zur Navigation springen

Frachter aus Rostock im Vietnam-Krieg : Zwischen den Fronten

vom
Aus der Onlineredaktion

Im Hafen von Haiphong wurde die „Halberstadt“ von einer US-Rakete getroffen. Ein Rückblick

svz.de von
erstellt am 31.Aug.2017 | 12:00 Uhr

An jede Minute in Vietnam erinnert sich der heute 87-jährige Rostocker Schiffsingenieur Gerhard Marx genau. Er schrieb alles auf. „Mit 15 habe ich angefangen, Tagebuch zu führen, das war am Beginn der Flucht aus Hinterpommern im Januar 1945.“ In den Fünfzigern studierte er Schiffsmaschinenbau in Wismar, wurde Konstrukteur der legendären DDR-Frachter vom Typ IV und fuhr mit diesen später selbst zur See, auch nach Südostasien.

Marx zeigt sein Tagebuch von 1972. Vor 45 Jahren gerieten die Typ-IV-Schiffe „Halberstadt“ und „Frieden“ zwischen die Fronten des bis 1975 dauernden Krieges in und um Vietnam. Der Ingenieur war Leitender Technischer Offizier auf der „Frieden“, seine Aufzeichnungen bewahrte er sorgsam auf.

Hintergrund: Vietnamkrieg

Der Vietnam-Krieg (1955-1975) ist auch als „Zweiter Indochinakrieg“ bekannt. Nach dem ersten Indochinakrieg (1946-1954) – Liga für die Unabhängigkeit „Viet Minh“, später „Vietcong“, gegen die Kolonialmacht Frankreich – wurde der unabhängige Staat Vietnam gegründet, der sich in einen nördlichen und einen südlichen spaltete. Ab 1965 schickten die USA Bodentruppen nach Südvietnam. Der Norden wurde u. a. von China und der Sowjetunion mit Technik und Waffen unterstützt und auch von der DDR beliefert. Am 27. Januar 1973 wurde in Paris das Abkommen über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam zwischen den USA und der Demokratischen Republik Vietnam (DRV) unterzeichnet. Am 1. Mai 1975 wurden die südvietnamesische Hauptstadt Saigon von nordvietnamesischen Truppen erobert.

Hintergrund: Typ-IV-Schiffe

Das Motorschiff „Halberstadt“ wurde im Mai 1961 als letztes der für die Deutsche Seereederei (DSR) gebauten 10 000-Tonnen-Stückgutfrachter vom Typ IV in Dienst gestellt. Erstes Schiff der Serie war die „Frieden“ von 1957. Insgesamt baute die Warnowwerft Warnemünde 15 Typ-IV-Schiffe, zwölf davon für die DSR - der Beginn der DDR-Hochseehandelsflotte.

 

Die Rostocker Handelsschiffe steuerten in jenen Jahren regelmäßig die nordvietnamesische Stadt Haiphong an mit jeweils rund 6500 Tonnen Ladung. Lastkraftwagen, Reifen, Medizintechnik, Montageteile für Brücken, aber auch Kisten mit „unbekanntem“ Inhalt gehörten zu den „Solidaritätsgütern“.

Das Leck der „Halberstadt“ von dem Raketentreffer wurde im Hafen von Haiphong notdürftig repariert.
Das Leck der „Halberstadt“ von dem Raketentreffer wurde im Hafen von Haiphong notdürftig repariert. Foto: Hellmut Kapfenberger

1972 begannen die US-amerikanischen Luftangriffe in Nordvietnam von Neuem, wie Hellmut Kapfenberger berichtet, der als Korrespondent der DDR-Nachrichtenagentur ADN vor Ort war. Haiphong wurde von B-52-Langstreckenbombern attackiert, an der Pier lag die „Halberstadt“ aus Rostock. So geriet das Schiff am 16. April, einem Sonntag, mitten hinein in den Krieg. Unterdessen lag die „Frieden“ in Sichtweite auf Reede.

„16.4. 3.00 (Uhr) Der Krieg beginnt. Bombenangriff auf Haiphong“, liest Marx aus seinem Tagebuch vor. Donnernde Geräusche weckten ihn, er vermutete eine Abgasexplosion, doch die Diesel liefen problemlos. „Unablässig gingen drüben in Haiphong die Bomben nieder ... Von der Nock aus sah ich ... das Raketenfeuer der Luftabwehr.“ Im Blick auch die „Halberstadt“ – sie lag „direkt am Rande des Angriffes.“ „15.15 Uhr: Es ist ein fürchterliches Getöse in der Luft, Detonationen der Bomben und der Lärm der Flugzeuge ...“ Mehrere Angriffswellen auf Haiphong am 16. April „verursachten über 1000 Tote“ in der zweitgrößten Stadt Nordvietnams.

Karlheinz Bielka (75) war Decksmaschinist auf der „Halberstadt“ und seine Frau Christine Stewardess an Bord. Am 15. April 1972 hatte die Crew, etwa 50 Männer und wenige Frauen, noch einen Busausflug entlang der Küste unternommen. „Ein herrliches Land, und relativ friedlich“, wie Bielka erzählt. In der Nacht zum 16. April, „fing es an zu poltern, ich dachte, das ist Gewitter“, – ein Irrtum. „Es war furchtbar, zum ersten Mal war Krieg so nah an uns rangekommen.“ Angst habe er um seine Frau gehabt, erinnert sich Bielka. Schlimm seien die vielen Leichen auf den vietnamesischen Fischerbooten gewesen. „Die Szenen spielen sich immer wieder vor mir ab, das lässt einen nicht mehr los, hat sich eingebrannt ins Gehirn“, sagt Bielka. „die kettendetonationen der bomben dröhnen durch die nacht“, schilderte der Journalist Kapfenberger in einem Fernschreiben die Ereignisse des 16. April 1972. „eine feuerwand am horizont lässt über haiphong die nacht zum tage werden.“

Der Rettungsring der „Halberstadt“ wird von Karlheinz Bielka in seinem Gartenhäuschen aufbewahrt.
Der Rettungsring der „Halberstadt“ wird von Karlheinz Bielka in seinem Gartenhäuschen aufbewahrt.
 

Später beobachteten Besatzungsmitglieder, wie eine Phantom, ein US-Kampfflugzeug, mehrere Bomben wirft. „dann klinkt der pilot direkt über der ,halberstadt‘ drei bomben aus. sie schlagen in 30 bis 40 meter entfernung vom schiff in das hafengelände, zertrümmern das gebäude der hafenverwaltung. ... splitter schwirren auf das deck, beschädigen brückenfenster“, hieß es bei Kapfenberger. „gegen 15.15 uhr: mehrere direkte anflüge auf die schiffe im hafen.“

Eine Rakete durchschlug das Deck der „Halberstadt“, riss ein Leck an der Backbordseite, zerstörte Treiböl-, Luft- und Kühlwasserleitungen, Ladegeschirre sowie auf der Pier Teile der bereits gelöschten Ladung. „Auf dem gesamten Schiff wurden ca. 100 Splitterdurchschläge und Einschüsse von Bordwaffen gezählt, die u.a. Masten, Bäume, Rettungsboote, Einrichtungen der Kammern in den Aufbauten und weitere Schiffsausrüstungen und Anlagen beschädigten“, so die Aufzeichnungen der Crew. Durch den Treffer krängte die „Halberstadt“ stark nach Backbord.

Im Hafen gab es unzählige Tote und Verletzte. Die Rostocker Seeleute blieben bis auf Splitterverletzungen unversehrt. „ein vietnamesisches hafenboot in der nähe beginnt zu brennen, der an steuerbord längsseits liegende schwimmkran ebenfalls“, schrieb Kapfenberger. „die besatzungsmitglieder greifen zu den feuerlöschschläuchen, die auf dem ganzen schiff ... ausgelegt worden waren.“ Sie halfen, Tote und Schwerverwundete zu bergen. „der schiffsarzt und einige matrosen leisten erste hilfe ..., legen notverbände an, wo hände und beine abgerissen sind, wo raketensplitter schreckliche wunden hinter
liessen.“ Das Schiff wurde am 17. April evakuiert.

„Mit einer zufällig gefundenen Platte schweißten wir das Leck zu“, erzählt Helmut Schoppa, damals Matrose auf der „Halberstadt“. Am 23. April konnte das Schiff auslaufen, übernahm von der „Frieden“ ihre Crew und fuhr t nach Singapore zur Reparatur. Am 3. August 1972 war der Frachter nach knapp sieben Monaten zurück.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen