Zuflucht in Fridolins Revier

In diesem Haus, das heute das Hans-Fallada-Museum beherbergt, lebte der Schriftsteller mit seiner Familie von 1933-1943.
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In diesem Haus, das heute das Hans-Fallada-Museum beherbergt, lebte der Schriftsteller mit seiner Familie von 1933-1943.

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13. Juli 2012, 06:49 Uhr

Carwitz | Eigentlich müsste Fridolin von diesem See erzählen. Fridolin, der freche Dachs, wie er mit vollem Namen heißt - einer der berühmtesten Anwohner des Carwitzer Sees im Südosten Mecklenburgs. Fast so berühmt wie der Mann, der aller Welt von Fridolin erzählte: ein gewisser Rudolf Ditzen, der sich aus Märchenfiguren - dem Hans im Glück und dem die Wahrheit sprechenden Pferd Falada - einen Schriftsteller-Namen erschaffen hatte. So viel dem gebürtigen Greifswalder im Leben auch schon fehlgeschlagen war, so oft er auch Unglück über sich und die Seinen brachte: Das Schreiben war sein Elixier. Vor allem das Schreiben über das, was die "kleinen Leute" seiner Zeit bewegte, was ihnen widerfuhr und was sie der Unbill des Lebens entgegenzusetzen versuchten.

"Kleiner Mann - Was nun?" heißt das wohl berühmteste seiner Bücher - und jenes, das den Schriftsteller nach Carwitz führte. Denn der Erlös jenes Welterfolgs sollte der kleinen Familie - seit 1929 war Ditzen mit der Suse genannten Anna, Vorbild für "Lämmchen" im "Kleinen Mann" verheiratet und seit 1930 Vater eines Sohnes - zu einem neuen Zuhause verhelfen; erst recht nachdem der Autor eine elftägige SA-Haft hinter sich hatte, weil Nachbarn ihn staatsfeindlicher Gespräche bezichtigt hatten.

Gemeinsam mit seinem Freund und Lektor Peter Zingler hatte Fallada sich im Mecklenburgischen nach einem Haus umgeschaut und war drauf und dran, unverrichteter Dinge abzureisen, als er von der Büdnerei Nr. 17 am Rande des Dörfchens Carwitz erfuhr. Am 21. Juli 1933 erfolgte die Eigentumsüberschreibung; nur drei Tage zuvor hatte Anna das Töchterchen Lore geboren, dessen Zwillingsschwester tot zur Welt kam. "Jeder hat dir ja schon erzählt, wie herrlich es hier ist", schrieb ihr der das neue Heim herrichtende Fallada im August.

Doch die "verwunschene Herrlichkeit", als die er jenen Flecken am Rande der Feldberger Seenlandschaft empfand, sollte nicht nur die familiäre Wunde heilen helfen. Sie diente auch als Zufluchtsort vor dem faschistischen Deutschland, das der Schriftsteller auch angesichts zunehmender politischer Zumutungen nicht verlassen mochte: "Ich sitze hier so fest im Norddeutschen, daß ich mir keine andere Umwelt zum Produzieren je denken kann", schrieb er 1934 an seinen Jugendfreund Johannes Kagelmacher. Nicht nur, dass die deutsche Sprache ihm Heimat und Broterwerb war: "Carwitz ist mir lieber als Hollywood mit all seinen Zechinen", bekannte er sich zu jenem Refugium, das er sich zur Idylle stilisierte. Wo die Kinder jeden Laut vermieden, wenn Vater schrieb; wo der Dichter sich als Landwirt und Imker betätigte; wo also jede Menge Tagwerk zu verrichten war und doch der Blick für die Natur nie verloren ging.

"Wenn ein Flieger über diesen Teil des Mecklenburger Landes fliegt, so sieht er Wälder und Seen, Seen und Wälder", schrieb Fallada 1934 in "Wir hatten mal ein Kind". Und im Erinnerungsband "Heute bei uns zu Haus" schwärmte der unterdessen 50-Jährige 1943: "Mit fünfzehn Schritten sind wir vom Hause am Wasser. Der See ist sehr tief, sein Wasser kristallklar, noch in der starken Sommerhitze bleibt es kühl."

Längst ist die Feldberger Seenlandschaft ein Paddler-Paradies und selbst der stille Bohnenwerder jenseits der einstigen Fallada-Büdnerei kein "Geheimtipp" mehr, sondern vielfrequentiertes Baderevier. Doch auf geheimnisvolle Weise bewirkt die Atmosphäre des Ortes, dass hier auch urlauberreiche Zeiten nicht in lärmige Touristen-Unarten münden: Die meisten Reisenden suchen und kultivieren eben jene "kleine Insel in dieser heute etwas stürmischen Welt", von der schon Fallada schrieb.

Dass die stürmische Welt sich nicht einfach aussperren ließ, steht außer Frage. Immer wieder rang der Schriftsteller bei der Arbeit an Romanen wie "Wer einmal aus dem Blechnapf frißt", "Wolf unter Wölfen" oder "Der Eiserne Gustav" mit Zugeständnissen, die auch unter nationalsozialistischen Verhältnissen die Veröffentlichung ermöglichen sollten. Glücklich machte ihn jener Rückzug, der ihm später für geraume Zeit die "innere Emigration" eintrug, nicht.

Eine weitere Zuflucht immerhin waren Kinderbücher, für die das Familienleben unversiegbare Quellen sprudeln ließ. Und der See sowieso, wie in der "Geschichte vom getreuen Igel", wo an jenem Ufer eine skurrile Begebenheit ihren Ausgang nimmt. "Nun hatte dieser Mann aus der Stadt etwas in seinem Garten, das er noch mehr liebte als seine Birnen und Gurken", schreibt der Dichter da. "Das war ein kleiner Steingarten, den er sich am Wasser gebaut hatte ... In diesem Steingärtlein, das ihm doch gar keine Früchte trug, saß der Mann gerne einmal ein halbes Stündchen, ruhte sich von seiner Arbeit aus, ließ sich von der Sonne braten und sah abwechselnd die blühenden Kräutlein an oder auf den See hinaus, der im Sonnenlicht glänzte und strahlte wie ein großer Spiegel."

Wodurch diese Ruhe gestört wird, darf nachgelesen werden. Und dass die Spuren der Geschehnisse noch heute zugänglich sind, ist tüchtigen Fallada-Freunden zu danken. Das Haus, in dem der Dichter bis zur Scheidung 1944 lebte und das Anna Ditzen 1965 an den Kinderbuchverlag verkaufte, der es als Ferienobjekt nutzte, wurde nach der Wende von der Stadt Feldberg erworben und ab 1995 als Hans-Fallada-Museum eröffnet. Als Leiter scheute der Berliner Germanist Manfred Kuhnke keine Mühe und Recherchen, das Anwesen möglichst originalgetreu wieder herzurichten. Sein Nachfolger Stefan Knüppel, seit 2005 im Amt, setzte dieses Werk fort und profilierte den Ort "begehbarer Literatur" - der von der Bundesregierung als "Kultureller Gedächtnisort von nationaler Bedeutung" zertifiziert ist - als modernes Museum, in dem Angebote wie die wöchentlichen "Lesestunden" im Sommer und die Hans-Fallada-Tage jedes Jahr im Juli zu Falladas Geburtstag bereichert sind um multimedialen Ideenreichtum.

Durch Wohnhaus und Arbeitsräume, vorbei an Dreiecksbeet und Bienenhaus hinunter zum Ufer können sich die Besucher durch Audio-Führer geleiten lassen - mit einer Version für Erwachsene und einer für Kinder. Letztere wird gestaltet von zwei tierischen Fallada-Figuren: Im erfrischenden Dialog mit Mäuseken Wackelohr führt da - wer sonst - Fridolin, der freche Dachs durch jenes Revier, das nach der Vertreibung vom Zansen sein Zuhause wurde und indem er manches Abenteuer bestand mit dem Menschen, der ihn berühmt machte.


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