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Risiko Behandlungsfehler : Zu wenig Routine bei Brustkrebs-OPs

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gut ein Viertel der Kliniken im Land erreicht qualitätssichernde Mindestmengen nicht

svz.de von
erstellt am 06.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Wer ins Krankenhaus muss, möchte bestmöglich versorgt werden. Doch was, wenn dem Arzt die Routine und hochmodernes Instrumentarium fehlen? In Mecklenburg-Vorpommern, aber auch in anderen Regionen Deutschlands ist das gar nicht so selten der Fall, wie Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) zeigen. Demnach haben im Jahr 2014 immerhin 21 der 37 Krankenhäuser hier im Land Brustkrebspatientinnen operiert – allerdings behandelten acht Kliniken pro Jahr weniger als acht Fälle. Damit ist der Nordosten noch schlechter als der Bundesdurchschnitt. Rechnet man die Daten aller deutschen Kliniken zusammen, kommt ein Viertel von ihnen im Jahresverlauf auf weniger als acht Brustkrebs-OPs.

Auffällig ist auch, dass unter den Krankenhäusern mit wenigen Brustkrebs-Operationen die Diagnose fast bei der Hälfte (42,4 Prozent) der Frauen nicht durch eine zusätzliche Stanz- oder Vakuumbiopsie gesichert wurde. Qualitätskriterium bei Brustkrebs-Eingriffen ist dem Wido zufolge aber, dass bei mehr als 90 Prozent eine solche histologische Diagnosesicherung vor der OP erfolgt.

Ähnlich erschreckend fällt die Bilanz bei der Versorgung von Herzinfarkten aus: 31 Kliniken hier im Land behandeln Infarkt-Patienten, acht von ihnen tun das allerdings weniger als 34 Mal im Jahr. Auch bundesweit ist es ein Viertel aller Krankenhäuser, die diese Patientenzahl im Jahr nicht überschreiten. Dazu kommt: Nur wenig mehr als die Hälfte aller Häuser, die Herzinfarktpatienten versorgen, hält auch rund um die Uhr ein Herzkatheterlabor vor, so die Wido-Zahlen.

„Wer Leistungen häufiger erbringt, leistet bessere Qualität“, betont Prof. Dr. Klaus Jacobs, der Leiter des Wido. Er schlussfolgert deshalb: „Es besteht erheblicher Handlungsbedarf hinsichtlich einer besseren Leistungssteuerung im Sinne einer Leistungskonzentration in Kliniken, die für die jeweilige Behandlung entsprechend ausgestattet sind.“ Bundesweit müssten deshalb Mindestmengen für bestimmte Eingriffe bzw. Diagnosen festgelegt werden. „Hierbei geht es nicht um die Schließung von Krankenhäusern, aber nicht jedes Krankenhaus muss, kann, darf jede Leistung erbringen, schon gar nicht bei planbaren Leistungen“, fordert der Institutsdirektor.

Übung macht den Meister

Es ist eine Binsenwahrheit: Übung macht den Meister. Das gilt für den Friseur genauso wie für den Tischler oder für den Operateur. Nur wer immer wieder die Gelegenheit hat, einen bestimmten Hand- oder operativen Eingriff auszuführen, erwirbt die dafür erforderliche Routine, aber auch das Wissen, wie bei unvorhergesehenen Komplikationen gehandelt werden muss.

Und: Die Arbeit geht schneller von der Hand. Im Falle einer Operation ist diese und damit auch die Narkosedauer also kürzer – die Risiken für den Patienten sinken. Das ist in seinem Sinne. Denn natürlich möchte jeder bestmöglich behandelt und wieder vollständig gesund werden.

Nur: Jeder – oder doch zumindest fast jeder – weiß auch am liebsten seine Familie oder andere ihm nahestehende Menschen in der Nähe, wenn er sich einem schweren Eingriff unterziehen muss. Deshalb entscheiden sich viele bei einer planbaren Operation nach wie vor für das kleine Krankenhaus in der Nähe – um den Preis, dass das Team im OP dort so gut wie keine Erfahrung mit dem jeweiligen Krankheitsbild hat. So wird in jedem vierten Krankenhaus in Deutschland seltener als achtmal pro Jahr eine Frau mit Brustkrebs operiert. Dass das nicht immer gutgeht, liegt auf der Hand. Die Politik will dem Problem mit einer Mindestmengenregelung beikommen.

Derzeit gibt es für sieben Krankheitsbereiche gesetzliche Regeln, welche Zahl von Fällen eine Klinik mindestens vorweisen muss: Bei Lebertransplantationen sollten mindestens 20 Operationen pro Krankenhaus und Jahr erfolgen, bei Nierentransplantationen 25, bei schwierigen Eingriffen an der Speiseröhre oder an der Bauchspeicheldrüse je zehn. Für Stammzell-transplantationen liegt das geforderte Minimum bei 25, beim Kniegelenkersatz bei 50 und bei der Versorgung von Früh- und Neugeborenen bei 14. Werden diese Mindestmengen in einem Krankenhaus nicht erreicht, dürfte die entsprechende Versorgungsleistung dort eigentlich nicht mehr angeboten werden.

Tatsächlich aber passiert nichts – denn nichts ist unpopulärer, als Veränderungen an der Krankenhauslandschaft vorzunehmen. Doch die muss es geben, wenn die Patienten nicht auf der Strecke bleiben sollen. Das heißt nicht, das kleine Krankenhaus um die Ecke zu schließen – man könnte es aber beispielsweise mit mehr Kompetenzen auch für die niedergelassene Versorgung ausstatten. Größere Kliniken dagegen sollten sich spezialisieren – auf das, was sie wirklich gut können.

Bis es so weit ist, müssen Patienten vor planbaren Operationen bei ihrem Krankenhausarzt nachfragen – nach Behandlungszahlen und -ergebnissen. Ansonsten kann es ihnen passieren, dass sie in diesem Jahr erst der dritte Krebspatient ihres Chirurgen sind – und das kann niemand ernsthaft wollen.


 

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