Olympische Winterspiele : Ziemlich exotisch: Wintersport in MV

Olympiasieger, die aus MV stammen: Helga Haase (m.) und Frank Peter Roetsch (l.). Rechts im Bild: Meinhard Nehmer (vorn) mit Bremser Bernhard Germeshausen.

Olympiasieger, die aus MV stammen: Helga Haase (m.) und Frank Peter Roetsch (l.). Rechts im Bild: Meinhard Nehmer (vorn) mit Bremser Bernhard Germeshausen.

Der Nordosten bietet nur wenige Möglichkeiten für Betätigung auf Eis und Schnee – aber dennoch gibt es durchaus erfolgreiche Athleten aus unserem Bundesland.

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10. Februar 2018, 05:00 Uhr

Wenn ab heute bei den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang die Medaillen verteilt werden, dann ist Mecklenburg-Vorpommern davon ganz weit entfernt. Und das nicht nur geografisch. Denn unser Bundesland ist in Sachen Wintersport ein Exot. Doch so kurios es heute klingen mag: Auch Sportler aus dem Norden des Nordostens haben schon Olympiasiege bei Winterspielen errungen. Zu DDR-Zeiten wohlgemerkt.

Die erste von ihnen war Helga Haase. Die in Schwerin-Neumühle aufgewachsene Eisschnellläuferin gewann schon 1960 in Squaw Valley (USA) Gold über 500 m, Silber über 1000 m und den achten Platz über 1500 m. Und das , obwohl die USA in den Zeiten des damaligen Kalten Krieges ihrem Trainer Einreiseverbot erteilt hatte. Die 1989 verstorbene Helga Haase war damit die erste deutsche Eisschnellläuferin und zugleich die erste DDR-Sportlerin überhaupt, die einen Olympiasieg errang.

16 Jahre später schaffte es Bobpilot Meinhard Nehmer auf den olympischen Thron. Der inzwischen 77-Jährige wuchs auf der Halbinsel Wittow im Norden der Insel Rügen auf, wo er heute noch lebt. Sportliche Anfänge als Speerwerfer wurden durch eine Verletzung jäh beendet. Ihm wurde angeraten, in den Bob zu steigen. Schon zwei Jahre später gehörte er in diesem Sport zur Weltspitze. 1976 führte er als olympischer Fahnenträger die DDR-Mannschaft in Innsbruck an und krönte wenige Tage darauf mit den Goldmedaillen im Zweier- und Viererbob die olympische Premiere des DDR-Bobsports. Vier Jahre später folgte im US-amerikanischen Lake Placid eine weitere Goldplakette im Vierer. Nach der Wende und dem dadurch bedingten Ausscheiden aus dem Armeedienst konnte er als Bob-Trainer mit Mannschaften aus den USA, Italien und dem wiedervereinten Deutschland Erfolge bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften feiern.

Der dritte erfolgreiche Wintersportler mit Wurzeln in Mecklenburg-Vorpommern war Biathlet Frank-Peter Roetsch. Olympische Medaillen regnete es für Roetsch in den 80er Jahren: Silber 1984 in Sarajevo, jeweils Gold über 10 und 20 km 1988 in Calgary. Fünffacher Weltmeister war er ebenfalls und zählt zu den erfolgreichsten Biathleten überhaupt. Geboren ist er in Güstrow, allerdings, so schränkt Roetsch schmunzelnd ein: „Ich bin nicht in Mecklenburg aufgewachsen. Sonst wäre ich vielleicht Leichtathlet geworden, aber Biathlet sicher nicht.“

Sich als junger sportbegeisterter Mensch in MV für Wintersport zu interessieren, bringe sicher Probleme mit sich. „Es gibt viele Sportarten, die auf das Land ausgelegt sind. Wenn ich etwas gefunden habe, was mir Spaß macht, dann ist der Antrieb garantiert. Wer den Drang verspürt, Biathlon zu machen – sicher gibt’s auch Sommerbiathlon, den man auf Skirollern absolvieren kann. Aber finden die Wettkämpfe auf Schnee statt, muss man auf Schnee trainieren“, sagt Roetsch. „Wenn man den Sport professionell betreiben will, ist Mecklenburg-Vorpommern wohl nicht das richtige Land“, meint Thomas Knüppel, Vorsitzender des 1997 gegründeten Landesskiverbands MV (LSMV).

„Aber“, schiebt er hinterher, „Brandenburg und Schleswig-Holstein auch nicht, da muss es schon eine Sportschule in Bayern oder Thüringen sein.“ Dahin zu kommen, bräuchte es allerdings Fertigkeiten, wie sie halt nur im Süden Deutschlands ab dem Kleinkindalter zu erlernen seien.

Doch deshalb ist MV keine wintersportfreie Zone. Beim kurzen Eisbahnsprint – dem Short Track – sind die Kufensportler vom ESV Turbine Rostock olympiaerfahren.

Zudem gibt es hierzulande eine rege Eishockey-Szene: Die Piranhas des Rostocker EC spielen seit vielen Jahren in der dritthöchsten deutschen Spielklasse. Unter dem Namen „Ostseeliga“ gibt es eine Spielunion, in der mit Klink, Malchow, Neubrandenburg und den Rostock Kodias vier MV-Vereine vertreten sind. Und in der „Eishockey Hobbyliga“ jagen mit Dargun, Warsow, Rostock, Neubrandenburg und Groß Plasten fünf Clubs dem Puck nach.

Während auf künstlichem Eis in MV sportlich etwas geht, ist im flachen Land, in dem zudem selten Schnee fällt, Abfahrtslauf ebenso unmöglich wie Skispringen und (zumeist) Skilanglauf.

Der Landesverband mit seinen knapp 900 Mitgliedern konzentriere sich als alpiner Skiverband auf den Breitensport mit Fokus auf Abfahrt und Snowboard, bildet in mehreren international anerkannten Lizenzstufen Übungsleiter aus. Ein olympiaverdächtiges Talent sei in den letzten Jahren bei den Aktiven aber nicht dabeigewesen. Letztlich gehe es, so der Vorsitzende, bei der Verbandsarbeit ums Sporttreiben, zumal es im Ski keinen Ligasport innerhalb des Verbandes gibt. Der wäre in MV auch schwer zu realisieren. „Es ist schon ziemlich exotisch, was wir machen“, gibt Thomas Knüppel zu, „zumal wir selber zum Skifahren auch nach Österreich, nach Tschechien und sonstwohin müssen.“

Der letzte Traumwinter in heimischen Gefilden Anfang 2010 ist den alpinen Skifreunden noch in kurioser Erinnerung. „Überall Schnee und Dauerfrost. Spontan haben unsere Mitgliedsvereine alle zusammengetrommelt, kleine Wettkämpfe gestartet und sogar Loipen-Spurgeräte selber gebaut“, erzählt Knüppel. Aber das bleibe wohl leider ein einmaliges Ereignis.

Olympia im Fernsehen ist bis heute Pflichttermin, sagt Frank-Peter Roetsch, auch weil der Biathlonsport sich stark weiterentwickelt habe. „Damals gab es als Disziplinen die 20 und 10 Kilometer sowie die Staffel, heute Verfolgung, Massenstart und so weiter – alles Dinge, die dem Biahtlonsport gutgetan haben. Und die mediale Aufmerksamkeit hat sich geändert. 1984 mit zwei bis drei Kameras an der Strecke, da herrschte an den Bildschirmen fast schon gähnende Langeweile. Das ist heute deutlich spannender“, resümiert er.

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