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Kunstprojekt in Schwerin : Zeig deine Maske und ich weiß, wer du bist

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Aus der Onlineredaktion

Die aktuelle Ausstellung im Schweriner E-Werk setzt sich mit der Geschichte mosambikanischer Vertragsarbeiter auseinander. Sechs Kinder versuchen in der Kunst-Akademie einen eigenen Zugang zu dem Kontinent zu finden.

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erstellt am 25.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Ein seltsamer Anblick. Sechs kleine Gestalten laufen durch die Schweriner Innenstadt. Ihre Gesichter sind verhüllt. Von großen bunten Masken. Paradiesvögel, Außerirdische, eine Krake... Dazu halten sie Plakate in die Luft. „Gerechtigkeit“, steht da zum Beispiel. Ihr Ziel ist ein Fotoautomat auf dem Ziegenmarkt. Hinter seinem Vorhang wollen sie Passbilder von sich machen. Die Aufnahmen sollen Teil der aktuellen Ausstellung „Madgermanes“ im E-Werk in Schwerin werden. Dabei handelt es sich um eine Sammlung künstlerischer Arbeiten, die von einem bislang weniger bekannten Kapitel der DDR-Außenpolitik handeln: das Leben der ehemaligen Vertragsarbeiter aus Mosambik. Doch was haben die maskierten Gestalten damit zu tun?

„Ich will die Vergangenheit und die Gegenwart zeigen“, sagt eine Mädchenstimme hinter einer der großen Gipsmasken. Sie stellt zur Hälfte ein Buch, zur anderen Hälfte ein Smartphone dar. „Die Menschen sollen nicht nur auf ihr Handy schauen. Sondern auch mal etwas lesen.“ Dann fällt die Maske. Hinter ihr steckt Eva. Die Zwölfjährige ist eine von sechs Teilnehmern der Kinderakademie des Kunstvereins im E-Werk in Schwerin. Drei Tage lang beschäftigen sie und die anderen sich auf kreative Weise mit der Geschichte und der Gegenwart von Afrika sowie der eigenen Wahrnehmung von Kulturen und Individuen. Dabei kamen sie auch ihrer eigenen Identität ein Stück näher.

Wenn ich mir Afrika vorstelle, denke ich an Tiere.  Löwen, Zebras, Giraffen, Nashörner, Nilpferde, Gazellen, Krokodile..." : Hermine, 10

 

„Mit den Masken stellen die Kinder ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche dar“, erzählt Tine Tillmann. Sie können das sein, was sie gerne sein wollen. Die Berliner Künstlerin betreut das Projekt, das heute zu Ende geht. Inspiriert wurden die Masken der Zehn- bis 13-jährigen durch die Serie „Tipo Passe“ des Künstlers Edson Chagas, die derzeit im E-Werk in Schwerin ausgestellt wird. Im Fokus seiner großformatigen Werke stehen die traditionellen Bantu-Masken aus Mosambik. Sie stellen Menschen, Tiere und Gottheiten dar.

Früher wurden die Masken von afrikanischen Tänzern zu besonderen Anlässen getragen. Heute verstauben sie meistens in Museen. Chagas hauchte den Objekten wieder Leben ein und ließ sie von modern gekleideten Menschen tragen. Er setzt damit die Geschichte und Tradition der Bantu in eine zeitgenössische Sprache. Gleichzeitig stellt er den vermeintlich typischen afrikanischen Stereotyp in Frage. Eine Tendenz, die die gesamte Ausstellung „Madgermanes“ prägt.

„Wenn ich an Afrika denke, denke ich an flüssigen Verkehr. Meine Mama hat acht Jahre dort gelebt und erzählt, dass an der Ampel alle gleichzeitig losfahren." : Erik, 11

 

Als „Madgermanes“ bezeichnen sich die Vertragsarbeiter aus Mosambik, die zwischen 1979 und 1991 in der ehemaligen DDR lebten und arbeiteten. Der Begriff „Madgermane“ ist ein Lehnwort, das sich aus dem Englischen „Germany“ und dem Bantu-Präfix „ma“ zusammensetzt und so viel wie „Die Deutschen“ bedeutet. Nach der Wende in ihre Heimat zurückgeschickt, kämpfen die „Madgermanes“ bis heute um die Auszahlung eines Großteils ihrer Gehälter. Wo das Geld geblieben ist, ist bisher ungeklärt. Noch immer gehen die ehemaligen Vertragsarbeiter zum Protestieren auf die Straße.

„Wenn die Madgermanes in ihre Heimat zurückkehrten, waren sie für die Einheimischen etwas sonderbar“, erklärt Nadine Grünewald vom Kunstverein Schwerin. Es ginge bei den Werken daher auch immer um die Frage: Wer bin ich und wo komme ich her? „Die DDR hatte sie geprägt. Viele sind noch heute stolz auf das Land.“ Korruption, Neuanfang, Migration – die Geschichte der Madgermanes sei noch heute aktuell. Sie hätte den afrikanischen Kontinent mitgeprägt und stünden ebenfalls in enger Verbindung mit unserer Vergangenheit.

„Ich sehe traurige Menschen. Die Madgermanes, die hier gearbeitet und dann  nicht ihr Geld bekommen haben, sind bestimmt traurig. ": Eva, 13

 

„Durch Kunst kann man Geschichte erfahrbar machen“, sagt Tine Tillmann. Beim gemeinsamen Betrachten und Erkunden der aktuellen Ausstellung sollen die Kinder auch ihre eigene Kreativität ausleben. Es ginge nicht nur um Afrika, sondern ebenfalls um die zentrale Frage: Wer bin ich? „Die Kinder sollen aktiv etwas ausprobieren. Etwas Fremdes, etwas Neues oder auch etwas Überraschendes“, sagt Tillmann. Mit Ton, Gips, Pappe, Farbe, Draht und anderen Materialen.

Das Ergebnis der Kinderakademie kann man noch bis zum 28. November im E-Werk sehen. Denn die Masken der Kinder werden selbst zum Ausstellungsstück. Aufgenommen in dem Automaten auf dem Ziegenmarkt in Schwerin, ergänzen sie die Foto-Reihe „Picture Afrika“. Sie besteht ausschließlich aus Abbildungen von Passanten, die ihre persönliche Perspektive von dem Kontinent Afrika auf ein Stück Papier gezeichnet haben. Zu sehen sind Umrisse des Kontinents, weinende und lachende Menschen. Aber auch Rasierklingen, Tiere und Sprüche.

„In Afrika leben viele arme  Menschen. Die haben nicht so viel Essen und Trinken. Deshalb spenden viele Geld.": Lea, 10

 

Schon bald kann man dann auch Masken auf den Fotos sehen. Sie zeigen Paradiesvögel, Außerirdische, eine Krake oder die Kombination aus Buch und Smartphone.

 

 

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