Piratengeschichten : Zweifel am Mythos Störtebeker

Der angebliche Schädel des Freibeuters  und die Nachbildung seines Kopfes sind  im Museum für Hamburgische Geschichte in Hamburg ausgestellt.
1 von 2
Der angebliche Schädel des Freibeuters und die Nachbildung seines Kopfes sind im Museum für Hamburgische Geschichte in Hamburg ausgestellt.

„A-Promi des Mittelalters“: Greifswalder Historiker stellt Überlieferungen zum bekannten Seefahrer aufgrund historischer Fakten in Frage

svz.de von
19. November 2014, 08:00 Uhr

Der legendäre Pirat Klaus Störtebeker war aus Sicht des Greifswalder Historikers Christian Peplow ein „A-Promi des Mittelalters“. Kaum einem anderen Seefahrer werde eine derartige mediale Aufmerksamkeit zuteil wie dem Freibeuter des späten 14. Jahrhunderts. Auf Grundlage eigener Forschungen hegt Peplow indes Zweifel daran, wie viel von der überlieferten Volkssage mit historischen Fakten übereinstimmt.

„Die Volkssage ist der typische Versuch, sich an Mythen entlangzuhangeln, das gibt Festigkeit“, sagt Peplow. „Bürger gegen Obrigkeit“, das Auflehnen gegen eine gesellschaftliche Ordnung – das gefalle den Menschen, „weil es unsere eigenen Bilder bestätigt“. Dabei gibt es über das Leben des bekanntesten Seeräubers kaum verbürgte Quellen. Vermutlich hat das dazu geführt, dass sein Leben in Erzählungen ausgeschmückt wurde. Er soll 1360 geboren und 1401 in Hamburg geköpft worden sein. Ähnlich wie das Gefolge Robin Hoods knüpften Störtebekers „Likedeeler“ (Gleichteiler) das Geld nur reichen Kaufleuten ab. Die Vermarktung seines Mythos begann Ende des 17. Jahrhunderts mit einem Kupferstich, der Störtebeker mit Vollbart und Barrett zeigt. Tatsächlich war dies das Porträt eines Hofnarren von Kaiser Maximilian. Noch mehr tragen touristische Projekte dazu bei, die Volkssage zu verfestigen. Die ostfriesischen Gemeinden Marienhafe, Großheide und Hage haben sich zum Tourismusverband Störtebekerland zusammengeschlossen. Vor dem Rathaus der Stadt Verden wird jährlich mit vier Fässern Hering und 530 Broten die Störtebeker-Spende inszeniert. Und auf Rügen haben die Störtebeker-Festspiele seit 1993 über 6,5 Millionen Besucher gezählt.

„Wir wissen nicht einmal, ob die zeitgenössischen Gerichtsakten und Archivdokumente sich überhaupt auf einen Mann namens Klaus Störtebeker beziehen“, so Peplow. Neuere Forschungen legten nahe, dass die Quellen einen Mann namens Johann Stortebeker meinen, der das Danziger Stadtrecht angenommen hatte und dort als Kaufmann und Kapitän tätig war. Der Name Johann Stortebeker findet im Gegensatz zu einem Klaus Störtebeker in historischen Quellen mehrfach Erwähnung, erstmals in deutschen Gerichtsakten im April 1405. Demzufolge wurde Johann Stortebeker zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er eine Handelssperre preußischer Städte gegen England missachtet haben soll. Im Hinblick auf die Quellenlage spreche einiges dafür, die Geschichten und Berichte um den Piraten Klaus Störtebeker dem Danziger Johann Stortebeker zuzuschreiben, sagt Peplow.

Sollten sich die Erkenntnisse bestätigen, dann ist Störtebeker nicht 1401 auf dem Hamburger Grasbrook hingerichtet worden. Außerdem wäre „Nicolao Störtebeker“ aus dem Wismarer „Verfestungsbuch“, das Aufzeichnungen über die von einem Gericht ausgesprochenen Ächtungen enthält, nicht mit dem Piratenkapitän identisch. Auch die Zuschreibung eines berühmten Schädels aus dem Museum für Hamburgische Geschichte wird damit hinfällig - er gehörte einem namenlosen Hingerichteten des Mittelalters. Den Piraten Klaus Störtebeker hätte es nach diesen Erkenntnissen vermutlich nicht gegeben.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen