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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 13:28 Uhr

Zwischen Gier und großen Schätzen

vom

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erstellt am 18.Apr.2013 | 10:59 Uhr

Neubrandenburg | Ob Omas alte Spüle, der Kabelsalat aus der Laube oder Nachbars Kaffeemaschine: Irgendwessen ausgediente Technik glänzt und funkelt an jeder Ecke oder rostet hier einfach nur so vor sich hin. Die letzte Adresse ist immer die gleiche. Sie heißt Schrottplatz, der letzte Besitzer der alten Teile heißt Bernd Jörn und ist hier Platzmeister. 56 Jahre alt, in Wismar geboren, eigentlich ein Hochseefischer. "Es hat mich wegen meiner Frau hierher verschlagen, verstehst du?"

Vor 30 Jahren ging er das letzte Mal von Bord und zog ins Binnenland. Er heuerte auf einem Schrottplatz an und blieb der Branche bis heute treu. Vor 13 Jahren macht er sich selbstständig und arbeitet nun mit vier Männern auf dem 7000-Quadratmeter-Areal bei Neubrandenburg. In den 70er-Jahren hatte die LPG hier Getreide umgeschlagen. Die große Waage und die Baracken sind geblieben.

Gegen neun Uhr sitzen seine Mitarbeiter im Hinterzimmer und qualmen den Flachbau voll. Ein Schrottplatz ist nichtraucherfreie Zone, meint Jörn und zuckt mit den Schultern. Die alte Lkw-Waage, die zweimal im Jahr vom TÜV überprüft wird, spuckt einen Zettel aus, den sich der Platzmeister greift. "Wat du heute wiegst, dat sag’ ich dir nich", erklärt er und boxt einem Transporterfahrer gutmütig an die Schulter. "Sachst mir ja eh gleich", gibt der grinsend zurück. "Mal sehen", erklärt der Chef. Wer auf seinen Schrottplatz fährt, muss über die Waage. Wer herunterfährt, muss über die Waage. Den Unterschied zahlt Bernd Jörn seinen Kunden auf die Hand.

Wertvolle Sachen erkennen, kommt mit der Zeit von allein

Auf dem Gelände laden Privatleute oder Gewerbekunden ihre Autos aus und schmeißen den Schrott dem allgegenwärtigen Bagger vor den Bug. An dessen Hebeln sitzt Robert Jörn, der Sohn des Geschäftsführers. Daneben liegt ein zusammengerollter Maschendrahtzaun, mit dem der Bagger den Hof fegt, wenn mal eine Waschmaschine im Weg liegen bleibt. "Mein Junge schafft das Zeuch in ’nen Container und sortiert gleich", sagt der zweifache Vater und dreifache Großvater, der ruhig den Platz abschreitet.

Auf den Nachbargrundstücken liegen Altlasten, die jahrelang die örtlichen Feuerwehren beschäftigten. Ein Autofriedhof, übriggeblieben aus der Abwrackprämienzeit, wirkt wie ein Zombieparkplatz. Der Tod, auch wenn es nur der Tod der Technik ist, legt ein staubiges Tuch über dieses Panorama. Man denkt leiser, man bewegt sich langsamer. "Ne körperlich richtig anstrengende Arbeit ist das hier. Das Arbeitsamt hat uns mal Leute geschickt. Kerle, wie Schränke. Aber nach zwei Tagen haben se bei uns um ihren Rücken gejammert", erzählt Jörn. Sowas kommt von sowas.

"Heb mal die Kiste da an! Die mitm Kupfer." Es geht nicht. Er lacht und verkündet, dass eine hundert Kilo wiegt und drei davon so 2500 Euro wert sind. "Unsere Schätze, wenn du so willst", sagt der ehemalige Seemann.

Wertvolle Sachen erkennen, das kommt mit der Zeit von ganz allein. In der näheren Umgebung der Viertorestadt arbeiten fünf Schrotthändler. Eine Konkurrenz, die hart, aber fair miteinander umgeht, wie Bernd Jörn bestätigt. Und was ist mit den schwarzen Schafen? "Mit welchen Schafen? Was meinst du?", fragt er und ein Lächeln umspielt das sonnengegerbte Gesicht. Metalldiebe und solche, die schnelles Geld machen wollen. "Die gibt es natürlich. Aber wir lassen uns mit solchen nicht ein. Wenn das rauskommt, hat man nur Ärger, wirklich großen Ärger. Und das Geld ist auch für immer weg."

Wer mit 500 Kilo Kupfer kommt, kann gleich wieder umdrehen

Vor zwei Jahren war die Polizei monatlich auf dem Platz und hat sich umgesehen. "Da sind die Preise so in die Höhe geschossen, dass jeder irgendwie reich werden wollte", erinnert sich der Schrotthändler. Wer ihm mit 500 Kilo Kupferdachrinnen auf den Hof kommt, kann gleich wieder umdrehen. "Oder Bahnschienen oder so’n Kram. Das nehme ich nicht! Keine Chance!"

Hinter dem Platzmeister zerrt ein Demminer Rentner einen angeschlagenen E-Herd aus seinem Transporter und rollt das schwere Teil zum Schredderhaufen. Der Alte bekommt für seine Wagenladung knapp 30 Euro auf die Hand. "Warum er das macht, musste nich fragen", meint Jörn.

Seine Firma nennt sich Neubrandenburger Schrotthandel GmbH und hat in der Gegend 70 Container zu stehen. Eher in Gewerbegebieten, "nich mehr auf den Dörfern, weil sie da sowieso den Schrott rausholen und allein herbringen. Was im Container bleibt, sind alte Reifen, Gift und Müll und so ein Zeuch."

Was war das verrückteste Teil, was er je aus einem Container geholt hat? "Keine Ahnung", antwortet er mürrisch. Nach 30 Jahren sei nichts mehr verrückt, "man wird schrottblind".

Ein Tag im Jahr ist anders, wenn ein lokales Fotostudio hier mit seinen Kundinnen herkommt, die sich nackt auf einem Schrottplatz fotografieren lassen wollen. "Da is was los, das kannste wissen." 364 Tage im Jahr sind nackte Frauen nur auf den vergilbten Fotos in der alten LPG-Baracke zu sehen. Man trinkt türkischen Kaffee und die Angelausrüstung des Juniorchefs stapelt sich in einer Ecke. "Zur See wollte der nie, aber als Hobby gibt er tausende Euro aus", meint Jörn.

"Ich hatte mal einen Wachmann, der mich beklaut hat"

Dann erzählt er von Ganoven. Solchen, die sich mit ihrem Transporter wiegen lassen und um die Ecke die Feldsteine rausschmeißen. Dann das Geld kassieren, wenn man es nicht merkt. "Ich hatte mal einen Wachmann, der mich beklaut hat. Wenn ich früh um sechs kam, sah der echt geschafft aus", erzählt Jörn. Dann hat der Chef eine Kamera versteckt und den Übeltäter krimireif überführt. "Das ist Gier, das ist das Schlimmste, diese Gier", sagt er und schüttelt den kurz geschorenen Schädel. Aus Versehen verirrt sich keiner in dieses graue Reich der sterbenden Technik. Denn in den Nächten laufen Hasso, Sheela und Bero frei auf dem Grundstück - drei Schäferhunde, schnell, stark und ein bisschen bissig.

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