Erziehungshilfe : Zwei Millionen fehlen – und nun?

„Die Arbeisweise einiger weniger Mitarbeiter ist schuld.“ Landrat Rolf Christiansen (l.) und sein 1. Stellvertreter Wolfgang Schmülling gestern im Pressegespräch.
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„Die Arbeisweise einiger weniger Mitarbeiter ist schuld.“ Landrat Rolf Christiansen (l.) und sein 1. Stellvertreter Wolfgang Schmülling gestern im Pressegespräch.

Kosten für Erziehungshilfen im Landkreis zwei Millionen Euro höher als erwartet - Dissens zwischen Verwaltungsspitze und Mitarbeitern

svz.de von
18. November 2014, 08:00 Uhr

Eine Zwei-Millionen-Lücke klafft im Etat des Landkreises beim Bereich Erziehungshilfen. Was im Kreistag noch still durchgewunken wurde, sorgt jetzt für Grabenkämpfe zwischen Verwaltungsspitze und Mitarbeitern im Jugendamt. Was ist aus dem Ruder gelaufen?

Landrat Rolf Christiansen (SPD) hängt den Fall niedrig: Ein Skandal sei es sicher nicht, aber es gebe das „eine oder andere Problem.“ Christiansen: „Wir sind an einer Lösung dran.“ Alle Landkreise kämpfen mit teils drastisch höheren Ausgaben, weil die Zahl minderjähriger unbegleiteter Flüchtlinge – so der Begriff im Verwaltungsdeutsch – gestiegen ist. „Wir haben deutlich mehr Flüchtlinge als in der Vergangenheit, deshalb gibt es einen Mehrbedarf“, erklärt der Landrat. In Schwerin seien die Kosten sogar um vier Millionen Euro gestiegen.

Aber das allein erkläre die um 2,3 Millionen Euro höheren Pflicht-Ausgaben in Ludwigslust-Parchim nicht. Ungewöhnlich deshalb die öffentliche Schuldzuweisung an Mitarbeiter der Kreisverwaltung: Die „Arbeitsweise einiger weniger Kollegen“ sei kritikwürdig und werde Konsequenzen nach sich ziehen. Soll hier von Führungsfehlern abgelenkt werden? Der Verwaltungsvorstand habe sehr wohl Vorgaben gemacht, so Christiansen: „Die Maßnahmen sind aber nicht in der Form umgesetzt worden, wie wir es erwartet haben.“

Offenbar gehen die Sozialarbeiter in den Altkreisen Parchim und Ludwigslust auch drei Jahre nach der Kreisreform unterschiedliche Wege. Wolfgang Schmülling, zuständiger Beigeordneter: „Der Kreis ist auf diesem Gebiet noch keinekomplette Einheit. Diese Mehrausgaben fallen geographisch gesehen eher im Altkreis Ludwigslust an. Unser Hauptaugenmerk gilt aber der Einheitlichkeit.“

Haben die Jugendsozialarbeiter schlichtweg keine Zeit für Akten? Das sei es auch nicht, so Christiansen und Schmülling unisono. Es gebe keine „extrem zu hohen Fallzahlen“ und der Stellenplan bewege sich grundsätzlich im normalen Rahmen.

Auffällig sei eben, dass die Mehrausgaben sich auf den Altkreis Ludwigslust konzentrieren, ohne dass sich dort „Problemfälle ballen“. Einer der Gründe für die Dissonanz zwischen Verwaltungsspitze und Sozialarbeitern: Junge Erwachsene über 18 Jahre würden in Ludwigslust oft noch stationär untergebracht, während sie in Parchim betreut wohnen. Ein Heimplatz schlägt locker mit 4000 Euro pro Monat zu Buche. Die Frage ist also: Sollen 18-Jährige im Heim betreut werden oder nicht?

Landrat Rolf Christiansen: „Wir wollen niemandem die ihm zustehende Leistung vorenthalten, aber hier ist wohl ein bisschen zu viel behütet worden.“ Man müsse jungen Menschen auch die Chance geben, selbstständig zu werden: „Es muss möglich sein, ab 18 bei ambulanter Betreuung in der eigenen Wohnung zu leben.“ Ein weiteres Indiz für generell unterschiedliche Arbeitsweisen der Ämter seien die so genannten „nicht beschulbaren Kinder“. Christiansen: „Komischerweise gibt es sie nicht im Altkreis Parchim.“

Der Dissens ist indes noch nicht beigelegt. Die Gespräche mit den Sozialarbeitern hätten ergeben, dass „die Einsicht nicht da ist“, so Wolfgang Schmülling. Man müsse aber auch verstehen, dass in Zeiten misshandelter Kinder die Tendenz für mehr Obhut da sei: „Hinter jedem Mitarbeiter steht in Zeiten von Lea-Sophie und Kevin ein Staatsanwalt.“

Vorwürfe, dass Controlling und Verwaltungsspitze versagt hätten, weisen Christiansen und Schmülling zurück. Immerhin habe das Controlling die Lücke erst aufgedeckt. Erste Hinweise habe es im Sommer gegeben, aber nicht in der jetzigen Dimension. Die CDU möchte die Kreisspitze nicht aus der Verantwortung entlassen.Fraktionsvorsitzender Wolfgang Waldmüller fand das Auftreten des Beigeordneten Wolfgang Schmülling im Fernsehen sogar unmöglich. So ein Führungsstil, der die Mitarbeiter in der Öffentlichkeit verurteile, sei in keinem Unternehmen üblich. „Wo ist hier das Controlling des Kreises geblieben? Da hätte man doch schon längst die Arme hochreißen müssen. Das Problem mit den ausufernden Kosten haben doch alle Landkreise, und explosionsartig sind die Kosten auch nicht gestiegen.“

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