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Mecklenburg-Vorpommern

25. November 2017 | 03:18 Uhr

Klimawandel : Zugvögel pfeifen auf den Süden

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

von
erstellt am 06.Okt.2014 | 07:50 Uhr

Auch Kinderlieder können irren. „Alle Vögel sind schon da, alle Vögel alle...“, heißt es in einem bekannten Liedtext von Hoffmann von Fallersleben zum Frühling. Und weiter: „Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar...“ Der Text aus dem Jahre 1835 liefert Kindern heute ein falsches Bild von der Natur. Amsel und Singdrossel sind im Frühjahr nicht „schon da“, denn sie fliegen im Winter zumeist nicht mehr weg.

Die Zeiten haben sich geändert. Immer mehr Zugvögel pfeifen auf den anstrengenden Flug in den Süden und werden Standvögel oder bevorzugen kürzere Strecken. ,.Diese Tendenz beobachten wir auch bei Staren, Milanen, Mönchsgrasmücken und vielen anderen“, sagt Klaus-Dieter Feige, Vorsitzender der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern.

Typischer Vertreter der neuen Reiseunlust ist die Amsel. Der einstige Zugvogel hat sich inzwischen zum winterharten Dauergast entwickelt. „Noch vor 100 Jahren war die Amsel ein scheuer Waldvogel, heute hat sie sich in unseren Städten und Dörfern so gut eingelebt, dass sie in fast jedem Garten zu beobachten ist“, erklärt Feige, der von 1990 bis 1994 für die Grünen im Bundestag saß. Die Amsel sei ein hervorragendes Beispiel für die Anpassungsfähigkeit unserer heimischen Vögel. Während sie sich im Sommer vorwiegend auf Regenwürmer spezialisiert hat, stellt sie ihre Ernährung im Winter vorwiegend auf Abfälle um. Und davon sind in den Städten auch im Winter reichlich vorhanden.

Andere Vogelarten wie die Kraniche machen es inzwischen vom Wetter und vom Nahrungsangebot abhängig, wann und ob sie Deutschland überhaupt verlassen. Der Bau von Biogasanlagen zog in den letzten Jahrzehnten einen verstärkten Anbau von Mais nach sich. Kraniche bevorzugen energiereichen Mais, den sie auf den Stoppelfeldern noch bis in den Winter finden, und bleiben länger. Selbst jene Kraniche, die sich auf die Reise in den Süden begeben, fliegen nicht mehr so weit wie noch vor Jahren. „Viele Kraniche überwintern in Frankreich statt in Südspanien“, sagt Feige. Die Flugroute hat sich damit um ein Drittel verkürzt.

Den Grund für die Reisemuffligkeit der einstigen Zugvögel sehen Naturschützer in den milder werdenden Wintern in Mitteleuropa sowie in dem gewachsenen Nahrungsangebot. Gegen die Kälte haben die Tiere verschiedene Strategien entwickelt. Fast alle fressen sich im Herbst eine Fettschicht an, die vor Minustemperaturen schützt. Schwanzmeisen bilden zudem bei großer Kälte gemeinschaftlich Kuschelkugeln, bestehend aus etwa 20 Vögeln, die sich gegenseitig wärmen.

Der Verzicht auf die lange Reise bringt laut Feige zahlreiche Vorteile für die Tiere: „Sie sparen die enorme Energie, die für den langen Flug notwendig ist.“ Außerdem gehen sie Gefahren aus dem Weg, die sie auf der Reise begleiten. Besonders im Mittelmeerraum werden Zugvögel gnadenlos gejagt. Von den älteren, erfahrenen Tieren kehren noch etwa 60 bis 90 Prozent zurück. Von den Jungtieren sind es nur knapp die Hälfte. Außerdem sind sie im Frühling die Ersten, die sich die besten Brutplätze aussuchen können.

Einen Verlierer der neuen Reiseunlust gibt es bereits, fanden Experten der Universität Göttingen heraus. Der Kuckuck hält sich nach wie vor streng an seinen genetisch vorgegebenen Flugplan in Richtung Afrika. Doch wenn er planmäßig im April und Mai wieder in Deutschland landet und sein Ei ins fremde Nest legen möchte, kommt er häufig zu spät. Die Nester sind belegt. Die hiergebiebenen und früher heimgekehrten Vögel brüten längst. Die Folge: Der Kuckuck weicht in höhere, kühlere Lagen aus, heißt es in der Untersuchung.

 

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