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Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der heute 84 Jahre alte Anton Schwarz musste mit Mutter und Geschwistern Danzig verlassen und erlebte schweren Neuanfang in Dorf Drieberg bei Gadebusch

Anton Schwarz aus Schwerin erlebte als Jugendlicher die Vertreibung aus Danzig, während der Flucht wurde er 14 Jahre alt. Die Familie war nach Ende des zweiten Weltkrieges in Danzig geblieben und wurde im Spätherbst zusammen mit zahlreichen weiteren Deutschen aus der Stadt an der Ostsee vertrieben.

Unsere Familie stammt aus Danzig, ich wurde dort am 4. Dezember 1931 geboren. Unser Vater Josef, Jahrgang 1904, war kein Mitglied der NSDAP und krankheitsbedingt auch kein Soldat der Wehrmacht, er arbeitete als Lokführer bei der DR. Unsere Mutter Charlotte, Jahrgang 1904, war Verkäuferin und Hausfrau. Wir waren fünf Kinder, die Jüngste war 1945 zwei Jahre alt.

Unsere Familie erlebte Ende März 1945 den Einmarsch der Sowjetarmee und die nachfolgenden Polen mit Regierungsgewalt. Unser Vater und weitere Männer wurden Anfang April des Nachts von uniformierten Polen verhaftet und in das Zuchthaus „Schießstange“ gesperrt, aus dem unser Vater nicht wieder zurückkehrte. Wir erhielten kein Lebenszeichen von ihm und auch keine Nachricht von seinem Tod.

So stand unsere Mutter mit ihren Kindern schutzlos und allein da. Vor unserer endgültigen Vertreibung im November 1945 wurden wir von einem polnischen Ehepaar aus unserer Wohnung verwiesen. Wir mussten uns eine andere Bleibe suchen. Um die Familie am Leben zu erhalten, arbeiteten meine Mutter und ich als 13-Jähriger auf einer Baustelle, die fünf Kilometer entfernt war, für einen Hungerlohn. Im November 1945 wurden wir endgültig ausgewiesen.

Im Dezember 1945 kamen wir in der sowjetischen Besatzungszone an, landeten im Januar 1946 im Land Mecklenburg, Kreis Gadebusch. Drieberg Dorf, zehn Kilometer von Gadebusch entfernt, war das letzte Dorf des damaligen Kreises in östlicher Richtung. Wir, die Stadtmenschen, in einem Dorf auf dem flachen Lande. Pferde, Kühe und Schweine wussten wir zu unterscheiden, aber mehr wussten wir von der Landwirtschaft nicht. Das sollte sich bald ändern.

Die Gedanken unserer Mutter waren damals: Erst einmal ein Dach über dem Kopf, ein warmes Plätzchen und etwas zu essen. Vor Arbeit scheute sie sich nicht. Wir fünf Personen bekamen ein Doppelstockbett. Mein Bruder und ich schliefen jeder auf einer Sitzbank. Zudeck und Schlafanzug besaßen wir nicht und bekamen wir auch nicht. Woher sollte das kommen?

Für die tägliche Verpflegung sorgte der Lagerleiter. Mit unseren Lebensmittelkarten fuhr er nach Gadebusch zum Einkaufen. Brot wurde in unserem Gasthof gebacken, zu dem auch eine Getreidemühle und eine Bäckerei gehörten. Auch legten wir uns eigene Feuerstellen an der Stepenitz aus Ziegelsteinen an, um auch selbst eigene Gerichte aus dem wenigen, was wir hatten, zuzubereiten. Im Dorf wurden wir von den Einheimischen die Zigeuner genannt.

Solche primitiven Verhältnisse kannten wir von zu Hause nicht. Wir wohnten in Danzig in einer modernen Zweizimmerwohnung mit großer Küche, Bad und Etagenheizung, hatten warmes und kaltes Wasser aus der Leitung. Aber wir hatten erst einmal ein Dach über dem Kopf, hatten es warm, hungerten nicht, wenn wir auch nicht satt wurden, und hatten mit der Verwandtschaft in Westdeutschland Verbindung aufgenommen.

In ständiger Sorge waren wir um unsere zehn Jahre alte Schwester Brigitte. Ihre Füße waren während der Flucht erfroren, weil sie keine Schuhe hatte. Im Krankenhaus in Schwerin mussten die Ärzte ihr beide Beine amputieren, das hielt ihr Herz nicht aus. Am 19. und 20. Februar 1946 trafen zwei Telegramme für unsere Mutter ein. Absender: das Krankenhaus in Schwerin. Inhalt des ersten Telegramms: „Tochter Brigittes Zustand sehr schlecht.“ Inhalt des zweiten Telegramms: „Tochter Brigitte verstorben.“

Am nächsten Tag machten wir, meine Mutter und ich, ihr Ältester, uns auf den Weg zum Krankenhaus. Es regnete in Strömen. Einen Regenschirm oder Regenbekleidung besaßen wir nicht. Mit alten Schlafdecken versuchten wir, uns vor dem Regen zu schützen. Im Krankenhaus erfuhren wir, unsere Brigitte wäre bereits auf dem Friedhof Obotritenring. Dort in der Friedhofsverwaltung sagte man uns: „Brigitte ist schon in einem Massengrab beerdigt. Wir wussten nicht, dass es noch Verwandte gibt.“ Das Massengrab konnte oder wollte man uns nicht zeigen. Unsere Mutter war erschüttert. Sie trug diesen Schicksalsschlag mit Würde, trotz Trauer und Bitternis. Sie hatte in sechs Monaten ihren 41 Jahre alten Ehemann und ihre zehnjährige Tochter verloren.

Trotz alledem: Es musste weitergehen. Unsere Mutter gab nicht auf. Unser Dasein bestand weiter im täglichen Kampf um das Überleben. Unsere Mutter und alle Mütter der Flüchtlinge und Vertriebenen leisteten in diesen Schicksalsjahren schier Unmögliches. Sie vollbrachten Heldentaten, durchlebten Trauer und Bitternis, Hoffnung und tiefe Verzweiflung. Sie bewiesen grenzenlosen Mut und hatten oft große Angst. Und sie schafften es, dass wir fast alle überlebten. Haben wir es ihnen immer auch genügend gedankt?

In unserer neuen Heimat war das Schicksal unserer Familie tabu. Unsere Mutter erhielt keine Witwenrente, wir keine Halbwaisenrente. Es gab ja keinen Totenschein unseres Vaters, woher auch. Alle Nachforschungen von uns und auch von der Verwandtschaft über den Suchdienst und auch das DRK blieben bis zum Ende der DDR und auch des sozialistischen Lagers erfolglos.

Erst mit Hilfe einer polnischen Historikerin fanden sich im Jahr 2000 Todeslisten im Zuchthaus, in einer dieser Listen steht der Name unseres Vaters. Zwar steht dort nicht der Todestag, die Todesursache und der Ort der Bestattung.

Von der deutschen Minderheit in Danzig erhielt ich später eine Einladung zur Einweihung eines Denkmals für die über 1100 im Zuchthaus Verstorbenen. Nach 58 Jahren konnten mein inzwischen verstorbener Bruder Helmut und ich mit unseren Frauen am 31. Oktober 2003 unseres Vaters und aller hier Verscharrten gedenken. Unschuldige Männer und Frauen mussten sterben, weil sie Deutsche waren, sie starben wegen der unmenschlichen Bedingungen der Haft. Es bedarf einer aufrichtigen Aufarbeitung der Geschichte durch alle Staaten.

 

 

 

 

 

 

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