KMG Klinikum Güstrow : Zurück aus der Welt der Stille

Prof. Dr. Tino Just (links) untersucht Frank Hermanowski. Der hochgradig Schwerhörige aus Waren lässt sich in  wenigen Wochen ein Cochlea Implantat einsetzen.  Fotos: karin koslik
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Prof. Dr. Tino Just (links) untersucht Frank Hermanowski. Der hochgradig Schwerhörige aus Waren lässt sich in wenigen Wochen ein Cochlea Implantat einsetzen. Fotos: karin koslik

Ein Cochlea Implantat gibt hochgradig Hörgeschädigten Lebensqualität zurück. So auch vielen Patienten aus MV

svz.de von
24. August 2016, 06:25 Uhr

Alles begann vor drei Jahren mit einem Hörsturz. „Bis dahin konnte ich noch hervorragend hören“, beteuert Silke Westphal. Doch dann waren plötzlich die hohen Töne weg. Und es ging kontinuierlich weiter bergab, nach mehreren Hörstürzen hatte sie schließlich auf beiden Ohren nur noch weniger als 20 Prozent Hörvermögen. Auch mit Hörgeräten ließ sich das nur eine Zeit lang ausgleichen. Zuzuhören wurde zur Schwerstarbeit. „Ich habe dann Lippen gelesen und versucht, mir zusammenzureimen, was mein Gegenüber gesagt hat“, erinnert sich die heute 48-Jährige, die in Lüssow unweit von Güstrow zu Hause ist.

Telefonieren konnte sie irgendwann gar nicht mehr, erzählt Silke Westphal. Die Kollegen im Finanzamt hätten es sie zwar nie spüren lassen, wie problematisch ihre hochgradige Schwerhörigkeit war, sagt sie voller Dankbarkeit. Dennoch hätte das schwindende Hörvermögen bei ihr schließlich auch zu psychischen Problemen geführt: „Ich fragte mich, was ich überhaupt noch wert bin. Für Kollegen und Familie war ich doch nur noch eine Last…“

Von ihrer Hals-Nasen-Ohren-Ärztin bekam Silke Westphal schließlich den rettenden Hinweis: Ein Cochlea Implantat (CI), eine Innenohr-Prothese, die mit einem per Magnet außen am Kopf befestigten Sprachprozessor verbunden ist, könnte ihr das Hörvermögen zurückgeben.

„Ich bin eine kleine Bangbüx“, gesteht Silke Westphal rückblickend, die Entscheidung für die Operation habe sie sich deshalb nicht leicht gemacht. „Aber dann habe ich mir gesagt, ich mache das jetzt, denn ich möchte wieder am Leben teilhaben, ich möchte wieder dabei sein.“

Im März wurde sie schließlich von Prof. Dr. Tino Just im Güstrower KMG Klinikum operiert. „Das ,Einbauen‘ des Cochlea Implantates dauert nur anderthalb Stunden, es ist eine hoch standardisierte und daher ungefährliche Operation“, betont der Spezialist. Die Anpassung des Gerätes sei allerdings ein lebenslanger Prozess. Gleich im Anschluss an die Operation wieder alles und ohne Einschränkungen hören zu können, sei eine Erwartung, die sich nicht erfüllen ließe. Patienten benötigten einen längeren Rehabilitationsprozess, in dem sie zum Beispiel wieder lernen würden, Geräusche zu differenzieren, so Just. Dafür gebe es Spezialeinrichtungen wie das ebenfalls in der Barlachstadt gelegene Cochlea-Implantat-Centrum „Ernst Lehnhardt“.

Auch Silke Westphal hat hier schon die ersten Reha-Abschnitte absolviert. Inzwischen klingt das, was sie hört, dank der Hilfe der Therapeuten wieder ganz natürlich. Und: Die Lüssowerin kann wieder Gespräche verfolgen – auch solche, die hinter ihrem Rücken stattfinden. „Alltagsgeräusche wie Husten oder Niesen wirken für mich aber noch immer störend“, erzählt sie. Im nächsten Reha-Abschnitt soll daran gearbeitet werden. Bis dahin macht Silke Westphal „Hausaufgaben“ und hört so oft es geht Radio. „Die Nachrichten kann ich schon verstehen“, erzählt sie, „und ich erkenne auch einzelne Musiktitel wieder, die ich früher gerne gehört habe.“ „Das Gehör entwickelt sich langsam immer weiter“, macht Prof. Just Silke Westphal Mut durchzuhalten. Ihr großer Wunsch, wieder ohne Einschränkungen Musik hören zu können, werde sich bestimmt bald erfüllen.

Wichtigste Voraussetzung für den Einbau eines Cochlea Implantats ist dem Mediziner zufolge, dass der Hörnerv noch stimulierbar ist. „Und der Hörverlust sollte möglichst nicht länger als 20 Jahre her sein“, ergänzt der Chefarzt. Altersgrenzen dagegen gebe es nicht: Der jüngste Patient, dem er eine Innenohr-Prothese eingesetzt hat, sei gerade einmal zwölf Monate alt gewesen, der älteste schon über 80.

Der Patient, der ihm momentan am meisten am Herzen liegt, ist 23 – und nur durch einen schicksalhaften Zufall bei ihm im OP gelandet. 16 Jahre lang lebte Jan Hermanowski in einer Welt ohne Töne. Weil er an der normalen Grundschule nicht mitkam, musste der Junge an die Hilfsschule wechseln. Und als sich herauskristallisierte, dass Hörprobleme Ursache seiner Lernrückstände waren, kam der Warener schließlich an eine Gehörlosenschule und wechselte nach deren Abschluss in eine Behindertenwerkstatt, erzählt Prof. Just. Zu dieser Zeit umgab den Jungen schon lange völlige Stille, denn „bei ihm stieß die Hörgeräteversorgung an ihre Grenzen“..

Die Wende im Leben des jungen Mannes leitete schließlich ein tragischer Unfall ein. Weil er es nicht herankommen hörte, lief Jan Hermanowski in diesem Frühjahr in ein Auto – und landete schwer verletzt im Güstrower Klinikum. Die Ärzte, die ihn dort versorgten, zogen Prof. Just mit hinzu – und der setzte dem Warener schließlich, nachdem seine Verletzungen verheilt waren, ein Cochlea Implantat ein. „Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum das nicht schon längst passiert war“, sagt der Arzt rückwirkend und nicht ohne Ärger. „Solche Geräte sind schon länger am Markt, und Jan Hermanowski erfüllte alle Voraussetzungen, um ein Cochlea Implantat eingesetzt zu bekommen. Warum man Menschen diese Technologie vorenthält, warum man ihnen so Lebenschancen verbaut – das verstehe ich nicht“, meint Prof. Just. Jetzt beobachte er voller Freude, wie sein Patient wieder auflebt und mit wachsendem Wortschatz auch damit beginnt, geistige Potenziale auszuschöpfen, die niemand bei ihm vermutet hat. „Mein größter Wunsch wäre, dass Jan aus der Behindertenwerkstatt herauskommt und einen Beruf erlernen kann, Hilfskoch oder Koch zum Beispiel, dafür interessiert er sich sehr“, sagt der Chefarzt. So weit er kann, will er den Warener zusammen mit seinem Team dabei unterstützen.

Heute, so Professor Just, würde niemand mehr derartig „durch das Raster fallen“, das stellt das Neugeborenenscreening auf Hörstörungen sicher. Und auch bei älteren Hörgeschädigten verbreitet sich das Wissen über Cochlea Implantate immer mehr. Jan Hermanowskis Vater Frank zum Beispiel will sich noch in diesem Herbst ebenfalls ein solches Implantat einsetzen lassen.

Silke Westphal denkt derweil schon weiter. Mit einer Freisprecheinrichtung kann sie bereits wieder telefonieren. „Aber es gibt da so ein Zusatzgerät, über das ich meinen Sprachprozessor mit dem Telefon verbinden kann – damit würde ich keinen mehr stören, wenn ich andere anrufe…“ Ein weiterer Schritt in Richtung Normalität.

Cochlea-Implantat

Ein Cochlea-Implantat (CI) ist eine Innenohrprothese, die unter Vollnarkose eingesetzt wird. Voraussetzung ist ein intakter Hörnerv. Das CI wandelt Schallwellen in elektrische Impulse um.

Beim Einsetzen wird eine Elektrode in die Hörschnecke (lateinisch: Cochlea) eingeführt, die dort die Aufgabe der defekten Haarzellen übernimmt. Bei der Operation wird eine Vertiefung in den Schädelknochen gefräst und durch das Felsenbein gebohrt. Außen sichtbar sind das Mikrofon mit Sprachprozessor und die magnetisch am Kopf befestigte Sendespule, die Höreindrücke zum Implantat überträgt.

In Deutschland werden in spezialisierten Zentren jährlich mehr als 3000 Cochlea-Implantate eingesetzt. Einige CI -Träger sprechen davon, dass sie mit dem Implantat sofort wieder hören konnten. Das Gros aber muss erst wieder hören lernen. Vor allem, wenn sie lange nicht hören konnten, müssen sie sich erst wieder an diese Sinneseindrücke erinnern.

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