Bademoden Sammlung : Züchtig, freizügig und sexy

Die Models Diana und Gitta (v.l.) präsentieren vor der Seebrücke von Ahlbeck einen Badeanzug aus den 1950er-Jahren.  Fotos: Stefan SauEr
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Die Models Diana und Gitta (v.l.) präsentieren vor der Seebrücke von Ahlbeck einen Badeanzug aus den 1950er-Jahren. Fotos: Stefan SauEr

Usedomer sammelt historische Bademode

svz.de von
28. Juli 2015, 12:00 Uhr

Es begann mit dem rot-braunen Silastik-Badeanzug der Oma aus DDR-Zeiten: Der Ahlbecker Jürgen Kraft hatte das Erbstück in den 1990er-Jahren im Schrank gefunden. Doch statt es im Altkleidercontainer zu entsorgen, brachte der Anzug den Fahrschullehrer auf die Idee, historische Bademoden zu sammeln. „Heringsdorf und Ahlbeck sind Seebäder mit einer langen Badetradition“, sagt Kraft. Nichts passe daher besser zu diesen Orten, als mit historischer Bademode an diese Zeiten zu erinnern. Inzwischen umfasst die Sammlung bereits mehr als 130 Teile, die der 52-Jährige u.a. bei historischen Bademodeschauen ausstellt.

Das älteste Stück ist ein schwarzer Badeanzug aus dem Jahr 1912, den Kraft erst vor kurzem im Internet erstanden hat. „Ein Glücksfall“, sagt der Sammler. Nur elf Euro habe er für das züchtige Badetrikot mit angesetzten Ärmeln und knielangen Beinen gezahlt. „Historische Bademoden sind sehr schlecht zu bekommen“, sagt der Sammler. Deshalb interessiere ihn jede Geschichte hinter den Anzügen, die er über Internetplattformen, auf Dachböden oder Flohmärkten finde. Ein schwarz-weiß gepunktetes Trikot von 1923 etwa stammt von dem einstigen jüdischen Unternehmen RH Forma, das sich eingenähte Büstenhalter in den Badetrikots als Patent hatte sichern lassen.

Im Jahr 1863 beschrieb das Modemagazin „Bazar“ die „exclusive Toilettenfrage“ der angesagtesten Modetrends am Strand als „Beinkleid und Bluse aus schwarzem, geköpertem Halbwollen-Stoff (Berkan) sowie dem Netzhäubchen aus feinem Wachskattun.“ Zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Bad im Meer noch die Ausnahme. Vielmehr verbrachte man die Zeit in Strandstühlen oder den in Mode gekommenen Strandkörben. Ins Wasser selbst ging es damals noch im Badekarren, aus dem sich die Dame dann – möglichst unbeobachtet – ins Wasser gleiten ließ. Für Zucht und Ordnung sorgte zudem die Trennung von Damen- und Herrenbädern. Heringsdorf und Ahlbeck erlebten durch den Ausbau der Bahnverbindungen ab 1894 den großen Aufstieg zu Seebädern.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckte man die eng anliegenden Baumwolltrikots. „Sie kleiden vorzüglich, aber nur schlanke Frauen“, erklärt die Zeitschrift „Wiener Mode“ 1903 den Trend. Für die beleibtere Dame blieb als Alternative das Badekleid. 1932 erließ Preußen den bespotteten „Zwickelerlass“, der nicht nur Kleidung beim öffentlichen Baden, sondern auch einen Zwickel, einen Stoffeinsatz am Schritt, vorschrieb. Der Erlass galt auch für Usedom und Rügen.

Erst in den 1940er-Jahren wurden erste Badeanzüge mit synthetischen Fasern produziert. Das neue Material sog sich weniger mit Wasser voll und erleichterte das Schwimmen. Kraft sammelt Bademode bis in die 1970er-Jahre hinein. Die kultige Dreieckbadehose und Silastik-Badeanzüge gehören ebenso dazu, wie der Bikini, der sich ab den 1960erJahren an den Stränden durchsetzte. Der älteste Bikini in Krafts Sammlung stammt aus dem Jahr 1958.

Der Sammler will nun gemeinsam mit einer Strandkorbfabrik ein Bademodenmuseum in Heringsdorf eröffnen. Dort soll auch an die Tradition des Strandkorb-baus auf der Insel erinnert werden. Seit 1925 wurden in Wolgast Strandkörbe produziert, wenig später zog das Unternehmen auf die Insel.

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