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Internationaler Tag der Freundschaft : Zehn minus eins

vom
Aus der Onlineredaktion

Heute ist Internationaler Tag der Freundschaft

svz.de von
erstellt am 30.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Zehn minus eins. Was klingt wie der Inhalt einer der ersten Mathematikstunden in der Grundschule, ist nicht weniger als ein wissenschaftliches Konstrukt. Eine Formel, die erzählt von Erinnerungen, von Freude und Liebe, von Niederlagen und Verlust. Es ist die Formel der Freundschaft.

Alle zehn Jahre, so sagen es Wissenschaftler, verlieren Erwachsene einen Freund – ohne dafür einen zu gewinnen. Je älter wir werden, desto mehr Menschen binden sich an einen Partner, die Freundeskreise stehen längst fest. Man könnte sagen: Freundschaften sind wie Zugfahren. Menschen steigen zu, bleiben für eine Weile und steigen wieder aus. Nur wenige haben ein Ticket für die ganze Fahrt.

Die ersten Freundschaften, sie entstehen im Sandkasten oder Kindergarten. Als Knirps hinterfragt man nicht. Schon die Schippe reicht, der Bagger oder die Puppe. Manchmal langt sogar die bloße Anwesenheit. Da ist halt einfach jemand, gleich groß, genauso tollpatschig und auf der Suche nach Abenteuern. Und weil jedes andere Wort der Erklärung zu schwierig würde, erzählen die Erzieher und die Eltern den Kleinen: „Der, mit dem du spielst, ist dein Freund.“

Schon am nächsten Tag kann es wieder vorbei sein. Den Bagger weggenommen, die Schippe oder die Puppe und der gestern noch beste Freund des Lebens ist schuld an den Tränen, die über die Wangen laufen. Vielleicht heißen sie deswegen Sandkastenfreund-schaften: Sie zerrinnen, gleiten durch die Finger der Kinder, wie der Sand, mit dem sie spielen.

Mit dem Gang auf die Schule wird alles verbindlicher. Auch die Freundschaften. Wo vorher Spielzeuge Abbild gleicher Interessen waren, sind es jetzt die Vorliebe für Deutsch, Mathematik oder Sport.

Da ist nicht jemand nur einfach da; er kommt nach der Schule mit nach Hause, hilft bei den Hausaufgaben und spielt danach noch mit uns Fußball oder fährt einfach so mit dem Fahrrad durch die Gegend.

Ein betörender Gedanke, zum ersten Mal bewusst wahrgenommen: Es gibt Menschen, die abseits aller Verpflichtungen so ticken wie wir; nicht gebunden und auf der Suche nach Weggefährten. Zusammen gegen den Rest der Welt.

Gespräche über den Jungen oder das Mädchen, in das man heimlich verliebt ist; über den großen Krach mit den Eltern, die schlechte Note in der Schule. Nicht viel verbindet mehr, als gemeinsam aufzuwachsen.

Danach stellen sich die Weichen des Lebens. Freunde, mit denen man zuvor noch jeden Tag verbrachte, gehen von jetzt auf gleich in eine andere Stadt, manchmal sogar in ein anderes Land. Zehn minus eins. Die Formel der Freundschaft beginnt zu greifen. Besonders ab den 23. Lebensjahr. Dann nämlich verlieren wir im Schnitt alle zehn Jahre einen Freund. Laut des Psychologen Wolfgang Krüger fürchtet sich der Mensch nur vor zwei Dingen wirklich: Einsamkeit und Unsicherheit. Und trotzdem verschwinden Menschen aus unserem Leben, von denen wir einmal dachten, sie würden uns bis zum Ende begleiten. Nicht immer kann man das erklären.

Drei richtig gute Freunde, sagt Wolfgang Krüger, viel mehr haben wir als Erwachsene nicht. Der Rest sind Durchschnittsfreundschaften: Menschen, die man zum Geburtstag einlädt, die etwas mehr über uns wissen als den Namen, den Beruf und das Geburtsdatum. Der Rest? Sind für Krüger nichts weiter als Bekannte.

Eines aber berücksichtigt die Formel der Freundschaft nicht: Je weniger Freundschaften wir haben, desto besser werden die, die uns bleiben. Wie eine wunderbare Variable. Quasi zehn minus eins plus X. Freunde, die Rückhalt sind in schweren Zeiten. Die uns Anerkennung schenken, egal ob es bei uns gerade gut oder schlecht läuft. Sie haben das Ticket für die ganze Fahrt gelöst.



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