„Schmeichelgarne“ aus MV : Zum Stricken um die halbe Welt

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Arbeitsbesprechung: Thorsten Duit, Britta Kremke und Ayano Tanaka tauschen Tipps aus.
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Arbeitsbesprechung: Thorsten Duit, Britta Kremke und Ayano Tanaka tauschen Tipps aus.

Designer aus Dänemark und Japan entwerfen bei der Firma „Schmeichelgarne“ in MV neue Kreationen – und fühlen sich wie im Wollparadies.

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12. Mai 2018, 05:00 Uhr

Der Nyboe-Knoten! So soll er heißen. Was klingt, wie ein skandinavisches Gericht, ist ein neues Strickmuster. Gerade wurde es erfunden. Auf einer Wiese bei Parchim von Kerstin Nyboe. Die Dänin ist eine von vier Woll-Designern aus Deutschland, Dänemark und Japan, die für das Unternehmen „Schmeichelgarne“ mehrere Wochen in Mecklenburg-Vorpommern zu Gast sind.

Mindestens 50 verschiedene Knäule liegen auf dem Tisch im Schatten der zwei großen Bäume. Vögel zwitschern, leise klappern die Stricknadeln. „Die vier Kreativen sollen hier gemeinsam arbeiten, sich inspirieren, sich wohlfühlen, erholen“, sagt Britta Kremke. Über ihr Online-Geschäft schmeichelgarne.de verkauft die 54-Jährige hochwertige Wolle in die ganze Welt. Dabei ist sie immer auf der Suche nach dem Neuen, nach dem besonderen Etwas. So kam ihr die Idee zu dem Projekt „Designers in Residence für Strickdesigner“.

Yuri Nagaoka strickt, seit  ihrem 13. Lebensjahr.
Lisa Kleinpeter
Yuri Nagaoka strickt, seit ihrem 13. Lebensjahr.

Wie bei einem „Artists in Residence“-Stipendium werden für die Teilnehmer sämtliche Reise- und Unterbringungskosten übernommen, erklärt Kremke. „Die vier dürfen hier nach Herzenslust in der Wolle schwelgen und für ihre Projekte auswählen, was ihnen gefällt.“ Ziel ist es, dass jeder am Ende ein bis zwei Entwürfe mit Anleitung fertig hat, die Kremke über ihre Website für Wollliebhaber zur Verfügung stellen kann.

Für Thorsten Duit ist das Projekt ein Traum. Noch nie habe der Kölner Designer so ein großes Wolllager gesehen, wie bei Kremke, gesteht er. „Es ist wie auf einer goldenen Hochzeit, bei der man vor dem Buffet steht und nicht weiß, womit man anfangen soll“, beschreibt es der 48-Jährige. In der Halle von Schmeichelgarne lagern weit über sechs Tonnen Wolle. 100 verschiedene Sorten in 3000 Farben: Babyalpaka, Maulbeerseide, feinste Merinowolle, edles Leinen, luxuriöses Kaschmir, Öko-Wolle und handgefärbte Garne aus Fairtrade-Projekten.

Das kann einen Woll-Junkie, wie Duit sich selbst nennt, schon einmal überfordern. „Ich fange mein Tuch in zweifarbigem Patent jetzt zum achten Mal an“, sagt er, während er mit den Nadeln blitzschnell Masche um Masche aufnimmt. Vor allem kontrastreiche Farbe mag er. Mit seinen YouTube-Tutorials zum Stricken zieht der Kölner regelmäßig weit über 5000 Zuschauer vor die Laptops.

Beim zweifarbigen Patent strickt man jede Reihe doppelt.
Lisa Kleinpeter
Beim zweifarbigen Patent strickt man jede Reihe doppelt.

Auch die nächsten Tage will er mit der Kamera begleiten. Heute wird er ein Interview von Kerstin Nyboe aufnehmen. Die 56-Jährige ist in Dänemark für Handstrick-Design bekannt. Ihre skandinavische Mode ist schick und schlicht, aber immer mit einem besonderen Twist. Die Nadeln legt sie nur selten zur Seite, erzählt sie auf Englisch. „Wenn ich nichts zu tun habe, habe ich das Gefühl, ich bin faul.“ Kein Wunder also, dass sie selbst mit geschlossenen Augen stricken kann. Und genau dieses Talent vermittelt sie blinden Menschen. „Ich zeige ihnen, wie sie die Maschen fühlen“, sagt Nyboe und legt ihre Nadeln nieder. „Das Stricken gibt einem so viel. Es beruhigt. Man kann seine Gedanken fliegen lassen.“

Intensiv rosa leuchtet das Stück Stoff, dass vor Yuri Nagaoka auf den Schoß liegt. Was genau es wird, will die Japanerin noch nicht verraten. Ihre Fans können jeden Tag im Internet den Strickfortschritt verfolgen und mitraten, was aus der rosa Wolle wird. Dass Nagaoka einmal in Deutschland stricken wird, damit hatte die 43-jährige nicht gerechnet. Sie kann kein Deutsch und kein Englisch, weshalb ihre Freundin Ayano Tanaka sie begleitet. Japanisch, klassisch, reduziert, zeitlos – so lässt sich die Mode der beiden Frauen beschreiben. „Ich finde die Landschaft so inspirierend“, schwärmt Nagaoka. „Ich lerne jeden Tag etwas Neues dazu.“

Was genau, wird sich auch in den Strickanleitungen wiederfinden, sagt Kremke. Und wer weiß, wenn alles gut läuft, soll sogar ein Buchprojekt aus den gemeinsamen Wochen entstehen.

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