zur Navigation springen

Diabetes-Innovationszentrum Karlsburg : Zurück an die Weltspitze

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In Karlsburg wurde am Montag Richtfest für ein Diabetes-Innovationszentrum gefeiert / Das vorpommersche Klinikum knüpft damit an Erfolge zu DDR-Zeiten an

svz.de von
erstellt am 19.Jan.2015 | 20:27 Uhr

Es war einmal ein kleines Dorf in Vorpommern, das in einem Atemzug mit der US-amerikanischen Großstadt Boston genannt wurde. Denn Karlsburg, zwischen Greifswald und Anklam gelegen, war nicht nur die Leiteinrichtung für die medizinische Behandlung von Diabetikern in der gesamten DDR. Karlsburg war neben Boston auch eine der weltweit ersten Therapieeinrichtungen, die sich seit den 50er-Jahren auf die Behandlung der Stoffwechselerkrankungen spezialisiert hatten. Als europäische Pionierleistung ging die Behandlung nierenkranker Diabetiker in Karlsburg in die Geschichte ein. Im Oktober 1969 bekam hier erstmals ein Diabetespatient außerhalb der USA eine Blutwäsche.

Jetzt will das Klinikum Karlsburg, das seit 1994 zur Hamburger Dr. Guth-Gruppe gehört und in den letzten beiden Jahrzehnten vor allem in den Ausbau seines Herzzentrums investiert hatte, an die Tradition aus DDR-Zeiten anknüpfen – und bei der Behandlung von Diabetikern an die Weltspitze zurückkehren. Dazu wurde gestern auf dem Klinikgelände Richtfest für ein Diabetes-Innovationszentrum gefeiert, das noch in diesem Jahr in Betrieb gehen soll – und das bundesweit seinesgleichen sucht.

In erster Linie werden in dem neuen Zentrum Diabetiker mit chronischen Wunden und Infektionen behandelt, allen voran Patienten mit dem „diabetischen Fußsyndrom“. Bei jedem vierten Diabetiker entwickeln sich im Laufe seiner Erkrankung Läsionen an den Füßen oder den Unterschenkeln, erklärt Dr. Jörg Reindel, Oberarzt an der Klinik für Diabetes und Stoffwechselkrankheit des Klinikums Karlsburg. Mediziner sprechen dann vom diabetischen Fußsyndrom.

Aktuell gibt es deutschlandweit offiziell 6,5 Millionen Menschen, die an der Stoffwechselerkrankung leiden. Die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher liegen, so Reindel, diskutiert würden bis zu zehn Millionen. Mit dem Diabetes einhergehende Nervenschädigungen und Durchblutungsstörungen führten bei vielen von ihnen dazu, dass sie Verletzungen gar nicht bemerken und erst dann zum Arzt gehen, wenn sich große und tiefe Löcher gebildet haben, die nicht mehr von allein heilen. Bei vielen von ihnen wird dann amputiert. Jährlich erleiden 30 000 bis 40 000 Diabetiker in Deutschland dieses Schicksal, so Dr. Reindel. „Die Hälfte davon sind Majoramputationen, werden also oberhalb des Sprunggelenks vorgenommen im Sinne einer Unter- bzw. Oberschenkelamputation.“

Nachweislich seien aber längst nicht alle Amputationen bei Diabetikern medizinisch notwendig. Ausschlaggebend für den Extremitätenerhalt sei, dass rechtzeitig und vor allem interdisziplinär mit der Behandlung begonnen werde, betont der Experte – und dass man die Geduld für die mehrmonatige Behandlung aufbringe. In Karlsburg arbeiten Diabetologen bei der Behandlung des diabetischen Fußsyndroms mit Neurologen, Gefäßspezialisten, Chirurgen, Mikrobiologen, medizinischen Fußpflegern und Orthopädie-Schuhmachern zusammen.

Auch im neuen Diabetes-Innovationszentrum soll das so gehandhabt werden. Dort wird außerdem in besonderem Maße auf begleitende Infektionen geachtet. Bereits bei der Aufnahme der Patienten wird in einem Screening geklärt, ob sie mit Multiresistenten Erregern (MRSA-Keimen) infiziert sind – in diesem Fall werden sie von anderen Kranken isoliert und von einem separaten Schwesternteam behandelt.

Insgesamt werden im Klinikbereich des Zentrums 26 Patientenbetten zur Verfügung stehen. Im Basisgeschoss des 2000-Quadratmeter-Neubaus entstehen ein OP-Saal, Labore, Seminar- und Arbeitsräume für Wissenschaftler und Studenten.

„Mit unserem Projekt wollen wir Diabetesbehandlung und Diabetesforschung entscheidend voranbringen und die lange Tradition fortschreiben, die von dem Greifswalder Wissenschaftler Gerhardt Katsch 1930 begonnen wurde“, unterstreicht Prof. Dr. Wolfgang Motz, Ärztlicher Direktor des Klinikums Karlsburg. Das neue Zentrum eröffne Wissenschaftlern und Medizinern die Möglichkeit, gemeinsam an neuen Therapieansätzen zu arbeiten, um die schweren Folgeerkrankungen des Diabetes mellitus in den Griff zu bekommen. So könnten in Karlsburg künftig neue Behandlungsansätze unter optimalen Bedingungen entwickelt und erprobt und gegebenenfalls schnell in die klinische Praxis überführt werden.

Vereinbart sei beispielsweise schon eine Zusammenarbeit mit dem Greifswalder Leibnitz-Institut für Plasmaforschung und Technologie. „Wir wollen die Plasmamedizin in die Behandlung, insbesondere von chronischen Wunden integrieren und so eine beschleunigte Wundheilung erreichen“, erläutert Prof. Motz. Auch ein Einsatz der Stammzelltherapie sei denkbar.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen