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Filmkunstfest MV : Zehn Filme – zehn Meinungen

vom

Redakteure unserer Zeitung haben die Produktionen des Spielfilmwettbewerbes beim heute beginnenden 26. Filmkunstfest MV vorab gesehen

svz.de von
erstellt am 03.Mai.2016 | 14:13 Uhr

AGNES


Wahrheitssuche

Walter und Agnes begegnen sich in der Unibibliothek. Der Sachbuchautor und die Physikstudentin lassen sich auf eine Beziehung ein – und auf ein folgenschweres Experiment: Agnes bittet Walter, einen Roman über ihre Liebesgeschichte zu schreiben. Doch die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmt zunehmend. Die junge Frau  scheint sich  immer mehr in der Romanfigur zu verlieren  – und „Glück macht einfach keine guten Geschichten“…

„Agnes“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Peter Stamm. Regisseur Johannes Schmid spielt geschickt mit den verschiedenen Erzählebenen. Auch die großartigen Hauptdarsteller Odine Johne und Stephan Kampwirth sorgen dafür, dass nicht nur Agnes in die Geschichte hineingezogen wird. Ein vielschichtiges Beziehungsdrama.

Angela Hoffmann

 

METEORSTRAßE


Hoffnungslos

Mohammed – genannt Mo – lebt nach der Abschiebung seiner palästinensischen Eltern mit seinem durchgedrehten Bruder in Berlin. Mehr Kind als Mann versucht der 18-Jährige sich ein Leben in einer für ihn fremden Gesellschaft aufzubauen. Anfangs läuft es gut für Mo: Er hat Aussicht auf eine Lehrstelle, findet Gleichgesinnte, die wie er auf Motorräder stehen. Doch es  gibt Rückschläge. Der Bruder drangsaliert ihn, die Lehre rückt in die Ferne.  Man leidet mit Mo, wird wie er  im Laufe des Films immer hoffnungsloser. Wird es für den Jungen aus „Meteorstraße“ ein Happy End geben? 

Regisseurin Aline Fischer inszeniert intime Momente. Durch die Nähe hofft der Zuschauer noch mehr, dass der sympathische Junge eine Chance auf ein besseres Leben haben wird. Keine leichte Kost, aber realitätsnah.

 Franziska Sanyang

 

ALOYS


Einsam hoch zwei

Braune Küche, leerer Kühlschrank, Vorhänge zu, die Schrankwand, vollgestopft mit Videobändern. Papas Pantoffeln warten neben denen von Aloys. Doch Papa ist tot und die  Privatdetektei Adorn & Sohn in Zürich nun ein Ein-Mann-Betrieb. Aloys Adorn filmt das Leben: Ehebrecher, Nachbarn, Schafe, die Katze. Und versteckt sich  hinter der  Kamera und in der Anonymität eines Hochhauses. Einsamkeit, die weh tut. Auch bei Vera. Nachbarin, Leguan-Besitzerin, Selbstmordversuch erprobt. Als Aloys betrunken im Bus einschläft, klaut Vera die Kamera und erpresst ihn. Sie will kein Geld. Sie will leben. Es folgt ein skurriler Seelentrip, Bedrohung und Sehnsucht zugleich. Unfassbar die imaginäre Fete in Aloys Wohnung samt Diskokugel, die dort hinpasst, wie der Papst in ein Striplokal. Soll man lachen oder weinen? Ich weiß es nicht. Aber man kann hoffen.

Ingo Gräber

 

24 WOCHEN


Zweifel

Astrid und Markus stehen mitten im Leben. Sie eine erfolgreiche Kabarettistin, er ihr Manager. Freudig erwartet das Paar sein zweites Kind. Beim nächsten Arzttermin erfahren sie, es wird ein Junge. Und er wird behindert sein. Down-Syndrom. Die Diagnose stellt die beiden vor eine schwere Entscheidung. Doch sie wollen es schaffen, wollen das Kind bekommen. Als neben der Trisomie 21 auch noch ein schwerer Herzfehler beim Embryo festgestellt wird, beginnt Astrid zu zweifeln. An sich selbst, an der gemeinsamen Stärke und vor allem an ihrer Entscheidung.

Es braucht nicht viele Worte um ihre Verzweiflung nachzuempfinden. Ehrlichkeit ist es, was den Film ausmacht und seinen dokumentarischen Charakter unterstreicht.  Julia Jentsch wie auch Bjarne Mädel, der sonst eher durch seinen Humor glänzt, fallen zu keinem Zeitpunkt aus der Rolle und zeigen eine schauspielerische Höchstleistung. Dialoge, Stimmung, Handlung, nichts scheint künstlich. Am Ende ist eine Entscheidung fällig und das nach 24 Wochen.

Jana Wendig

LIEBE HALAL


Amor unverschleiert

Beirut, wie es die meisten nicht kennen. Eine pulsierende Stadt jenseits der Kriege. Allein Amor spielt die Hauptrolle. Und verschiedene Aggregatzustände der Liebe. Eine für uns exotische Liebe in einer islamischen Nachbarschaft mit ihren Freiheiten und Grenzen. Liebe Halal eben. So wie die Kamera immer wieder Bilder von dem chaotischen Kabelsalat der Stromleitungen einfängt, begleiten wir drei Liebespaare durch ihr Leben voller amouröser Verstrickungen. Das ist manchmal romantisch, auch traurig und tragisch und meist sehr sehr komisch. Ein Liebesfilm, der uns einen Blick in den oft verschleierten islamischen Alltag erlaubt – jenseits von 1001 Nacht.

Und wer immer noch von einer Zweitfrau träumen sollte oder die Institution der Zeitehe gar nicht so schlecht findet, könnte nach diesem Film geheilt sein.

Holger Kankel

SVZ-Publikumspreis: Den Lieblingsfilm gewinnen lassen 

Besonders beliebt bei den Filmemachern ist der Publikumspreis. Er wird auch in diesem Jahr wieder von unserer Zeitung gestiftet.  Hier wählen   die Zuschauer ihren Lieblingsfilm. Die Macher können so aus erster Hand erfahren, was beim Publikum ankommt und was nicht. 

Das Verfahren ist ganz einfach: Vor der Vorstellung werden Stimmkarten verteilt. Jeder Zuschauer kann Punkte vergeben – von 1 (schlecht) bis 5 (hervorragend), dafür muss auf der Karte eine der Markierungen eingerissen werden.  Anschließend wird die   Karte dann in die Sammelbox vor dem Kino geworfen. So können  Zuschauer  noch  mit dem ersten, unverfälschten Eindruck über ihren  Lieblingsfilm abstimmen. Dotiert ist der Publikumspreis mit 2500 Euro. Im letzten Jahr  ging der Preis an die Liebeskomödie „Taxi“ von Regisseurin Kerstin Ahlrichs.

AUF EINMAL


Ein  Albtraum

Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht: Sich fragen zu müssen,  ob man  am Tod  eines Menschen  schuld  ist. Karsten muss sich das fragen lassen, denn als Anna in seiner Wohnung zusammenbricht, wählt er nicht den Notruf. Stattdessen rennt er zu einer Klinik in der Nähe – von der jeder weiß, dass sie nachts nicht geöffnet hatte. Was war zuvor wirklich  passiert?  Wer war Anna, die ungeladen  auf  der Party auftauchte? Was wollte Karsten von ihr? Und welche Rolle spielten seine Freunde? Vor Gericht kommen viele Details ans Licht, doch Karstens Schuld kann nicht nachgewiesen werden. Der Jung-Banker aus behütetem Elternhaus wird freigesprochen – und zeigt plötzlich sein wahres Gesicht.

Ob Asli Özges Film auf der Kinoleinwand wirkt, bleibt abzuwarten. Intensiv  und aufrüttelnd ist er allemal.

Karin Koslik

WIR SIND DIE FLUT


Mysteriöse Ebbe

In einem Dorf bleibt eines Tages die Flut aus und mit ihr verschwinden die Kinder des Ortes. Zurück  bleibt bleierne Leere. Irgendwie leer fühlen sich auch die jungen Physiker Jana und Micha, desillusioniert von ihrer wissenschaftlichen Arbeit, für die sie einst so brannten. Trotz Verbots reist das ehemalige Paar, das viel Unausgesprochenes mit sich herumträgt, nach Windholm, um eine Erklärung für die seit Jahren anhaltende Ebbe zu finden. Sie stoßen auf eine Mauer aus Feindseligkeit und Angst. Und erkennen, dass mit reinen Zahlen und Verstand nicht alles zu erklären ist – und des Rätsels Lösung manchmal in einem selbst liegt.

Dramatische Musik, düstere Bilder, unerklärliche Geschehnisse – ein Hauch von Mystery-Thriller liegt über dem Film. Muss man immer alles verstehen? Fakt ist: Am Ende ist Hoffnung – und ein gutes Gefühl.

Silvia Müller

Hannas schlafende Hunde


In dunkler Zeit

Im oberösterreichischen Wels hat die kleine Hanna (Nike Seitz) mit ihrer Mutter Katharina (Franziska Weisz) in den 60ern ein einfaches Leben. Für die Familie gilt als oberstes Gebot, bloß nicht aufzufallen. Diese Regel gehört zum Alltag wie die regelmäßigen Besuche in der katholischen Kirche bei Pfarrer Angerer. Doch Hannas Familie hat ein  – für  das spießige   Dorf mit seinen vielen Alt-Nazis   – schlimmes Geheimnis. Die blinde Großmutter Ruth (Hannelore Elsner) ist Jüdin. Viele wissen es. Manche, wie die Religionslehrerin, ahnen es. Aber alle hassen das Fremde und traktieren Hanna. Ein langsamer Film voller reaktionärer Typen.

Das Unglück der Opfer endet erst, als Ruth  Hanna beibringt, mutig zu sein. Das Mädchen wächst an dem Hass und die Familie findet zu sich. Ein Film über das Leben in dunkler Zeit. Empfehlenswert.

Max-Stefan Koslik

FADO


Kranke Eifersucht

Als dem jungen Arzt Fabian in Berlin eine Patienten verstirbt, die ihn an seine Ex-Freundin Doro erinnert, beschließt er, um Doro zu kämpfen. Er fährt nach Lissabon, wo sie als Architektin arbeitet, sucht sich eine Wohnung, beginnt einen Sprachkurs, kündigt seinen Job und fängt in Portugal ganz neu an. Auch die anfangs von seinem Erscheinen irritierte Doro verliebt sich wieder in ihn. Es könnte also alles so schön sein, wenn das Paar nicht  von seinen alten Problem heimgesucht werden würde: Fabians schon krankhafte Eifersucht, die bedrückend dargestellt wird, gerade durch die Bilder und den Einsatz von Stille im Wechsel mit Lärm.

„Fado“ heißt nicht nur der Film, ursprünglich ist es ein portugiesischer Musikstil, der meistens unglückliche Liebe, Missstände und Sehnsüchte thematisiert.

Tara Gottmann

THANK YOU FOR BOMBING


Die Storymacher

Noch immer kommen die Panikattacken, die Schweißausbrüche, kommt die Atemnot. Es ist schon ewig her, dass Ewald für Österreich aus Kriegsgebieten berichtet hat. Eigentlich wollte er seine Vergangenheit nur vergessen. Doch dann wird er noch einmal nach Afghanistan geschickt.

Schon auf dem Flughafen ist er wieder da. Der Geruch von Leichen. Doch Ewald ist nicht allein. Zwischen Bombenalarm, Sockenwaschen und Bachblütentherapie kreuzt sich sein Weg mit denen von zwei anderen Kriegsreportern. Sie alle führen den gleichen Kampf: Zwischen Angst, Verdrängen und Neugier wollen sie die große Story bringen. „Thank you for Bombing“ zeigt die Geschichte von Kriegsreportern abseits von Kameras und Satellitentelefon. Nervenzerfetzend bis zum Schluss. Nach diesem Film sieht man Krisenberichte mit anderen Augen.

Lisa Kleinpeter

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