Entstehungsgeschichte eines Weihnachtsbuchs : Zwischen „Hohoho“ und Bohnerwachs

Autor Lutz Dettmann
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Autor Lutz Dettmann

Der Autor Lutz Dettmann erzählt von vergangenen Tagen, blinkenden Begleiterscheinungen und seiner Vorfreude aufs Fest

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23. Dezember 2017, 16:00 Uhr

Nur mehr ist mehr. Das sagt sich Margot, wenn es darum geht, das Haus fürs Fest zu schmücken. Dummerweise dekoriert die Nachbarin auch, was zu einem Wettrüsten mit Lichterketten führt – von Weihnachtsfriede keine Spur. „Fröhliche Weihnachten“ ist ein bitterböser Kurzfilm, produziert vom MDR, der nach einer Geschichte von Lutz Dettmann aus Rugensee entstanden ist. Der 56-Jährige schreibt seit 2003 jedes Jahr eine Weihnachtserzählung für seine Familie – die Sammlung ist jetzt als Buch erschienen.

Inspirationen für diese Geschichten sind mal ein Song von Kate Bush oder Paul McCartney, mal ein eifriger Hahn, der die Nachbarschaft terrorisiert, mal ein Foto oder ein Erlebnis. Am Schreibtisch lässt Dettmann daraus etwas Neues entstehen. Das ist zuweilen spöttisch, oft rührend und gern überraschend gewendet. Und immer ist zu merken, dass da jemand schreibt, der Lust auf Weihnachten hat und viele gute Erinnerungen an das Fest.

„Weihnachtsduft“ steht auf einer Dose, die der Mecklenburger einmal von seinem Bruder bekommen hat. Der Inhalt: Bohnerwachs aus ostdeutscher Produktion. „Zum Weihnachtsfest gehörte bei uns, dass meine Oma das ganze Haus gebohnert hat“, erinnert sich Dettmann, der in der Schweriner Müllerstraße aufgewachsen ist. Der Geruch des Bohnerwachses vermischte sich dann mit dem Duft der Orangen aus dem Westpaket und der harzigen Note des Weihnachtsbaums, von dem nach dem Fest das kostbare Bleilametta gründlich abgezupft wurde. „Ich kann mir nicht vorstellen, jemals einen künstlichen Baum zu nehmen“, sagt Lutz Dettmann, während er bei frisch gebackenen Plätzchen in den Erinnerungen schwelgt. Daran, dass die Apfelsinenflecken noch heute auf dem Cover der begehrten Schallplatte sind, die die Tante aus dem Westen schickte – der Zoll war mit dem Paket nicht zimperlich umgegangen. Oder daran, dass am Heiligabend zu Hause immer Radio Norddeich lief und Reporter Hermann Rockmann Grüße an Seeleute auf allen Weltmeeren übermittelte. „Wir hatten nicht mal einen Seemann in der Familie, aber meine Mutter fand das so rührend.“

Erinnerungen, Einkehr, Stunden mit der Familie – das ist es, was für Lutz Dettmann den Zauber der Weihnacht ausmacht. Er ärgert sich, dass dieser Zauber immer mehr verschwindet und Weihnachten zu einem Konsumfest verkommt, dessen Bedeutung sich übers Hin- und Herschieben teurer Geschenke definiert. Dazu die weltumspannende amerikanische Dekoration, „Jingle Bells“ in der Endlosschleife und einen Weihnachtsmann, der aus unerklärlichen Gründen „Hohoho“ ruft – diese Begleiterscheinungen bringen Lutz Dettmann regelmäßig auf die Palme. Oder sollte man sagen: auf den Weihnachtsbaum? In seinen Geschichten hat der Vermessungstechniker, der seit Jahren mit viel Freude schreibt, seine eigene Art des Umgangs damit gefunden. Die Geschichte „Alle Jahre wieder“, in der es um den Krieg der Leuchtsterne geht, entstand ursprünglich für einen Krimiwettbewerb. Ergebnis waren ein zweiter Platz und der Auftrag des Regisseurs Till Endemann, das Ganze zu einem Drehbuch umzukrempeln. „Ich hatte so etwas noch nie gemacht. Die achte Fassung ist es dann wohl geworden“, erinnert sich Dettmann an die aufregende Zeit. Dass die 14 Geschichten jetzt in einem Band vereint vorliegen, macht ihn stolz und versöhnt auch die Familie mit der Tatsache, dass er in diesem Jahr keine geschrieben hat – wegen der vielen Arbeit an dem Buch.

Für Abwechslung ist ohnehin gesorgt, wenn sich alle in Rugensee treffen. Die Eltern, die beiden erwachsenen Kinder nebst Anhang, Freunde. „Unsere Schwiegertochter stammt aus Israel und hat Weihnachten bei uns kennen und lieben gelernt“, sagt Dettmann. Weil in der jüdischen Religion im Dezember das Lichterfest Chanukka gefeiert wird, mischen sich inzwischen die Traditionen. „Unsere Schwiegertochter sagt dazu ,Weihnukka‘. Sie bringt in diesem Jahr ihren Bruder und dessen Freundin mit, weil es hier zu Weihnachten so schön ist.“ Die Tradition des großen Familientreffens zum Fest bleibt also bestehen, andere Bräuche ändern sich. Früher standen bei Dettmanns zum Fest Würstchen und Kartoffelsalat auf dem Tisch, heute gibt es Vegetarisches, Veganes und etwas für Fleischesser – und am 1. Feiertag ein gemeinsames Tafeln in einem pakistanischen Restaurant, weil da alle kulinarischen Vorlieben befriedigt werden.

Und apropos kulinarische Vorlieben: Auch das traditionelle „Lüttenwihnachten“, die Bescherung für die Tiere, wird im Haushalt nicht vergessen. „Mein Großvater, der Milchmann war, ging am Heiligabend immer in den Stall und brachte dem Pferd eine Extraportion Hafer. Und auch unser Kater bekommt an diesem Tag besonders gutes Katzenfutter“, verspricht der Autor, während der rotgetigerte Scott zufrieden auf seinem Schoß schnurrt.

Nur ein Weihnachtsmann mit rotem Mantel und weißem Bart wird zu der Feier nicht kommen. „Den gab es auch früher bei uns zu Hause nicht“, sagt Dettmann – da ist er ganz Nostalgiker. Einer, der gern Geschichten erzählt und hofft, dass es bei all dem Trubel ringsherum dafür in der Weihnachtszeit weiterhin Raum geben wird. Und auch der Titel seines Buches ist da ganz Programm: „Wer glaubt schon an den Weihnachtsmann?“


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