Milchpreis erhöht : Zu billig und nicht kostendeckend

Melker legen Kühen  in der Agrarproduktionsgesellschaft Agp Lübesse das Melkgeschirr an.
Melker legen Kühen in der Agrarproduktionsgesellschaft Agp Lübesse das Melkgeschirr an.

Die Erzeugerorganisation Milch Board wirft dem größten deutschen Molkereiunternehmen vor, die Milch zu verschleudern

svz.de von
31. Mai 2017, 21:00 Uhr

Die deutschen Milcherzeuger stecken angesichts niedriger Milchpreise weiter tief in der Krise. „Das Hauptproblem der deutschen Milchwirtschaft ist das Deutsche Milchkontor“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Marktorganisation Milch Board, Peter Guhl. Die Erzeugergemeinschaft vereint bundesweit rund 12 000 Milchbauern. Sie erhalten laut Guhl im Schnitt für ihre Milch 32 Cent pro Liter. Kostendeckend wären 35 bis 40 Cent.

32 Cent zahlt auch das Deutsche Milchkontor (DMK) als Genossenschaft und größtes deutsches Molkereiunternehmen. Gestern kündigte es an, den Milchpreis für den Monat Mai nachträglich auf 33 Cent anzuheben. Für Juni wurde eine Erhöhung auf 34 Cent je Liter angekündigt. Nach der weltweiten Milchmarktkrise der vergangenen Jahre stabilisiere sich der Milchpreis, sagte DMK-Sprecher Hermann Cordes.

Die Bauern überzeugt das nicht. Das DMK halte den Preis insgesamt in Deutschland niedrig, sagte Guhl, der einen Milchviehbetrieb in Vorderhagen (Kreis Ludwigslust-Parchim) betreibt. Er geht noch weiter: „Wir sagen, der Weltmarktpreis wird in Deutschland gemacht.“

Guhl kritisierte, das DMK sei von seinem Produktportfolio her schlecht aufgestellt. Es setze auf Masse und produziere billigen Käse, der für 3 Euro pro Kilo nach Italien oder Holland exportiert werde und dort die Preise ruiniere. Pizza-käse sei zuletzt für 1,80 Euro pro Kilo an Tiefkühl-Produzenten verkauft worden. Bis auf Milram gebe es keine wirkliche Marke unter dem Dach des DMK, sagte Guhl.

Dem entgegnete Cordes, Milram sei eine der größten Marken, die Genossenschaften in Deutschland haben. Markenartikel machten mit 400 Millionen Euro Umsatz rund 10 Prozent des DMK-Gesamtjahresumsatzes aus.

Milcherzeuger und ihre Verbände fordern seit Jahren Lieferverträge mit den Molkereien, in denen Menge und Preis vereinbart werden. Das ist bislang nicht der Fall. „Wenn sich Käufer und Verkäufer im Vorfeld per Vertrag auf Mengen und Preise einigen würden, könnte nicht zu viel produziert werden“, sagte Guhl. Jetzt aber seien die Lager mit Milchpulver vollgestopft, das schwer absetzbar sei. Es war von der EU aufgekauft worden, um den Milchpreis zu stützen.

Die Politik sei in der Milchkrise trotz staatlicher Hilfen keinen Millimeter weitergekommen, meinte Guhl. Landespolitiker wie Agrarminister Till Backhaus (SPD) hätten Instrumente für die Mengenregulierung vorgeschlagen. Die Bundesregierung gehe darauf jedoch nicht ein. Die Lobby der Milchwirtschaft sei zu stark.

Der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Ottmar Ilchmann sagte, die DMK-Führung suche weniger nach Konzepten zur Positionierung des DMK im Milchmarkt als nach Wegen, an den vom Bundeskartellamt kritisierten Lieferbeziehungen festhalten zu können. Bislang hätten 25 Prozent der DMK-Lieferanten gekündigt. „Die DMK-Spitze zieht daraus noch immer nicht die richtigen Konsequenzen.“

Heute wird der Internationale Tag der Milch begangen, mit dem für mehr Milchkonsum geworben wird. Der Bauernverband in MV lädt unter anderem Grundschüler in die Gläserne Meierei Dechow und einen Milchviehbetrieb in Nordwestmecklenburg ein.

Schmidt fordert stärkere Regulierung

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) fordert von Bauern und Molkereien eine bessere Vorbereitung auf Zeiten mit sinkenden Milchpreisen. „Es müssen dringend Vorkehrungen getroffen werden, um künftig auf schwierige Marktsituationen besser vorbereitet zu sein und reagieren zu können“, heißt es im „Milchbericht 2017“ des Agrarministeriums, der unserer Berliner Redaktion vorliegt. Für heute hat Schmidt Vertreter von Landwirten, Molkereien, Verbänden sowie den Präsidenten des Bundeskartellamts Andreas Mundt zu einem weiteren Milchgipfel eingeladen.

Der durchschnittliche Erzeugerpreis für Rohmilch war im Juni 2016 auf einen Tiefstand von 22,8 Cent je Kilogramm gesunken. Inzwischen liegt er wieder bei 32 bis 33 Cent. Bundesregierung und EU-Kommission stellten als Reaktion auf den Preisverfall fast 600 Millionen Euro an Hilfen für deutsche Milchbauern zur Verfügung.

Schmidt verlangt von den genossenschaftlichen Molkereien eine Veränderung ihrer Satzungen und will die darin verankerte hundertprozentige Annahmepflicht für Milch kippen. Die bisherigen Regelungen hätten zur Konsequenz, dass die Molkereien auch bei schlechter Absatzlage steigende Rohmilchmengen abnehmen und verarbeiten müssten. Dies befördere eine Abwärtsspirale bei den Preisen. „Die Milchkrise hat gezeigt, dass die Anpassung des Rohmilchangebots auf die verschlechterte Marktlage zu träge verlaufen ist“, heißt es im Ministeriumsbericht. „Die Gestaltung der Milchlieferkontrakte gehört auf den Prüfstand.“

Rasmus Buchsteiner

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