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Mecklenburg-Vorpommern

25. November 2017 | 10:39 Uhr

Report : Zur Prostitution gezwungen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Hunderte von Frauen werden in Deutschland dazu gedrängt, ihre Körper zu verkaufen / Dunkelziffer wesentlich höher/ Politik ist alarmiert

Auch als Marina klar wird, dass sie mit Männern für Geld schlafen soll, träumt sie noch den Traum eines kleinen Mädchens. Sie will einmal ein schönes Haus in ihrem Heimatland Rumänien und Kinder mit ihrem Freund. Das Geld dafür will die 16-Jährige in Deutschland verdienen. Ihr Freund hat ihr einen Job in einem Restaurant organisiert – zumindest hat der 30-Jährige das so gesagt.

In Berlin angekommen, eröffnet er ihr, was sie wirklich tun soll: Ihren Körper verkaufen. Marina ist kein Einzelfall. Hunderte von Mädchen und Frauen werden in Deutschland zur Prostitution gezwungen. Die Politik hat das Problem erkannt – die schwarz-rote Bundesregierung will nun das Prostitutionsgesetz verschärfen, so steht es im Koalitionsvertrag. Frauenministerin Manuela Schwesig (SPD) kündigte kürzlich eine Expertenanhörung im Juni an. Doch einfache Lösungen gibt es nicht, wie das Beispiel Marina zeigt.

Die 16-Jährige reagiert geschockt auf den Vorschlag ihres Freundes. Sie versucht sich zu weigern, doch er baut Druck auf. Er hat Fotos von ihr, wie sie nackt posiert. Da er ihr Freund ist, hat sie sich von ihm fotografieren lassen – aus Spaß, wie sie dachte. Er droht, die Fotos auf Facebook zu stellen. Die 16-Jährige willigt schließlich ein. Ihr Leben als Escort-Hure in Berlin beginnt. „Wir sprechen hier nicht von Luxus-Escort“, sagt Margarete Muresan von der Hilfsorganisation In Via.

Sie erzählt die Geschichte von Marina, die eigentlich anders heißt. Muresan hat das Mädchen bei ihrem Weg aus der Zwangsprostitution betreut. Männer konnten Marina im Internet buchen, für eine halbe Stunde oder für die ganze Nacht, für zu Hause oder fürs Hotelzimmer. Diese Form der Prostitution ist besonders gefährlich, weil die Frauen leicht in bedrohliche Situationen kommen, ohne dass es zum Beispiel – wie in vielen Bordellen – einen Türsteher gibt, der dazwischengehen kann.

Oft bringt Marinas Freund sie persönlich zu den Freiern. Er ist ständig präsent, kontrolliert das Mädchen. Wenn Marina mit ihrer Mutter telefoniert, ist er im Raum. Sie lügt, wie gut es ihr in Deutschland geht. Das Geld, das sie verdient, muss sie an ihn abgeben. Die 16-Jährige bekommt nichts. Die Arbeit strengt sie immer mehr an – körperlich und psychisch.

In Rumänien ist Prostitution verpönt, Marina schämt sich. Sie will nicht mehr mit Männern schlafen müssen. Da hilft ihr Freund mit Schlägen nach. Später gibt er ihr Kokain, damit sie länger durchhält.

Zwangsprostitution ist ein sogenanntes Kontrolldelikt, wie es im BKA-Lagebildbericht 2012 heißt. Das bedeutet, dass viele Fälle erst durch Kontrollen der Polizei auffliegen. Weniger häufig wenden sich die Frauen von sich aus an die Polizei. Denn sie haben oft Angst vor ihren Zuhältern, die sie schlagen. Oder Angst, dass sie Ärger mit dem Gesetz bekommen. Sie wissen nicht, dass Prostitution in Deutschland erlaubt, Zwangsprostitution jedoch illegal ist.

Laut BKA-Bericht arbeiteten 2012 die meisten Zwangsprostituierten in Bars und Bordellen (50 Prozent), in Privatwohnungen (32 Prozent) oder auf dem Straßenstrich (13 Prozent). Wenige landen im Escort-Bereich (5 Prozent). Gut jedes zweite Opfer war jünger als 21 Jahre alt, etwa jedes sechste minderjährig. 46 Prozent der Frauen und Mädchen waren Rumäninnen oder Bulgarinnen, 21 Prozent Deutsche.

Marina hat ihren Freund in Rumänien über Facebook kennengelernt. Sie chatten, flirten, er macht ihr Komplimente. Nach einiger Zeit erstirbt jedoch der Facebook-Kontakt - dann treffen sich die beiden zufällig in der Stadt, in der sie lebt. Sie gehen eine Beziehung ein. Niemanden stört es. Marinas Vater ist tot, mit ihrer Mutter spricht sie nicht über ihre Pläne, nach Deutschland zu gehen.

„Es gibt einen Unterschied zwischen Prostitution und Menschenhandel“, betont Marinas Beraterin Muresan. Nicht jede Prostituierte sei auch gleich eine Zwangsprostituierte. Muresan ist zwar dafür, das Leben von Prostituierten zu erleichtern, jedoch müsse klar sein: „Bekämpfung von Menschenhandel und Änderung des Prostitutionsgesetztes sind immer noch zwei unterschiedliche Sachen.“

Das Ende von Marinas Leidensgeschichte beginnt mit einer bitteren Erkenntnis: Nach Monaten in Berlin findet sie heraus, dass ihr Freund auch andere Mädchen zu Männern schickt. Als er für ein paar Tage die Stadt verlässt, nimmt Marina Reißaus. Der Aufpasser, den ihr Freund auf sie angesetzt hat, ist unachtsam. Sie läuft weg, erstattet Anzeige bei der Polizei. Es kommt zu einem Prozess, Marina muss gegen ihren „Freund“ aussagen. Er wird zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Da Marina Rumänin ist, also EU-Bürgerin, darf sie in Deutschland bleiben. Sie hat außerdem nichts Illegales getan. Sie versucht nun, Deutsch zu lernen und einen Job zu finden. Nach Rumänien zurück will sie nicht - dort hätte sie kein Geld, und sie müsste die psychische Last tragen, in Deutschland ihren Körper verkauft zu haben. Damit müsste sie in ihrem Heimatland fertig werden. Alleine.

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