in Neuruppin, wo er 1819 geboren wurde.
Denkmal Theodor Fontanes in Neuruppin, wo er 1819 geboren wurde.

Neues Buch über Fontanes „Sommerfrischen“ gibt Einblick in die Reisetätigkeit des Schriftstellers vor 200 Jahren .

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14. Oktober 2018, 05:00 Uhr

Sommerfrische – das schöne, lautmalende Wort ist aus der Mode gekommen. Unsere Zeit hat neue Wörter gefunden, Urlaub oder Ferien; die Geschäftsidee heißt Tourismus. Auch Mecklenburg-Vorpommern ist Partner im Geschäft. Wir leben, wo andere Urlaub machen. Wie mag Fontane unsere Landschaft vor 200 Jahren gesehen haben?

Die Sommerreisen führten den Schriftsteller nach Brandenburg und Mecklenburg, nach Thüringen und in den Harz, ins Riesengebirge, an die Nord- und an die Ostsee. In den tagebuchähnlichen Briefen an seine Frau berichtet Fontane von seinen Aufenthalten. Erstaunlicherweise finden Natur und Landschaft kaum Erwähnung. Das Meer, Wunschadresse aller Kreativen seit Jahrhunderten, erregte ihn nicht. Im September 1871 schrieb er aus Warnemünde von der tiefen poetischen Langeweile, die dieser Ort verströme. Er hatte auch in späteren Jahren kein Verlangen nach dem Meer und seinen „Korbhütten“ am Strand. Sein Sehnsuchtsziel war frische Luft und eine stimmige Personage.

Wenn der Sommer kam, dann floh er aus Berlin

Bernd W. Seiler, Literaturwissenschaftler und Historiker, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Werk Fontanes. Sein Buch „Fontanes Sommerfrischen“ erschien in diesem September, zu einer Jahreszeit, in der unsere eigenen Sommerfrischen gerade in die Schublade gelegt werden. - Vor 200 Jahren war Reisen nicht selbstverständlich. Im Jahrhundert von Romantik, Biedermeier und Gründerzeit reiste nicht jedermann, denn nicht jedermann hatte Zeit und Geld. Eine Bahnfahrt von Berlin nach Bad Kissingen dauerte 10 Stunden und war in der 3. Klasse, der „Holzklasse“ mal à l’aise. Pension oder Hotel kosteten etwa 10 Taler pro Woche. Fontane war kein reicher Mann. Er reiste dennoch viel. Die Sommerfrischen waren seine Luft zum Atmen.

Theodor Fontane (1819 – 1898) wohnte in Berlin in der Potsdamer Straße, nahe am Landwehrkanal. Wenn der Sommer kam, begann es wie aus der Kloake zu stinken. Dann floh er aus Berlin. Alles außerhalb der Stadt Liegende schien ihm Luftkurort zu sein. In guter Luft waren ihm Naturschönheiten wie das Meer oder die Schneekoppe einerlei. Ihn interessierte die haute société.

Fontane kennenlernen

Das Zusammenkommen mit Menschen anderer, möglichst höherer Gesellschaftskreise brauchte er für die Recherche. Generäle, Geheimräte, Professoren, Verleger, Maler, Grafen und Comtessen – sie sind seine Helden im „Stechlin“, in „Stine“, in „Effi Briest“. Wer dem Buch von Seiler folgt, kann herausfinden, in welcher Sommerfrische welche Comtesse für welche Protagonistin Pate gestanden hat. Es macht Spaß, den Geburtsumständen von Fontanes literarischen Figuren auf die Spur zu kommen.

Und es gibt weitere Empfehlungen für das Seilersche Buch. Romanleser kennen Fontane, den Schriftsteller, den sensiblen Darsteller gesellschaftlicher Beziehungen im Milieu der kleinen großen Leute, einem Milieu, dem Fontane selbst nahe stand und das er realistisch beschrieb. Mit Seilers Buch und seinen gründlichen Analysen der Tagebuch-Briefe lernen wir Fontane, den Menschen, kennen, der saubere Luft brauchte, die Salon-Kommunikation liebte, diszipliniert arbeitete, bescheiden lebte, dem Preußen etwas galt und der Bismarck verehrte.

Zu loben ist die reiche Illus-trierung des Buches mit Postkarten, Fotos, Zeichnungen. Sie setzen die Worte, die von Fontane und die von Seiler, ins Bild. Fontane wird lebendig. Seine Zeit wird lebendig. Wir sehen ihn auf dem Potsdamer Platz in Berlin, auf der Promenade von Warnemünde, im Gartenlokal im Thüringischen – und wir sehen uns, an diesen oder anderen Orten – ein Sommerfrischen-Zeitvergleich zweihundert Jahre nach Fontane - im ewigen Zwiespalt von Sehnsucht und Flucht.

Seilers informatives, amüsantes, nachdenkliches Buch ist ein rechtzeitiger Vorbote zum Fontanejahr 2019.
 

Buchtipp

„Fontanes Sommerfrischen",
Bernd W. Seiler, Quintus.
Verlag für Berlin-Brandenburg,
184 Seiten, 290 Abbildungen,
ISBN 978-3-947215-31-7
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