Pechstein - Schmidt-Rotluff : „Zwei Männer – ein Meer“

Die Seite eines Fotoalbums des Malers Max Pechstein, dahinter das Pechstein-Bild „Mäher“
Die Seite eines Fotoalbums des Malers Max Pechstein, dahinter das Pechstein-Bild „Mäher“

Greifswald zeigt 2015 Ausstellung über Max Pechsteins und Karl Schmidt-Rotluffs Liebe zur Ostsee

svz.de von
21. November 2014, 11:45 Uhr

Ein Meer kann trennen oder verbinden. Im Falle der beiden einst eng im Geist verbundenen expressionistischen Maler Max Pechstein (1881-1955) und Karl Schmidt-Rotluff (1884-1976) entfaltet das Wasser keine neue, sie wieder verbindende Magie. In einem Sommer Ende der 30er-Jahre rudern die früheren Malerkollegen der Künstlergruppe „Brücke“ – zufällig zeitgleich auf dem Lebasee an der hinterpommerschen Ostseeküste – schweigend aneinander vorbei. Bruno Müller-Linow, der mit Schmidt-Rotluff in einem Kahn saß, beschrieb 1972 die Begegnung so: „Es fiel kein Wort. Kein Zeichen des Grußes. Wir schwiegen. Die Barsche bissen nicht. Pechstein fuhr vorüber. Der See war groß. Die Libellen spielten. Pechsteins Boot wurde immer kleiner.“

Diese Nicht-Begegnung der beiden einstigen Freunde hat die Leiterin der Gemäldegalerie des Pommerschen Landesmuseums, Birte Frenssen, elektrisiert. Über drei Jahre hinweg recherchierte die Kunsthistorikerin den Werdegang der beiden Künstler, „die in der ,Brücke‘ den Weg gemeinsam beginnen, es dann zum Bruch kommt, aber später immer dieselben Regionen an der Ostsee aufsuchen, ohne sich zu begegnen“, wie die Ausstellungskuratorin berichtet.

Zum 110. Gründungsjubiläum der „Brücke“ im kommenden Jahr leistet das Pommersche Landesmuseum mit der Ausstellung „Zwei Männer – ein Meer. Pechstein und Schmidt-Rotluff an der Ostsee“ einen ganz eigenen Beitrag zur Würdigung der Expressionisten – aufgeladen mit einem spannenden Regionalbezug. Schon 2010 gelang eine besondere Ausstellung, als sich das Museum unter dem Thema „Die Geburt der Romantik“ den drei in Pommern geborenen Malern Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge und Friedrich August von Klinkowström zuwandte. In der Expressionismus-Schau werden nun mehr als 100 Werke von Pechstein und Schmidt-Rotluff gezeigt, darunter rund 60 Gemälde, viele von ihnen erstmals in der Entstehungsregion an der Ostsee. Der kleinste Teil der Ausstellungsstücke kommt aus dem eigenen Bestand. Leihgaben stellen Museen in Berlin, Essen, München und Hamburg. Aus Privatbesitz kommen weitere Werke.

In den Fokus der Ausstellung rücken die Motive an der Ostsee: Akte in Dünen, Fischerboote, Landschaften. Die pommerschen und kurischen Motive machen nach Schätzungen Frenssens allein bei Pechstein  mehr als die Hälfte des Gesamtwerkes aus. Über  zwei Jahrzehnte verbrachten die beiden Maler das Sommerhalbjahr an der Küste – oft nur wenige Kilometer voneinander entfernt.

Die Ausstellung gewährt zudem auch einen Blick in das Schaffen der Künstler, der bislang der Öffentlichkeit verschlossen blieb. Die Familie von Max Pechstein steuerte alte Fotoalben mit Bildern von Pechstein bei. Die Aufnahmen von Fischern, Kuttern oder Bauern dienten ihm als Erinnerungshilfen im Atelier. Viele Fotomotive scheinen aus seinen Werken bekannt. Frenssen gelang es, anhand der Fotografien im Zusammenhang mit Pechstein und Schmidt-Rotluff bislang unbekannte Quartiersgeber in Hinterpommern zu identifizieren und biografische Lücken zu schließen. Sie ist sich sicher, dass die jahrzehntelange Distanz der einstigen Malerfreunde nicht nur aus dem spektakulären Bruch der Künstlergruppe „Brücke“ in den Jahren 1912 und 1913 zu erklären ist, sondern auch aus der gleich gelagerten Liebe zur pommerschen Landschaft. „Man wollte sich nicht treffen, sich nicht beeinflussen, weil die Gefahr bestand, dass Themen, die der andere gestaltet hat, tabu werden könnten“, sagt Frenssen.

Mit der deutschen Teilung nach Kriegsende wird Pommern für Pechstein und Schmidt-Rotluff, die ihren Lebensmittelpunkt in West-Berlin haben, zum Tabu. Die Ostsee in Schleswig-Holstein scheint nur ein schaler Ersatz. Zu eng, zu viele Menschen, klagt Pechstein: „Was ist das gegen meine Arbeitswut im geliebten Pommern, ich komme nicht darüber hinweg, das unverfälschte Leben … fehlt mir.“


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