Bildung : Zentralabitur gegen Kuschel-Noten

23-19474024

Kultusminister einigen sich auf vergleichbare Abiaufgaben

23-11368466_23-66108087_1416392671.JPG von
11. Juni 2015, 21:00 Uhr

Jahr für Jahr steigt die Zahl der Abiturienten in Deutschland. In MV konnten in diesem Jahr 5300 Schüler zu den Reifeprüfungen antreten. Voraussichtlich wird die Abiturientenquote so hoch ausfallen wie noch nie. Dabei sind die Unterschiede in Deutschland riesig. 2013 waren es in Hamburg 52,1 Prozent, in Bayern hingegen nur 28,5. Aber: MV hat auch die meisten Durchfaller – 6,5 Prozent 2013. Bayern liegt mit 3,3 Prozent im Mittelfeld. Hamburg liegt dagegen darunter. In Rheinland-Pfalz fallen sogar nur 1,3 Prozent der Abiturienten durch die Prüfung. Hohe Abi-Quoten, gute Abi-Noten?

„Das legt den Verdacht nahe, dass das Anspruchsniveau sich in den Ländern sehr unterscheidet, und das muss sich ändern“, sagt Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) am Rande der Kultusministerkonferenz in Berlin. „Es können nun einmal nicht 100 Prozent eines Jahrgangs die Prüfung bestehen, dann könnten wir sie gleich abschaffen.“

Die Kultusminister haben gestern beschlossen, die Vergleichbarkeit der Reifeprüfungen zu steigern und Kuschel-Noten den Kampf anzusagen. Die Länder sollen sich künftig aus einem gemeinsamen Pool von Abiaufgaben in Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch bedienen können. Sie müssen es aber nicht. Experten fürchten mit dieser weichen Regelung einen weiteren Qualitätsverlust. Zusätzlich sollen einheitliche Standards für Benotung und Prüfungszulassung entwickelt werden.

„Ein Zentralabitur dieser Art wird auf kleinstem gemeinsamen Nenner stattfinden. Das alles ist nichts als ein großer Bluff“, prognostiziert Prof. Hans Peter Klein, Didaktiker an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, der seit Jahren die Abi-Prüfungsaufgaben verschiedener Bundesländer analysiert. Sein Fazit: „In einigen Bundesländern ist das Aufgabenniveau mit der Einführung des Zentralabiturs deutlich gesunken.“

Auch Jörg Seifert, Vorsitzender des Philologenverbandes MV und Mathe-Lehrer am Gymnasium in Bad Doberan, spricht aus seiner Erfahrung von einer Mogelpackung. Er bemängelt, dass sich in seinem Unterrichtsfach das gemeinsame Abitur auf eine Aufgabe im Leistungskurs beschränkt. MV gehört zu jenen sechs Ländern, die über den gemeinsamen Aufgabenpool hinaus bereits gemeinsame Abituraufgaben in drei Fächern verwenden. Seifert: „Zentralabitur ja, aber nur mit verbindlichen gemeinsamen Aufgaben auf hohem Niveau.“

Minister Brodkorb fordert deshalb: „Künftig soll es nicht nur ein Zentralabitur, sondern auch einheitliche Regelungen für die Prüfungszulassung und Benotung geben. Das eine macht ohne das andere keinen Sinn.“  
Seiten 2 und 3


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen