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Mecklenburg-Vorpommern

20. September 2017 | 16:30 Uhr

Zahnärztin auf Hausbesuch

vom

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erstellt am 03.Jun.2013 | 09:46 Uhr

Schwerin | Die Bohrmaschine muss heute auch mit - sicherheitshalber. Schließlich stehen zwei neue Patienten mit auf dem Tourenplan, möglicherweise müssen bei ihnen eine Füllung erneuert oder eine Zahnkante abgeschliffen werden.

Cindy Schneider stellt daher auch die kleine braune Arzttasche bereit, in der ihre Chefin, Dr. Elisabeth Frauendorf, das tragbare Gerät transportiert. Daneben reiht sie die Tragetaschen auf, in die sie zusammen mit der zweiten zahnmedizinischen Fachangestellten, Franziska Schulze, die Gerätschaften für die einzelnen Stationen der heutigen Hausbesuchstour einsortiert hat: Handschuhe, Patientenumhänge, Abdrucklöffel, Mundspiegel, Farbskala…

Das Kartenlesegerät muss mit auf Tour

Um 12, als der letzte von 17 Patienten an diesem Vormittag die Praxis im Schweriner Stadtteil Mueßer Holz verlassen hat, steigt das dreiköpfige Praxisteam in das Auto der Zahnärztin. "Hat jemand an das Handy gedacht?", fragt sie über die Schulter. Gemeint ist das tragbare Kartenlesegerät - für Patienten, die die Zahnärztin zum ersten Mal in diesem Quartal besucht.

Bei Ursula Ecke, der ersten Patientin auf der Hausbesuchstour, ist das nicht der Fall. Dr. Frauendorf musste ihr vor kurzem einen Zahn ziehen - heute soll der Abdruck für die zu verändernde Prothese genommen werden. Die alte Dame, die seit sieben Jahren im Pflegeheim von der Zahnärztin betreut wird, kommt gerade aus dem Bad, als das Praxisteam in ihr Zimmer geführt wird.

"Lassen Sie uns doch gleich hier bleiben, hier ist das Licht besser", schlägt die Zahnärztin vor. Während sie noch einmal die Mundhöhle der Patientin kontrolliert, rühren ihre Mitarbeiterinnen die grüne Masse für den Abdruck an. Wenig später schon hat Frau Ecke den Abdrucklöffel im Mund. Sie schluckt ein paarmal - und lächelt dann tapfer. "Ich muss mich doch mit Frau Doktor gut stellen, sonst zieht sie mir den nächsten Zahn noch ohne Narkose", scherzt sie, als die unangenehme Prozedur überstanden ist. Während sie sich einen Rest der grünen Masse aus dem Mundwinkel reibt, verabschiedet sich die Ärztin schon wieder: "Morgen um dieselbe Zeit bringe ich Ihnen Ihre Prothese vorbei."

Auch die nächste Patientin, die im selben Heim eine Etage höher wohnt, braucht eine neue Prothese. Weil sie an fortgeschrittener Demenz leidet, könnte es schwieriger werden, einen Abdruck zu nehmen. Franziska Schulze hält sicherheitshalber ihre Hand - doch die Seniorin ist heute gut drauf. Selbst mit der Abdruckschiene im Mund summt sie leise vor sich hin. Stolz zeigt sie einen Fotokalender: die Familie, die alte Heimat… "Königsberg - stammen Sie von da?", fragt Dr. Frauendorf.

Alles begann im Pflegeheim nebenan

Im Auto, auf der Fahrt zum nächsten Pflegeheim, erzählt die 59-Jährige, warum sie Hausbesuche macht: "Das hatte zum einen damit zu tun, dass meine Patienten immer älter wurden. Irgendwann konnten sie nicht mehr in die Praxis kommen - da bin ich dann zu ihnen gefahren und hab sie gegebenenfalls sogar im Bett behandelt. Außerdem gab es früher unmittelbar neben meiner Praxis ein Pflegeheim, um dessen Bewohner ich mich gekümmert habe."

Bei Angehörigen und Betreuern habe sie damals, in den 90er Jahren, erst um Anerkennung kämpfen müssen. Inzwischen habe sich aber ein enormes Vertrauensverhältnis entwickelt.

Viel verdienen könne man mit den Hausbesuchen nicht, erklärt die erfahrene Zahnärztin. Zwar kann seit April bei den gesetzlichen Krankenkassen dafür eine zusätzliche Leistungsposition abgerechnet werden, doch auch das sei nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. "Ich habe zum Beispiel einen riesigen Aufwand, weil ich alle Behandlungen immer erst mit den Angehörigen oder den gesetzlichen Betreuern meiner Patienten absprechen muss. Dazu kommen die Bewilligungsbescheide, die von den Krankenkassen eingeholt werden müssen - da kann schon mal ein viertel Jahr vergehen, bis ich endlich mit der Reparatur einer Prothese anfangen kann."

Der Mehraufwand wird nur teilweise erstattet

Fahrtkosten würden als Pauschale erstattet, doch kostendeckend sei das selbst dann nicht, wenn sie nacheinander mehrere Patienten in einer Einrichtung behandelt. Und auch wenn sie sich mittlerweile zwei halbe Tage pro Woche für die Hausbesuche frei hält - in der Praxis könnte Dr. Frauendorf in der selben Zeit mindestens doppelt so viele Patienten behandeln, und das unter weitaus komfortableren Bedingungen.

Die nächste alte Dame, zu der sie an diesem Tag gerufen wurde, liegt in einem schummrigen Zimmer im Bett. Sie hatte sich die Lippe aufgerissen, weil möglicherweise etwas mit ihren Zähnen nicht in Ordnung war - so hatte es eine Pflegerin am Telefon geschildert. Die Zahnärztin, die zum ersten Mal hier ist, ist über den Befund erschrocken. Abgebrochene Zahnwurzeln, behandlungsbedürftige Stummel und eine angeknackste, dazu noch schlecht sitzende Prothese lässt sie ihre Mitarbeiterin protokollieren. Heute darf Dr. Frauendorf nur eine Notfallversorgung vornehmen. Und für die wird tatsächlich die Bohrmaschine gebraucht. Franziska Schulze betätigt auf der einen Seite des Bettes das Fußpedal, während sich ihre Chefin von der anderen aus über die Patientin beugt. "Es tut nicht weh, ich schleife jetzt hier nur eine Kante ab, die Ihnen die Lippe aufgerissen hat", beruhigt sie die verängstigt zu ihr aufschauende Frau.

Viel steht und fällt mit dem Pflegepersonal

Im Auto muss sich die Ärztin dann erst einmal selbst beruhigen: "Das war eine Situation, die ich gar nicht mag - und die heute auch gar nicht mehr vorkommen dürfte." Man könne doch einen alten Menschen nicht jahrelang mit abgebrochenen Zahnwurzeln im Mund rumlaufen lassen, daraus könne sich ein Abszess oder noch Schlimmeres entwickeln.

"Es steht und fällt ganz viel mit dem Pflegepersonal", betont Dr. Frauendorf. Sie hat bereits in verschiedenen Heimen Schulungen durchgeführt - aber die Fluktuation sei noch größer als die Arbeitsbelastung…

Im nächsten Heim ist man auf regelmäßige Zahnarztbesuche eingestellt. Die Sozius GmbH, der Betreiber, hält hier eine mobile Behandlungseinheit vor. Den Koffer, in dem sich eine moderne Bohrmaschine mit Absaugeinrichtung und allem Drum und Dran befindet, dürfte Dr. Frauendorf auch in andere Heime des Betreibers mitnehmen. "Aber er wiegt 20 Kilogramm - das ist zu schwer, um ihn ständig ins Auto und wieder rauszuhieven." Bei den nächsten beiden Patienten ist er ohnehin nicht nötig: Bei dem einen soll die Ärztin einschätzen, ob er Zahnersatz braucht. Beim nächsten hatte die Ehefrau um den Termin gebeten, weil sie fürchtete, ihr Mann könnte eine Zahnentzündung haben. Doch Dr. Frauendorf kann Entwarnung geben: Ein Zahn hat sich zwar etwas gelockert, aber noch ist er gesund.

Die letzte Station auf dieser Tour ist auch die kürzeste: Einer Pflegeheimbewohnerin ist die Prothese zerbrochen, sie wird zur Reparatur abgeholt. Zuvor muss allerdings die Krankenversichertenkarte eingelesen werden.

Nach der Tour folgt die Tortur im Büro

Noch drei Kilometer - dann ist die Hausbesuchstour für diesen Tag vorbei. Der Arbeitstag der Zahnärztin und ihrer beiden Angestellten ist es aber noch nicht. Das Labor ist anzurufen, damit die Abdrücke abgeholt werden. Alle auf Karteikarten notierten Befunde und Behandlungsschritte müssen in den Computer eingegeben werden. Und schließlich müssen alle Gerätschaften gereinigt, sterilisiert und für den nächsten Tag bereitgestellt werden - auch die mobile Bohrmaschine.

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