zur Navigation springen

Ausstellung in Rostock : Zwischen Hoffnung und Elend

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Fotograf Mark Mühlhaus war in den kurdischen Gebieten in der Türkei und in Syrien. Nun zeigt er seine Fotos in Rostock

svz.de von
erstellt am 12.Feb.2016 | 11:45 Uhr

Heute wird im Rostocker Peter-Weiss-Haus die Ausstellung „Back to Rojava“ eröffnet. Der Fotograf Mark Mühlhaus, der mit großflächigen Drucken die Situation in den kurdischen Gebieten in der Türkei und Syrien dokumentiert, wird selbst dabei sein. Der 42-Jährige beschäftigt sich schon mehrere Jahre mit den Themen Flucht und Asyl. Unsere Autorin Susann Moll sprach mit Mark Mühlhaus.

Sie haben vertriebene Jesiden im Flüchtlingslager besucht, waren mit Notärzten an der Front und haben die syrische Stadt Kobanê kurz nach der Befreiung vom „Islamischen Staat“ gesehen. Was war für Sie besonders tragisch?
Kobanê wurde ja am 26. Januar 2015 befreit – übrigens mein Geburtstag, da habe ich mich sehr gefreut (lacht). Bei meinem Besuch im März sind jedoch tagtäglich kleine Kinder und auch viele Frauen gestorben, obwohl der „IS“ weg war. Die haben nämlich überall Sprengfallen hingebastelt – besonders in Küchenschränken, wo die Frauen irgendwann die Töpfe zum Kochen rausholen, und in Kinderspielzeug. Das gab es jeden Tag.

Wenn man in Kobanê unterwegs war, gab es immer irgendwann einen Rums, und man wusste, da ist wieder so eine Scheiß-Sprengfalle hochgegangen. Und man konnte in dem Moment gar nichts dagegen machen. Die Leute, die sich damit auskennen, sind an der Front und kämpfen 40 Kilometer weiter gegen den „IS“. Überall sind Trümmer, und die Kinder sind natürlich in diesen Trümmern. Das fand ich tragisch.

Die Ausstellung „Back to Rojava“ ist eine Kooperation der Foto-Agentur attenzione photographers und der Hilfsorganisation medico international. Sie wird heute um 18.30 Uhr im Peter-Weiss-Haus in Rostock eröffnet. Der Fotograf Mark Mühlhaus  wird anwesend sein. Danach können die Bilder für die nächsten vier Wochen zu den Öffnungszeiten des Peter-Weiss-Hauses angeschaut werden. Der Eintritt ist frei.

Nach der Ausstellungseröffnung wird ab etwa 19.30 Uhr der Politikwissenschaftler und Journalist Ismail Küpeli sein Buch „Kampf um Kobanê – Kampf um die Zukunft des Nahen Ostens“ vorstellen. Am Sonnabend beraten die Mitglieder von „MV für Kobanê“ mit ihren Unterstützern, wie es mit den Hilfstransporten in die zerstörte Region weiter gehen soll. Am Abend gibt es im Café Marat eine Spendenparty mit DJs und kurdischen Musikern.

Was hat Sie angetrieben, in die umkämpfte Region zu reisen?
Das erste Mal war ich im Herbst 2014 im türkischen Suru, das ist direkt an der Grenze zu Kobanê. Ich wollte über die Flüchtlingssituation berichten, weil es zu der Zeit in deutschen Medien eigentlich immer nur ein Bild von Kobanê gab: ein explodierender Bombenpilz in der Luft. Da ich zu Flucht und Asyl schon öfter etwas gemacht habe, lag es nahe zu sagen: Ich produziere da andere Bilder.

Danach sind Sie aber nochmals dort gewesen.
Weihnachten 2014 bin ich über den Irak direkt nach Syrien gegangen. Dort war ich in den kurdischen Gebieten, die sie selbst Rojava nennen. „Der Westen“ heißt das übersetzt. Das Datum habe ich mir bewusst ausgesucht, weil ich etwas über Christen machen wollte, die sich gegen den „IS“ stellen. Ich war dort in der Stadt Derîk. Dort wurden einige tausend vertriebene Jesiden aus dem Shingal-Gebirge von den Kurden aufgenommen und leben in einem Flüchtlingscamp. Und die dritte Reise ging im März 2015 direkt nach Kobanê.

Gab es während der drei Reisen auch schöne Erlebnisse?
Die gibt es natürlich. Es war auch häufig so, dass ich mit Leuten gelacht habe. Es ist vielleicht blöd zu sagen, aber das Leben geht ja weiter. Als ich in Kobanê war, wurde die erste Schule wiedereröffnet. Und als ich in Derîk war, kamen Hilfslieferungen im Flüchtlingscamp an. Da freuen sich die Leute, da freuen sich die Helfer, und dann freue ich mich natürlich auch.
Und was zwar banal war, aber toll: Als ich in Kobanê ankam, gab es nichts zu essen. Dann hat der erste Falafel-Stand aufgemacht. Der Falafel war super (lacht). Wenn es nichts zu essen gibt, ist so ein Stand extrem wichtig.

Was erwartet die Besucher der Ausstellung „Back to Rojava“?
25 großformatige Drucke von Fotos, die auf meinen drei Reisen entstanden sind. Es ist ein Blick auf einzelne Akteure dort, wie zum Beispiel die Ärzte, die dort unter katastrophalen Bedingungen arbeiten müssen. Die müssen teilweise unter einer Taschenlampe Leute behandeln.
Es sind Spots auf bestimmte Ecken, die aber als Gesamtbild zeigen sollen, wie es in Rojava aussieht. Es gibt Bilder, in die kann man viel hineininterpretieren, wie etwa in einen Gesichtsausdruck. Es gibt aber auch andere Bilder, da versteht man klar, was dort passiert. So sieht man etwa kurdische Kämpfer, die einen toten Kameraden in einen Vorhang wickeln und sich von ihm verabschieden.

Gibt es für Sie als Fotograf Grenzen, die Sie nicht überschreiten?
Ich fotografiere erstmal sehr viel. Das heißt aber nicht, dass ich im Nachhinein alles zeige. Manchmal treffe ich die Entscheidung, dass es nicht geht. Beispielsweise wenn es zu brutal ist, aber keinen Nutzen bringt. Ich war in Syrien bei Notärzten im Krankenhaus. Die hatten Verwundete, die große Splitterverletzungen hatten. Ich habe das fotografiert und hab auch mit den Eltern eines Kämpfers geredet. Die Bilder haben wir aber rausgenommen, weil sie zu heftig sind und keinen Gewinn darstellen.

Ich bin ja auch kein Paparazzo und will unbedingt das spektakulärste Bild machen. Sondern ich will eine Geschichte mit Leuten zusammen über sie erzählen. Und es gibt natürlich Momente, in denen die Kamera ganz schnell über die Schulter geschmissen wird. Wenn gerade ein Verletzter von zwei Leuten von einem Pickup heruntergehoben wird, dann packt man einfach mit an. In der gleichen Situation kann es aber auch richtig sein zu fotografieren, um zu zeigen, dass die den zu zweit runterheben müssen. Da gibt es kein richtig oder falsch.
Man muss sich einfach sicher sein, ob man dort hinreisen und solche Geschichten erzählen will. Das Interessante ist, dass die Leute, mit denen man dort unterwegs ist, niemals in Frage stellen, dass es wichtig ist, sie zu fotografieren.

Werden Sie wieder in die Region reisen?
Das Thema ist nicht beendet für mich.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen