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Vogelgrippe bremst Züchter aus : Zweifel an Stallpflicht

vom
Aus der Onlineredaktion

Vogelgrippe macht Züchtern Strich durch die Rechnung. Eigentlich würde Rassegeflügel längst Eier ausbrüten

svz.de von
erstellt am 27.Feb.2017 | 07:45 Uhr

Vogelgrippe und Stallpflicht bremsen in diesem Jahr die Rassegflügelzüchter aus. Eigentlich sammeln sie ab Januar in ihren Beständen Bruteier ein, um rechtzeitig Jungvögel aufziehen zu können. „Aber wenn die Tiere geschlüpft sind, wo soll ich dann mit ihnen hin?“, fragt der Züchter Lothar Schröder. „Sie brauchen Auslauf, um optimal heranzuwachsen.“ Wegen der nach wie vor grassierenden Vogelgrippe hat der Chef des Rassegeflügel- und Vogelvereins in Satow (Landkreis Rostock) den Saisonstart wiederholt verschoben.

Schröder und seine Partnerin halten ganz unterschiedliche Arten. Besonders stolz ist er auf seine Strichelfasane: Die Art sei weltweit äußerst selten und nur durch eine intensive Zucht vorm Aussterben bewahrt worden. Sollten seine Tiere der Vogelgrippe zum Opfer fallen oder getötet werden müssen, „dann würden einzigartige, kaum ersetzbare Genreserven verloren gehen“, gibt der Tischler im Ruhestand zu bedenken. Dabei beobachtet er, wie sich eine Henne unter einem in der Voliere aufgestellten Baum versteckt. „Die ist vor dem Hahn geflüchtet. Die Zuchtsaison ist längst in vollem Gange“, umschreibt Schröder die Situation.

Wie ihm geht es Hunderten Rassegeflügelzüchtern im Land. Aufgrund der angespannten Situation wegen der Vogelgrippe lassen viele ihr Hobby ruhen. Mehrere haben die Zucht bereits aufgegeben. Karl Studier gehört zu denjenigen, die mit dem Gedanken spielen, ebenfalls aufzugeben oder die Zucht zumindest spürbar einzuschränken. Der Dummerstorfer hält Tauben der Rasse Wiener Tümmler und organisiert jeweils im Januar die traditionelle Ostseerassetaubenschau in Rostock. Die ist diesmal ausgefallen. „Es ist eine unerträgliche Situation“, sagt er. „Man steckt das ganze Jahr über Herzblut und viel Zeit in die Zucht. Und wenn es endlich soweit ist, die schönsten Tiere vorzustellen, dann geht das wegen der Vogelpest nicht“, beklagt der Taubenzüchter.

„Für uns ist der Winter quasi Erntezeit“, erläutert der Verbandschef der mehr als 2000 Rassegeflügelzüchter im Land, Martin Piehl, die Situation. „Im Winter finden die Ausstellungen statt und die Züchter fahren den Lohn ihrer Arbeit ein. Aber die Präsentationen sind diesmal nahezu alle ausgefallen.“ Jeweils von September bis in den Januar hinein stellen Züchter Juroren ihre Tiere zur Bewertung vor und präsentieren sie der Öffentlichkeit. Wer für Ente, Huhn, Gans, Taube oder Fasan ein „sehr gut“ oder gar „vorzüglich“ als Bewertung bekommt, kann besonders stolz sein. Fällt diese Bewertung aus, schwindet oft der züchterische Ehrgeiz.

Auch schwindet unter Geflügelhaltern die Einsicht in die Notwendigkeit der Stallpflicht. Schröder vermisst wissenschaftliche Erkenntnisse über die Ausbreitung der Vogelgrippe. Allein den Vogelzug dafür verantwortlich zu machen, reiche ihm nicht. Eher sehe er menschliches Versagen als Grund dafür, dass auch in großen geschlossenen Stallanlagen wiederholt die Geflügelpest festgestellt wurden. „Die Stallpflicht kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, um die Gefahr einzudämmen“, argumentiert er.

Agrarminister Till Backhaus (SPD) hält an der Stallpflicht fest, auch wenn Niedersachsen und weitere Bundesländer Landkreisen empfohlen haben, die Schutzmaßnahmen zu lockern oder ganz aufzuheben. „Für die Tierhalter ist das sicherlich eine gute Nachricht. Mir persönlich bereitet das große Bauchschmerzen“, sagt Backhaus. Er fordert bundesweit einheitliche Regelungen.

Piehl als Chef der Rassegeflügelzüchter im Land kennt die Kritik der Verbandsmitglieder. Viele könnten die seit bald drei Monaten anhaltende Stallpflicht nicht mehr nachvollziehen. Gleichwohl verstehe er auch die Empfehlung des Friedrich-Loeffler-Instituts, die Tiere weiterhin vor Wildvögeln abzuschirmen. Schröder hat sich entschlossen, jetzt die ersten Eier ausbrüten zu lassen. „Wenn ich es jetzt nicht tue, kann ich gleich für immer mit der Zucht aufhören“, befürchtet er. Bald sei es zu spät: „Dann können sich die Jungtiere bis zum Herbst nicht mehr komplett für die Ausstellungen entwickeln.“

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