Schäferstündchen : Zwischen Osteridylle und bösem Wolf

K. Koslik
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Im Dezember kam dieses Schwarzkopf-Lamm zur Welt.

Rüdiger Schröder aus Brüsewitz kann seit 35 Jahren trotz aller Widrigkeiten nicht von seinen „Pfennigsuchern“ lassen

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04. April 2015, 15:00 Uhr

Sattgrüne Weiden, auf denen wolkenweiße Schafe grasen, ein Schäfer in schwerer Pelerine, zu seinen Füßen zwei wachsame Hütehunde – ein idyllisches Bild, mit dem so manche Ostergeschichte illustriert wird.

Mit der Realität hat es wenig zu tun, weiß Rüdiger Schröder. Der heute 51-Jährige hat den Beruf in Gadebusch von der Pike auf gelernt, sich in den 80er-Jahren sogar zum Schäfermeister qualifiziert. „Als ich 1988 hierher nach Brüsewitz kam, hatten wir 1400 Mutterschafe“, erinnert er sich. Doch 1993, nach der Wende, wurde die Herde abgeschafft, „weil sie nicht den Ertrag brachte“. Schröder stand vor der Frage, in den Kuhstall zu wechseln oder die Arbeit zu verlieren. Er entschied sich für den Kuhstall, dem er nun schon seit 20 Jahren als „Herdenmanager“ vorsteht – und blieb den „Pfennigsuchern“ dennoch treu: „Wir hatten immer Schafe im Nebenerwerb, zeitweise 170, 180 Tiere.“

Mittlerweile ist seine Zuchtherde wieder kleiner geworden, „man will ja auch noch etwas vom Leben haben“, meint Schröder. Die jetzt noch 60 Schwarzkopf-Mutterschafe aber sind sein ganzer Stolz – und noch mehr die kräftigen, um die drei Zentner schweren Zuchtböcke. In ganz Deutschland kauft er sie sich zusammen, jedes Jahr einen neuen, um sie nach jeweils zwei Jahren schon wieder weiterzuverkaufen. „So lässt sich Inzucht in der kleinen Herde vermeiden“, erklärt der Schäfer.

„Michel“ heißt sein neuester Zukauf, im Juli darf der Bock zum ersten Mal die Mutterschafe beglücken. Nach fünf Monaten Tragezeit kommen dann im Dezember die Lämmer zur Welt. „Die meisten Osterlämmer“, so der Schäfer wenig prosaisch, „kommen nämlich nicht zu Ostern auf die Welt, sondern Ostern auf den Tisch“. Allerdings nicht auf den eigenen, fügt er schnell hinzu. Lediglich bei einer Salami mit Lammfleisch habe er mal eine Ausnahme gemacht – die sei lecker gewesen, doch ansonsten könne er sich nicht vorstellen, Schaf zu essen.

Schröder hat, wie viele seiner haupt- oder nebenberuflichen Kollegen, die Lammzeit bewusst ans Ende des Jahres gelegt. Von Mitte April bis tief in den Herbst hinein stehen seine Tiere nämlich auf der Weide im elf Kilometer entfernten Badow. „Am letzten Novemberwochenende holen wir sie mit Traktor und Viehhänger zurück, dann werden sie geschoren – und dann, im geschützten Stall, können die Lämmer kommen“, so der Schäfer. 130 von 80 Muttertieren waren es im letzten Dezember.

Für Rüdiger Schröder und seine Ehefrau Marion ist die Lammzeit stets eine besonders anstrengende. Schon bevor er um 4 Uhr früh den Dienst im Kuhstall antritt, schaut der Freizeit-Schäfer dann zum ersten Mal nach seinen Tieren, abends vor dem Schlafengehen zum letzten Mal. „Zum Glück lammen die meisten aber ganz von allein“, gibt sich Schröder dennoch gelassen. Vier bis fünf Lämmer müssten jährlich mit der Flasche aufgezogen werden – weil sie als Drillinge auf die Welt gekommen sind, seltener auch, weil die Mutter gestorben ist. Seine Frau Marion hänge ihr ganzes Herz an die anfangs nur vier bis fünf Kilogramm schweren „Flaschenkinder“, erzählt ihr Mann. Im Frühjahr müsse er sie meist regelrecht zwingen, die Lämmer endlich zu entwöhnen. Trotzdem verschont der Schäfer die Lieblinge seiner Frau nach Möglichkeit, wenn er aussortiert, wer geschlachtet werden soll.

Rund um Ostern erziele man für Lammfleisch die besten Preise, so Schröder. Das Gros der im letzten Winter geborenen Tiere habe er deshalb auch schon verkauft. 2,75 Euro pro Kilo Lebendgewicht hätte er diesmal bekommen, „ein guter Preis“. Die wolligen Fellknäule aus dem Dezember bringen jetzt, nach gut 100 Tagen, immerhin rund 45 kg auf die Waage. „Aber reich wird man als Schäfer nicht“, betont der Brüsewitzer. Er muss Pacht für Stall und Weide zahlen, Futter für die Wintermonate, dazu kämen Kosten für den Schafscherer, Wurmkuren, Klauenpflege und noch einiges mehr. Zwar käme ein wenig Geld durch die Wolle wieder rein. Am meisten ließe sich aber mit guten Zuchttieren verdienen, so Schröder. Fünf junge Böcke mit vielversprechenden Anlagen hätte er diesmal aus den Lämmern ausgewählt. Sie hofft er, gewinnbringend verkaufen zu können. Über Preise werde zwar in Züchterkreisen nicht öffentlich gesprochen. Der für „Michel“ sei vierstellig gewesen, verrät Schröder aber immerhin.

Je wertvoller eine Zuchtherde allerdings ist, umso mehr muss auch in ihren Schutz investiert werden. Momentan hat Rüdiger Schröder seine Weide zwar fest eingezäunt –„aber den Anforderungen in einem Wolfsgebiet entspricht der Zaun nicht“, weiß er. Badow liegt auch nicht im Wolfsgebiet – „aber im Nachbarort Stöllnitz ist im September schon ein Wolf gesichtet worden“, erzählt der Schäfer nicht ohne Sorgen. Unter Kollegen werde viel über die Rückkehr der grauen Räuber diskutiert. „Es gibt Befürworter, die sagen, er gehört zu unserer Natur – ich sehe das anders“, sagt Rüdiger Schröder. Doch das nützt nichts: Bevor er seine Tiere wieder auf die Weide bringt, wird er „aufrüsten“ –mit weiteren Drähten und einem zusätzlichen Elektrozaun.

In schwerer Pelerine, einen Hütehund an seiner Seite – so wird man Rüdiger Schröder aber dennoch nicht bei seiner Herde sehen. Zwar gebe es noch Wanderschäfer, die dem klassischen Bild entsprechen und mit ihren Tieren von Weide zu Weide ziehen. Die meisten Schäfer würden ihre Tiere aber mittlerweile wie er selbst einzäunen statt sie zu hüten. „Wir fahren regelmäßig rüber, um nach ihnen zu schauen. Aber vor allem verlasse ich mich auf die älteren Leute aus Badow, die mich noch aus der Zeit kennen, als ich dort aufgewachsen bin“ erzählt der Brüsewitzer. „Wenn ihnen etwas auffällt, rufen sie mich sofort an.“ Im Stillen aber hofft er, dass das in diesem Sommer nicht nötig sein wird.

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